Grenzpfähle bei Ronneburg
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Einer der Grenzpfähle, der sich einst auf der preußischen Seite befand, im Hintergrund ist die Silhouette die Ronneburg zu sehen.

Geschichte

Hessen trifft Preußen: Wie in Ronneburg der ehemalige Grenzverlauf deutlich wird

  • vonIngbert Zacharias
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Vor über 150 Jahren verlief die Grenze zwischen Preußen und Hessen bei der Ronneburg. Auch heute ist diese Grenze noch auf besondere Art und Weise zu erkennen.

Ronneburg – Einst standen die Preußen an der Ronneburg. Sagt der eine: „Hier, Du da driwwe, derffst Du da rum-stehe?“ Sagt der andere: „Jawoll, ick darf det; ick bin Preuße!“ Dieser kurze, aber recht markante Wortwechsel zwischen zwei Männern könnte vor mehr als 150 Jahren an einer Grenze stattgefunden haben, die es schon lange nicht mehr gibt und heute nur noch den wenigsten bekannt ist.

Allerdings liegt die alte Trennungslinie zwischen zwei seinerzeit recht großen Territorien nicht etwa in der Rhön an der ehemaligen Zonengrenze, sondern im beschaulichen Ronneburger Hügelland und ist immer einen Tagesausflug zu Fuß oder mit dem Rad wert.

Grenzpfähle sind von der Straße aus zu sehen

Ist man nördlich des Hüttengesäßer Neubaugebiets „Helgenhaus“ auf dem Kirchweg in Richtung Neuwiedermuß unterwegs, so sieht man über die Straße hinweg schon in der Ferne die gut drei Meter hohen Grenzpfähle, die sich im großen Abstand zwischen der Burg und dem Jugendzentrum den Hügel hinaufziehen und dann im Wald verschwinden. Die großen Holzpfosten sind auf der einen Seite rot-weiß, auf der anderen Seite schwarz-weiß angemalt und markieren so die einstigen Herrschaftsgebiete des Königreichs Preußen sowie der Grafschaft Hessen-Darmstadt.

Die Ronneburg selbst hat nichts mit dem ehemaligen Grenzverlauf zu tun; das Ganze basierte auf einem Gebietsanspruch Preußens gegenüber Österreich und seinen Verbündeten nach der von Preußen gewonnenen Schlacht bei Königgrätz im Juli 1866.

Die Sieger annektierten als Kriegsbeute neben Schleswig-Holstein, Hannover und der Reichsstadt Frankfurt unter anderem auch Kurhessen und Nassau und drangen dadurch bis ins Ronneburger Hügelland vor.

Territoriale Erweiterung sorgte für die Gründung des Deutschen Reiches

Diese territoriale Erweiterung führte im Übrigen kurze Zeit später zur Gründung des Norddeutschen Bundes, in dem alle nördlich des Mains gelegenen deutschen Staaten aufgingen und der die Basis für die Gründung des Deutschen Reiches im Jahr 1871 war.

Die preußisch-hessische Grenze wurde im Bereich des heutigen Ronneburg nicht etwa akkurat mit dem Lineal gezogen, wie es die nachträglich aufgestellten hohen Pfosten vermitteln wollen. Im Gegenteil: die Trennungslinie zog sich sehr geschlängelt durch die Landschaft und richtete sich dabei wohl nach vorhandenen Gemarkungen und Wasserläufen. Sichtbar gemacht wurde sie damals mit wuchtigen Grenzsteinen, von denen heute noch einige wenige in den Wäldern zu finden sind.

„Die großen roten Sandsteinblöcke zeigten die Inschriften KP für das Königreich Preußen sowie GH für die Grafschaft Hessen-Darmstadt“, erzählt Paul Wiltheiß, der in Neuwiedermuß fast direkt an der Grenzlinie, aber noch „im Preußischen“ wohnt. Nach seinem Wissen zieht sich die Linie durch den Wald über die Hügel bis nach Mittel-Gründau.

Auch steinerne Markierungen sind zu finden

Ganz vereinzelt kann man auf dieser Strecke noch Reste der steinernen Markierungen finden. Hierfür ist man am besten zu Fuß unterwegs. Dabei muss man allerdings schon genauer hinschauen – oft sind die rechteckigen Sandsteine schon fast im Boden versunken oder aber unter dichtem Gestrüpp verborgen. Im Laufe der Jahre wurden einige der dicken Wacker, die wohl im Weg standen, beseitigt; möglicherweise hat auch der eine oder andere Felsblock in einem Garten oder Kellerraum einen neuen, sicheren Ruheplatz gefunden.

Als Orientierungshilfen für eine Grenzwanderung dienen die großen schwarz-rot-weißen Markierungspfähle, von denen der erste noch an der Neuwiedermußer „Lehnwiese“ nahe dem dortigen Reitsportzentrum steht. Fährt man anschließend auf der anderen Ortsseite die Autostraße zum Jugendzentrum hinauf, steht an der ersten langen Geraden rechts ein weiterer Pfosten.

Von dort erblickt man links am Hang sogleich die anderen Pfähle – und einen Wachturm! Wer nun hier einen Hinweis auf eine ehemals bewachte Grenze vermutet, der kann schnell beruhigt werden: Es handelt sich nur einen weithin sichtbaren Hochsitz, der aber einem Beobachtungsturm schon sehr ähnelt und den Blick von Neugierigen unweigerlich auf sich zieht.

Grenze spielt heute keine Rolle mehr

Die alte Trennungslinie zwischen Hessen und Preußen ist schon lange Geschichte und spielt heute im friedlichen Hügelland rund um die Ronneburg überhaupt keine Rolle mehr.

Doch eine deutliche Spur hat der historische Grenzverlauf von 1867 bis heute dennoch hinterlassen – in den Namen der bei-den kleineren Ortsteile von Ronneburg. Während das nach der damaligen Gebietsaufteilung weiterhin zu Hessen-Darmstadt gehörende Dorf Altwiedermus gemäß dem Motto „Isch saaach’s uff Hessisch!“ mit einem gemütlich-weichen „s“ am Ende geschrieben wird, haben die einstigen „preußischen“ Dörfer Neuwiedermuß und Hüttengesäß seit dieser Zeit ein zackig-scharfes „ß“ am Ende des Ortsnamens.

Wer sich’s nicht behalten kann, für den gibt es übrigens eine Eselsbrücke: Neuwiedermu(ß) liegt näher an Hüttengesä(ß) als Altwiedermu(s).

Bittere Niederlage für Österreich 1866 bei Königgrätz

Bei der für die spätere Grenzziehung bedeutsamen Entscheidungsschlacht zwischen Preußen und Österreich, auf dessen Seite unter anderem auch die Hessen kämpften, standen sich am 3. Juli 1866 nahe des böhmischen Orts Königgrätz auf jeder Seite mehr als 200 000 Soldaten gegenüber. Das große Gemetzel endete mit einer bitteren Niederlage der Österreicher, die mit beinahe 6000 Toten fast dreimal so viele Soldaten verloren wie der Gegner. Ein Grund hierfür war – neben taktischen Fehlern der Habsburger Generalität – das neue Zündnadelgewehr auf preußischer Seite. Während die Österreicher ihre alten Vorderlader-Gewehre im Stehen oder Knien „stopfen“ mussten und dabei ohne Deckung waren, luden die Preußen ihre Waffen im Liegen nach und boten dadurch dem Gegner während dieser Zeit keine Angriffsfläche. Zudem war die Schussfolge der Preußen-Gewehre dreimal höher als die der gegnerischen Waffen. az

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