Ein lauschiges Plätzchen für Mensch und Tier: Unterm schattigen Blätterdach von Bäumen lässt es sich in der mittäglichen Juli-Gluthitze gut aushalten. Helga (links) und Samira Schmidt sowie das Federvieh von ihrem Hühnermobil verstehen sich prächtig. Fotos: Axel Häsler

Ronneburg

Hühnermobil: Federvieh lebt in Ronneburg wie Gott in Frankreich

Ronneburg. „So ein Huhn läuft halt nicht gern – höchstens 500 Meter weit“, hat Helga Schmidt, Landwirtin aus Ronneburg, beobachtet.

Von Torsten Kleinerüschkamp

Damit so eine lauffaule Gackerschar im abgezirkelten Gehege niemals eine Wüstenei samt Kraterlandschaft hinterlässt, da die Truppe immer auf gleichem Terrain kratzt, scharrt, Kuschel-Kuhlen buddelt und den Boden auf der Körner-Suche zerfurcht, ist das Hühnermobil für die anspruchsvolle Freilandhaltung ersonnen worden.

Per versetzbarem Stall auf Rädern wandert stets die Bewohnerschaft artig mit. Folglich gibt's zum schöner Wohnen ein schöner Picken. Ist das Gras immergrün, wie hier am Neuwiedermußer Ortsrand, lebt es sich für Ronneburger Hühner wie Gott in Frankreich.

Ziegenbock Trump schreckt Fuchs ab

Die Schmidts, die eine Milchviehhaltung mit 300 Kühen haben, bauen sich per Hühnermobil ein neues Standbein auf. Sohn Johannes und Ehefrau Samira haben die stolze Summe von 40 000 Euro in den Hightech-Anhänger investiert. Er ist die Basis für die anspruchsvolle Freilandhaltung glücklicher Hühner. Die Eier werden ab Hof in der Hanauer Straße 9 direkt vermarktet.

Jeden Tag können es derzeit Samira und Schwiegermutter Helga Schmidt im wahrsten Sinne des Wortes kaum fassen. „Bis 11 Uhr hatten wir heute 209 Eier. Bis zum Nachmittag kommen noch einige dazu“, sagt Helga Schmidt. Und weil an jenem Tag das Thermometer auf 39 Grad im Schatten klettert, die Menschen schon mal schwindeln lässt, ist das Federvieh putzmunter und eiertechnisch in potentester Legelaune auf ihrem Areal am Ortsrand.

Mobilehome fürs Federvieh: Das Hühnermobil hat 40 000 Euro gekostet. Es hat die Größe eines Lastwagenanhängers. Die Hennen mögen den Camper und lohnen dies mit täglich 200 Eiern, berichten Helga Schmidt (links) und Schwiegertochter Samira.

Freilich weiß so ein helles Huhn auch, dass es sich im Schatten leichter leben lässt. Zusammen mit den Ziegen Obama, Trump und Paul (so nennt sie Reiner Schmidt) oder alias Hugo, Cosmo und Crisou (so heißen sie bei Samira) hat sich die tierische Gesellschaft an jenem Tag in den Schatten von Eichen geflüchtet.

„Uns geht es darum, Qualität vor Quantität zu produzieren“, sagt Samira Schmidt. Die Tiere erhalten GVO-freies Futter. GVO steht für gentechnisch veränderter Organismus. „Wir bieten mehr als bio, weil es unseren Tieren wirklich gut geht bei unser Freilandhaltung“, ergänzt die Schwiegermutter. Die Schmidts haben 240 Hühner der Rasse Isa braun und fünf weiße Hähne bei einem Züchter in Nordhessen erworben. Mitte Juni werden die 18 Wochen alten Tiere nach Neuwiedermuß geliefert. Nach dem Eingewöhnen fangen die Hühner prompt und wie nach Lehrbuch ab dem jüngst möglichen Lebensalter, nämlich mit 20 Wochen, mit der Eierproduktion an.

Um vier Uhr geht das Licht an

Das Hühnermobil hat eine Solaranlage auf dem Dach. Sie liefert den Strom für das Raumlicht. Um 4 Uhr springt stets automatisch die LED-Beleuchtung im „Schlafzimmer“ der Hühner an. „Die Hühner brauchen für ihre Legeleistung eine bestimmte Menge Licht“, erklärt Reiner Schmidt. Bereits ab 10 Uhr können die ersten frisch gelegten Eier eingesammelt werden. „Ich kümmer mich aber um die Kühe, und die Mädels um die Eier“, betont er.

Das Hühnermobil, das die Größe eines Lastwagenanhängers hat, besitzt einen Futterspeicher. Der Behälter hat eine Größe für eine Woche Vorrat. Die Klappen, die ins Freie führen, öffnen sich jeden Tag – sommers wie winters – stets um 10 Uhr. „Es ist wichtig, immer den gleichen Rhythmus beizubehalten. Auch im Winter sollten sich die Tiere mindestens zehn Stunden im Freien am Tageslicht tummeln. Dies ist auch erforderlich, um den Vorschriften des Siegels für Freilandhaltung Genüge zu leisten. Abends gehen die Klappen stets um 22.30 Uhr zu.

Süße Träume in tierischer WG

Bis sich die Anschaffung des Hühnermobils amortisiert, wird es acht Jahre dauern, heißt es vor Ort. Nach zirka acht Jahren sei das Fahrzeug abgeschrieben. Um es Fuchs undamp; Co. ein bisschen schwerer zu machen, ist der Wanderzirkus stets mit einen Elektrozaun umfriedet. Warum eigentlich die drei Ziegenböcke mit in der WG leben, erklärt Helga Schmidt. Man solle größere Tiere zu den Hühnern hinzugesellen, um Raubvögel zu irritieren.

„Manche nehmen hierfür auch Alpakas“, sagt sie. Für das Projekt haben die Schmidts eigens die Hühnerparadies Schmidt GbR gegründet, weil es sich bei der Vermarktung von Hühnereiern im Gegensatz zur privilegierten Milchwirtschaft um eine gewerbliche Tätigkeit handelt. Den drei Böcken kann das egal sein. Obama, Trump und Paul (alias Hugo, Cosmo, Crisou) lassen sich gerne abends im Camper einschließen. Sie krabbeln dann und wann mit den Hühnern ins Nest. Klappen zu, und dann träumen Huhn und Ziegen von einem Leben wie Gott in Ronneburg.

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