Gesine Wilke, Direktorin des Amtsgerichts (Dritte von rechts), übernahm die Vereidigung und Antseinführung im Beisein von Bürgermeister Klaus Schejna (links) und den ehemaligen Schiedspersonen Karin Arcan-Meiers und Dr. Oliver Everling.
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Gesine Wilke, Direktorin des Amtsgerichts (Dritte von rechts), übernahm die Vereidigung und Amtseinführung von Manuela Epperlein-Thomas und Razwan Ahmad im Beisein von Bürgermeister Klaus Schejna (links) und den ehemaligen Schiedspersonen Karin Arcan-Meiers und Dr. Oliver Everling (rechts im Bild).

„Schlichten statt richten“

Manuela Epperlein-Thomas und Razwan Ahmad sind die Neuen im Rodenbacher Schiedsamt

  • VonPatricia Reich
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Zehn Jahre lang war Karin Arcan-Meiers die Ansprechperson in Rodenbach, wenn es um außergerichtliche Streitschlichtung ging. Nachdem sie allerdings für die Grünen in den Gemeindevorstand einzog, legte sie ihr Amt nieder (wir berichteten). Zugleich stellte auch Dr. Oliver Everling sich nicht mehr als stellvertretender Schiedsmann zur Wahl.

Rodenbach – Nachdem die Wahl einer neuen Schiedsperson öffentlich ausgeschrieben wurde, meldeten sich neun Personen, die sich Anfang Juli der Gemeindevertretung vorstellten. In der anschließenden Wahl setzte sich Manuela Epperlein-Thomas durch. Unterstützt wird sie von ihrem Stellvertreter Razwan Ahmad.

Neue Schiedsfrau: Die Juristin und Grundschullehrerin Manuela Epperlein-Thomas ist für die nächsten fünf Jahren die Schlichterin in Rodenbach.

Lehramt und Jura studiert

Die 44-Jährige konnte nicht zuletzt durch ihren beruflichen Hintergrund überzeugen. Die gebürtige Dresdenerin schloss in ihrer Heimatstadt das Erste Staatsexamen in Jura ab. „Bereits während meines Studiums habe ich viel mit Menschen, vor allem mit Kindern nebenher gearbeitet. Und nachdem ich das Erste Staatsexamen gemacht hatte, war mir klar, dass Jura nicht das ist, was ich möchte. Ich wollte in einem Beruf arbeiten, in dem man vom eigenen Handeln unmittelbar den Erfolg sieht“, erklärt sie ihren beruflichen Wandel. Epperlein-Thomas folge ihrem Mann nach Frankfurt und entschied sich, Lehramt für die Grundschule zu studieren. Der Weg nach Rodenbach führte die dreifache Mutter über Maintal, wo sie auch an einer Schule tätig war. „Doch noch immer ist das Recht meine Leidenschaft. Ich finde es nach wie vor spannend und ich lese viel Fachliteratur, um mich auf dem Laufenden zu halten.“ Besonders wichtig sei es ihr, den Blickwinkel zu weiten. „Das habe ich auch von Anfang an versucht, meinen Kindern mit auf dem Weg zu geben.“ Bewusst entschied sie sich mit ihrem Mann, die Kinder, die mittlerweile 16, 13 und sechs Jahre alt sind, in einer integrativen Kita anzumelden. „Die Kinder sollten keine Hemmschwellen haben gegenüber Menschen, die beeinträchtigt sind und lernen, niemanden vorzuverurteilen.“

Seitdem engagiert sie sich auch im Verein für Körper- und Mehrfachbehinderte Main-Kinzig, dem Patenverein der Kita Zauberwald. Zudem ist sie in verschiedenen Elternbeiräten aktiv.

Schiedsamt wird in Rodenbach wertgeschätzt

„Das Schiedsamt wird oft sehr stiefmütterlich behandelt und bekommt nicht so sehr die Aufmerksamkeit in der Gesellschaft“, legt sie ihren Blick auf das neue Amt dar. Sie selbst habe vor zwei Jahren das Schiedsamt in Rodenbach in Anspruch genommen, daher kann sie aus Erfahrung sagen: „In Rodenbach funktioniert die Kommunikation in der Gemeindeverwaltung recht gut. Wenn jemand Probleme hat, findet er dort auch Hilfe.“ Generell wurde sie in Rodenbach gut aufgenommen, als sie vor vier Jahren mit ihrer Familie dort hinzog.

Razwan Ahmad ist der neue Stellvertreter im Schiedsamt. Dass sein neues Ehrenamt das Miteinander und den Dialog fördert, begeistert ihn.

Diese Erfahrung teilt auch Razwan Ahmad. Der 33-jährige Offenbacher zog vor zwei Jahren mit seinen Eltern nach Rodenbach. „Hier ist es sehr familiär und ich habe das Gefühl, zu Hause angekommen zu sein.“ Ahmad stieg nach seinem Wirtschaftsabitur in Frankfurt direkt ins Berufsleben ein und ist im Werkschutz eines Rechenzentrums in Offenbach tätig, lange in leitender Position. „Ich habe für mehrere Sicherheitsunternehmen, teilweise auch im Ausland, gearbeitet“, berichtet er. Aktuell hat er die Corona-Pause genutzt und bereitet sich auf seine berufsbegleitende Meisterprüfung für Schutz und Sicherheit vor. Danach ist ein Masterstudium geplant. Viele Jahre engagierte er sich zudem als Kreisleiter der Jugendarbeit für die Ahmadiyya Gemeinde in Offenbach. „Nach meinem Umzug bin ich für die Gemeinde in Hanau aktiv und unterstütze dort die Jugendarbeit.“

Dialog ist wichtig

Auf die vakante Stelle im Schiedsamt ist er über den Newsletter der Gemeinde aufmerksam geworden. „Zunächst habe ich mich informiert, was eine Schiedsperson machen muss und es hat mir gefallen, was ich gelesen habe: Schlichten statt richten. Es wird mittlerweile zu viel gleich vor Gericht ausgetragen.“ Besonders begeistere ihn an dem Amt, dass das Miteinander, der Dialog und der Austausch gefördert werdn.

Auch Epperlein-Thomas setzt auf den Dialog. In erster Linie gehe es ihr darum, Menschen, die einen Streitfall haben, einen anderen Blickwinkel aufzuzeigen. „Mein Ziel ist es, dass die Menschen beginnen, von ihrer Denkweise abzurücken und dann, dass sie miteinander reden.“

Freunde schlugen ihr das Ehrenamt vor

Selbst wäre Epperlein-Thomas nicht auf die Idee gekommen, sich als Schiedsfrau zu bewerben. „Ich habe vorher öfters schon im Freundeskreis bei Streitfällen vermittelt und wurde angesprochen, ob ich mich nicht für das Amt bewerben möchte. Meine Vorkenntnisse im Recht und als Lehrerin sind gute Voraussetzungen für die Tätigkeit.“ Vor allem falle es ihr leicht, der rechtlichen Sprache und den Vorgaben zu folgen. „Das verstehe ich gut.“ Dennoch möchte sie die Fortbildungen für das Amt absolvieren. „Es wird dort viel aus der Praxis berichtet und Strategien erlernt. Das finde ich megaspannend.“

Den anderen dort abholen, wo er gerade ist und mitnehmen, um einen Vergleich zu erzielen, möchte auch Ahmad. Seine Stärke sei sein empathisches Wesen, sagt er über sich selbst. „Als ältestes Kind mit vier jüngeren Schwestern, musste ich oft Streitereien schlichten.“

Tipps von ehemaliger Schiedsfrau

Beide hoffen, viele Streitigkeiten beilegen zu können. Zwei Verfahrensanträge liegen Epperlein-Thomas bereits vor. Karin Arcan-Meiers gibt ihren Nachfolgern noch einen guten Tipp mit auf den Weg: „Gerade im Schiedsamt zeigt sich, dass jede Partei denkt und handelt, als ob nur die eigene Sicht auf den meist nachbarschaftlichen Konflikt möglich sei. Im Überwinden der eingeschränkten Sichtweisen beider Parteien liegt das Potenzial der Konfliktlösung. Bei der Vermittlung nach einer für beide Seiten zufriedenstellenden Lösung helfen der Schiedsperson vor allem Allparteilichkeit, Verständnis, Geduld, gesunder Menschenverstand und ein Wissen um die Kraft von Fragen.“

Arcan-Meiers wünscht den neuen Schiedspersonen „für ihr anspruchsvolles Ehrenamt eine gute Zusammenarbeit, obige Eigenschaften und viel Spaß bei den Rollenspielen in den Seminaren.“ Bei Fragen, gebe sie gerne ihre Erfahrung aus rund einhundert Schiedsvermittlungen weiter.

Wer das Schiedsamt in Anspruch nehmen möchte, erreicht Manuela Epperlein-Thomas unter Telefon 06184 9480998. (Von Patricia Reich)

Das Schiedsamt bietet schnelle und unbürokratische Hilfe bei Konflikten

Bereits seit 180 Jahren besteht das Amt der Schiedsfrauen und Schiedsmänner. Schiedsämter gibt es in jeder hessischen Gemeinde. Die Amtsinhaber werden auf Vorschlag der Gemeindevertretung auf fünf Jahre gewählt. Die Leitung des zuständigen Amtsgerichts bestätigt daraufhin die Wahl. Das Schiedsamt ist oftmals der schnellste Weg, Meinungsverschiedenheiten und Konflikte unbürokratisch und kostensparend zu lösen. Das Schiedsamt kann bei Streitigkeiten des täglichen Lebens um bürgerlich-rechtliche Ansprüche angerufen werden. Bei bestimmten Nachbarschaftsstreitigkeiten sowie bei Ansprüchen aus Verletzungen der persönlichen Ehre ist der Werg zum Schiedsamt ein „Muss“. Bei „kleineren“ Straftaten wie Hausfriedensbruch, Beleidigung, Körperverletzung, Verletzung des Briefgeheimnisses, Bedrohung und Sachbeschädigung verweist die Staatsanwaltschaft in manchen Fällen zunächst auch auf das Schiedsamt. Bei einer Einigung der Streitparteien wird ein Vergleich aufgesetzt. Die Kosten für Schlichtungsverhandlungen liegen laut dem Hessischen Ministerium der Justiz zwischen 20 und 50 Euro zuzüglich der im Einzelfall verursachter Auslagen. (par)

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