Noch reicht der Blick weit in die Ferne, aber nicht mehr lang: Hagen Römer verliert hier wohl zehn Prozent seiner landwirtschaftlich genutzten Fläche. Von den Wohnblöcken rechts im Hintergrund bis zu seinem Spargelacker soll einmal das Neubaugebiet an der Adolf-Reichwein-Straße reichen. Foto: Torsten Kleinerüschkamp

Rodenbach

Landwirt verliert sechs Hektar Anbaufläche wegen Baugebiet

Rodenbach. „Wenn die Fläche einmal weg ist, ist sie für immer weg.“ Hagen Römer ist Realist. „Wir sind seit 400 Jahren hier in Niederrodenbach Bauern“, sagt der große Mann mit der Statur und der Frisur eines Neil Young, das Gesicht wettergegerbt. Der Vater war schon Bauer, dessen Vater auch und so weiter und so fort.

Von Torsten Kleinerüschkamp

„Wir sind schon immer verdrängt worden, zuletzt von der Dorfmitte an den Ortsrand“, sagt der 55-jährige Landwirt eines typischen Aussiedlerhofs, wie sie überall in der Nachkriegszeit in Deutschland entstanden waren. Für ihn und seine Familie beginnt gerade ein neues Kapitel der Genealogie, die vielleicht mit dem Kapitel „Verlust“ überschrieben werden könnte.

Der Betrieb der Römers an der Alzenauer Straße ist auch bekannt und geschätzt durch „Petras Hofladen“. Ehefrau Petra verkauft hier Spargel, Kartoffeln, Kürbisse, Rindfleisch, Hausmacherwurst aus eigener Erzeugung sowie zahlreiche regionale landwirtschaftliche Produkte anderer Erzeuger. Es gibt 50 Rinder, auch Schweine, etwa 20 Pferde und natürlich die Anbauflächen für verschiedene Sorten von Getreide und Mais.

Baufläche von 20 bis 30 Hektar

Ein Teil der Äcker grenzt unmittelbar an das geplante Neubaugebiet „Südlich der Adolf-Reichwein-Straße“ an. Hier will die Gemeinde Rodenbach in den nächsten Jahren und Jahrzehnten zirka 1000 Neubürgern ein neues Zuhause ermöglichen. Das Baugebiet soll in Abschnitten verwirklicht werden. Ein Ärztehaus und ein Lebensmittelmarkt sollen auch gebaut werden.

Auf dem Areal, dessen Größe je nach Quelle und verschiedener Zeit zwischen 30 und 20 Hektar angegeben worden ist, soll es durch die in Rodenbach historisch gewachsene Praxis der Realteilung etwa heute 70 Eigentümer und Eigentümergemeinschaften geben. Der Bebauungsplan ist noch nicht rechtskräftig. Die zweite Offenlage muss noch erfolgen. Es hat die erste Eigentümerversammlung stattgefunden.

Zehn Prozent von Betriebsgröße

Die Entwicklung hat die Gemeinde einem Treuhänder übergeben. Die Eigentümer können entweder ihr Land verkaufen oder gegen Bauland eintauschen. „Ich verliere dadurch etwa sechs Hektar Anbaufläche. Das sind zehn Prozent meiner Betriebsgröße“, beklagt er.

Er hat das Land von zehn Eigentümern gepachtet. „Heute habe ich wieder eine Kündigung bekommen, mein größter Acker hier“, berichtet der Vater dreier Kinder mit gefasster Stimme, weil er das schon vorausgesehen hat. Der landwirtschaftliche Betrieb soll aber ein Generationenprojekt bleiben. Zwei Töchter wollen als Hofnachfolgerinnen den Betrieb einmal weiterführen. Sie setzen vor allem auf Pferdehaltung.

"Stoppt Landfraß"

Ersatz für die weggefallenen Flächen gibt es in Hofnähe nicht. Er schlägt sich den Kragen seiner sandfarbenen Fleecejacke hoch. Der Wind ist ungemütlich. Es ist schon ungewöhnlich lange kalt in diesen Maitagen. „Was nützt mir ein Acker in Oberissigheim?“, fragt er.

Es liegt auf der Hand: Mit Traktor, Anhänger und Erntemaschine 15 Kilometer weit fahren, rechnet sich weder zeitlich noch wirtschaftlich. An einer Holzsäule im Hof des Vollerwerbslandwirtes hängt ein großes rotes Schild mit der Aufschrift „Stoppt Landfraß“. Hier hat sich Römer gemeinsam mit Mitgliedern der Bürgerinitiative Rodenbach und deren Sprecher Thorsten Rupp für diese Zeitung fotografieren lassen.

Das große Übel der Zeit

Allen gemein ist das Gefühl der Ohnmacht, obgleich sich die BI-Mitglieder durchaus kämpferisch geben. Die BI hat auch den Kontakt mit Römer vermittelt und war zusätzlich mit den Mitgliedern Gerda Schulz, Thomas Apel, Danuta Nawrat und Gerhard Alexander bei dem Pressegespräch mit von der Partie.

Der „Landfraß“ ist nach Hagen Römers Ansicht ein großes Übel der Zeit. Hier zu Lande werde zu leichtfertig zu viel Ackerland in Bauland umgewandelt, auch wenn seine in Rodenbach bewirtschafteten Böden nur die Güteklasse von 25 bis 40 hätten. Die Skala der Güteklasse reicht bis 100 Prozent. Der Rodenbacher Bauer kann nicht verstehen, dass in der Wetterau „80er-Böden“ unwiderruflich in Neubaugebiete umgewandelt werden.

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