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Sport

Pro und Kontra zur Fusion von Sportvereinen

Sport. Da derzeit zwei Fußballklubs in Rodenbach um einen Kunstrasenplatz kämpfen, der nur einem der beiden Vereine zukommen kann, steht die Frage nach einer Fusion im Raum. Doch das ist ein strittiges und emotionales Thema. Die HA-Redakteure Yvonne Backhaus-Arnold und Holger Weber haben Argumente dafür und dagegen gesammelt:

PROZukunft geht nur gemeinsam

Von Yvonne Backhaus-Arnold

Ich bin von Haus aus Handballerin. Vielleicht habe ich deswegen einen offenen Blick für Spielgemeinschaften im Sport. Offener zumindest als Fußballer, die ja gemeinhin als sturer gelten und häufig nur den eigenen Verein sehen. Die Hanauer Handballer haben 2009 vorgemacht, wie es gehen kann, wenn man Energie, Personal und Finanzen bündelt.

Damals gründeten die Handballer der Turnerschaft Steinheim und des TV Kesselstadt (unter heftigem Protest der Traditionalisten im Verein) die HSG Hanau. Heute, zehn Jahre später, spielen die Hanauer in der 3. Liga, haben starke Partner und eine hervorragende Jugendarbeit. Aber das Wichtigste: Sie haben einen Plan, gehen strategisch vor.

Handfeste Punkte sprechen für Spielergemeinschaft

Im regionalen Fußball findet man wenige solche Beispiele. Der 1. FC 1906 Langendiebach und der 1. FC Germania 06 Rückingen haben sich getraut und den Zusammenschluss zum 1. FC 1906 Erlensee gewagt. Heute kickt die erste Mannschaft in der Verbandsliga, die Jugendarbeit ist vorbildlich und die Sportanlage modern. Vielleicht gibt es einige, die den alten Zeiten nachtrauern, aber der Zuspruch aus allen Erlenseer Stadtteilen überwiegt.

In Langenselbold teilen sich Zehner und 30er zwar ein Stadion (was im Zuge des Hessentages 2009 neu gebaut wurde), betreiben aber weiter zwei Vereinsheime in unmittelbarer Nachbarschaft und versuchen sich irgendwie über Wasser zu halten, statt sportlich und organisatorisch gemeinsam durchzustarten. Schade, immerhin wären die Rahmenbedingungen hier perfekt! Im Hanauer Stadtteil Großauheim ist das Bild ähnlich: Hier spielen der VfB und die Rot-Weißen sogar auf zwei getrennten Anlagen, die nur einen Steinwurf auseinander liegen. Neben dem sportlichen Erfolg – siehe Erlensee – sprechen viele ganz handfeste Punkte für eine Spielgemeinschaft.

"Mit ihrer Sturheit verbauen sie sich einen gemeinsamen Weg"

Im 11 000-Einwohner-Ort Rodenbach beispielsweise muss die Politik seit Jahrzehnten Gelder für zwei große Sportanlagen bereitstellen. Aktuell sind wieder Maßnahmen im Gespräch, die Kosten verursachen. Doppelte wohlgemerkt, denn jeder Verein hat seine Vorstellungen. Hier ein Kunstrasenplatz, dort eine Flutlichtanlage. Wie lange können sich das Orte wie Rodenbach noch leisten? Ist das überhaupt noch zeitgemäß? Und wie lange sind die Vereinsstrukturen noch so (gut), dass es Sinn macht, den Betrieb an zwei Standorten aufrechtzuerhalten?

Das hat nichts mit dem Niederschreiben kleiner Vereine zu tun à la „der eine schluckt den anderen“, sondern ist einfach nicht mehr zeitgemäß. Schade, dass die Traditionalisten bei Germania Niederrodenbach und beim FC Eintracht Oberrodenbach in der Mehrheit sind. Mit ihrer Sturheit verbauen sie sich einen gemeinsamen Weg. Ein Standort, ein Fußballverein, eine gemeinsame Jugendarbeit, die Bündelung der Finanzen. Nur das macht Sinn. Nur das hat Zukunft.

KONTRAEmotionen statt Effizienz

Von Holger Weber

Natürlich wäre es effizienter, aus den beiden Rodenbacher Klubs einen einzigen zu machen. Man könnte sich ein Vereinsheim, eine Vielzahl von Trainern und die Hälfte des Ausrüstungsmaterials sparen. Günstiger käme es zweifellos auch die Kommune, die nur einen Platz bauen und pflegen müsste. Aber ist es wirklich eine gute Idee, zusammenzuschmieden, was historisch eigentlich überhaupt nicht zusammengehört – nur weil es günstiger und praktischer ist?

Meine Antwort lautet: Auf keinen Fall. Eine Zusammenlegung der beiden Rodenbacher Fußballklubs wäre ein weiterer kleiner Sargnagel für eine immer stromlinienförmiger und langweiliger werdende Sportlandschaft in unserem Land. Die Optimierer sind die Totengräber des Fußballs, des Mannschaftssports allgemein.

"Sport ist noch eine Welt, in der wir noch unsere Emotionen ausleben dürfen"

Spielgemeinschaft. Mal ehrlich: Das Wort klingt doch so sexy wie Normenaufsichtsbehörde oder Verkehrsinfrastrukturfinanzierungsgesellschaft. Spielgemeinschaften entziehen der Suppe das Salz, machen sie beliebig und geschmacklos. Der Sport ist eine der letzten Spielflächen in unserer zunehmend ökonomisierten Gesellschaft, auf der es eben nicht zu allererst um Effizienz geht. Nein, der Sport ist eine Welt, in der wir noch unsere Emotionen ausleben dürfen. Und das mit gutem Gewissen.

Vor allem der Fußball lebt von historisch gewachsenen Gegensätzen. Von Vereinen, die sich in der Rivalität zueinander begründen. Was wäre der FC 04 Schalke, wenn es Borussia Dortmund nicht gäbe oder um es auf die Spitze zu treiben: Was wäre der FC Barcelona, wenn nicht jährlich zweimal der Clasico mit Real Madrid die Straßen Spaniens leerfegen würde.

Und ja; Was würde denn aus dem Fußballsport in Rodenbach, wenn es das ewig junge Derbys zwischen der Eintracht und den Germanen nicht mehr geben würde? Ohne die Spiele, die schon Wochen vor dem Anpfiff Emotionen wecken und für Gesprächsstoff in der Schlange vor dem Bäcker sorgen, will man sich den Fußball nicht vorstellen.

"Es sind Investitionen in die Menschen"

Um all das zu verstehen, muss man vielleicht einer Generation angehören, die noch – wie ich – die 78er Meistermannschaft des 1. FC Köln aus dem Effeff aufsagen kann. Da muss man vielleicht zu den Nostalgikern gehören, die mit ihresgleichen stundenlang über Lokalderbys aus der 80ern philosophieren können.

Gelder, die in die Infrastruktur der Vereine fließen, sind keine Ausgaben, sondern Investitionen. Es sind Investitionen in die Menschen. Investitionen in die Identität der beiden Rodenbacher Ortsteile, die durch eine gesunde und auf die sportliche Ebene reduzierte Rivalität gestärkt wird. Alles zu einem Einheitsbrei zu verrühren, wäre auf lange Sicht ein Verlust an Vitalität und Vielfalt in Rodenbach und vielleicht auch das Ende des Fußballs in der Gemeinde.

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