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Abschied: Lebensmittelmarkt Becker schließt nach 110 Jahren

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Was bleibt sind leere Regale und viele Erinnerungen: Firmenchef Steffen Becker knipst am 30. Dezember das Licht aus. (Foto: Kleine-Rüschkamp)
Was bleibt sind leere Regale und viele Erinnerungen: Firmenchef Steffen Becker knipst am 30. Dezember das Licht aus. (Foto: Kleine-Rüschkamp)

Rodenbach. Schluss, Aus, Ende – Samstag um 13 Uhr zieht Steffen Becker die Stecker. Geld zählen und Abrechnung machen. Das kann er wie im Schlaf. Nur diesmal ist es anders. Der Niederrodenbacher Lebensmittelmarkt Becker schließt nach 110 Jahren seines Bestehens für immer.

Von Torsten Kleine-Rüschkamp

„Das tut weh“, sagt der Chef von „. . . nah und gut“ in der Bahnhofstraße 1. Doch so ganz traurig wird der Tag dann doch nicht ausklingen. Schon heute morgen gibt es Sekt für Kunden. Nachdem die Pforte um 13 Uhr ins Schloss fällt, gibt es im Verkaufsraum eine kleine Feier. „Es haben sich schon viele Besucher angekündigt“, verrät Becker.

„44 Jahre: Solange ich hier wohne, kaufe ich hier ein“, sagt eine ältere Kundin mit Tränen in den Augen. Ehefrau Eva Becker umarmt sie zum Trost. Auch ihr fällt der Abschied schwer, weil er endgültig ist.

Die Immobilie wird verkauft

Die sieben Angestellten gehen entweder in den Ruhestand oder müssen eine neue Beschäftigung finden. Wer die letzte und einsame Büchse mit Rindsrouladen in einem der Regale sieht, ahnt, dass hier etwas Schwerwiegendes stattfindet. Die Kühltruhen sind ebenfalls bereits gut geleert. Doch alles kann Steffen Becker nicht mehr verkaufen, wenn er auch mit erheblichen Preisnachlässen versucht, noch die letzten Waren zu veräußern. AufGewürze gibt es beispielsweise einen Preisnachlass von 20 bis 50 Prozent.

Becker ist jetzt 63 Jahre alt. Nächstes Jahr, schon in ein paar Tagen, wird er Rentner sein. Doch zunächst gibt es ordentlich was zu tun. Der Laden muss leergeräumt werden. Die Immobilie, die im Familienbesitz ist, soll verkauft werden.

1907 gegründet

Es gibt schon Termine mit Kaufinteressenten. Die Kühltruhen müssen abgebaut und zur Entsorgung oder Weiterverwenden abtransportiert werden. Hier hilft der Edeka-Unternehmensverbund, unter dessen Dach auch die „nah und gut“-Märkte betrieben werden.

Der 1907 von Jean Römer und seiner Frau Anna Römer, geborene Mankel, gegründete Lebensmittel- und Kurzwarenhandel war das erste Geschäft mit Schaufenstern in Niederrodenbach. Im Jahr 1941 übernahm Tochter Auguste mit ihrem Mann Heinrich Noss das Geschäft. Ab 1950 fungierte es als Edeka-Markt. Tochter Emmy, die bereits seit ihrer Kindheit aushalf, übernahm 1963 mit ihrem Mann Fritz Becker den Lebensmittelhandel. Die Familientradition in dem ständig erweiterten und ausgebauten Betrieb führte Sohn Steffen Becker 1989 fort. Zuletzt stand eine Verkaufsfläche von 300 Quadratmetern zur Verfügung. Mit dieser Größe war der Markt schon lange nicht mehr konkurrenzfähig, weshalb Steffen Becker den Schlussstrich zog. Ab nächstes Jahr sind Scanner-Kassen vorgeschrieben, eine Investition, die der Kaufmann nicht mehr tätigen konnte.

Lebensmittelgeschäft war Institution

Viele Kunden reden ihn mit „Steffen“ an. Der Lebensmittelmarkt war mehr als ein schlichtes Geschäft, es war eine Institution, es war Treffpunkt und Nachrichtenbörse. Welcher Laden öffnet denn schon täglich bereits um 6.30 Uhr? Frühaufsteher und auch viele Langschläfer deckten sich hier mit ihrem HANAUER ein. „Samstags haben wir immer 40 Exemplare des HA verkauft“, so der Rodenbacher. Die übrig gebliebenen und haltbaren Lebensmittel, die er nicht mehr verkaufen kann, will er der Hanauer Tafel übergeben. Doch die hat bis 8. Januar Betriebsferien. Aber diese paar Tage kann Becker geduldig abwarten, schließlich weiß er, was es heißt in einer 110-jährigen Tradition zu stehen.

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