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Das Geheimnis der „Lotuswurzel“: Schleuser in Hanau verurteilt

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Von: Thorsten Becker

Abgeführt: Frau Z. (rechts) muss wegen der Einschleusung von Prostituierten sowie Steuerhinterziehung für drei Jahre hinter Gitter.
Abgeführt: Frau Z. (rechts) muss wegen der Einschleusung von Prostituierten sowie Steuerhinterziehung für drei Jahre hinter Gitter. © Thorsten Becker

Ein lukratives Geschäft mit der Prostitution hat die 45-jährige Z. betrieben. Bundesweit hat sie Terminwohnungen angemietet und betrieben. Doch dieses horizontale Gewerbe ist arg in die Schieflage geraten. Denn die Prostituierten aus China sind illegal in die Bundesrepublik eingeschleust worden. Und die enormen Summen sind nicht versteuert worden.

Niederdorfelden/Hanau - Dafür hat Z. nun die Quittung von der 5. Großen Strafkammer des Hanauer Landgerichts bekommen. Wegen der Einschleusung von mindestens 14 Frauen sowie Hinterziehung von rund 94 000 Euro Umsatzsteuer ist die 45-jährige, aus China stammende Deutsche, zu einer Freiheitsstrafe von drei Jahren verurteilt worden. Ihr 37-jähriger Lebensgefährte T., ein chinesischer Koch, bekam das gleiche Strafmaß. Jacob Bonavita von der Generalstaatsanwaltschaft in Frankfurt forderte in seinem Plädoyer für beide Angeklagte drei Jahre und drei Monate Haft, die beiden Verteidiger plädierten jeweils auf zwei Jahre und neun Monate.

Hanauer Gericht: Das Geheimnis der „Lotuswurzel“ ist fast gelüftet

Die Wirtschaftsstrafkammer unter Vorsitz von Dr. Mirko Schulte ist es gelungen, das sehr umfangreiche Verfahren innerhalb von zwei Verhandlungstagen abzuschließen und den Fall zu klären. Das liegt auch daran, dass beide Angeklagte am ersten Verhandlungstag „reinen Tisch“ gemacht und alle Vorwürfe eingeräumt hatten. Ungeklärt, das betont der Landgerichtsvizepräsident in seiner Urteilsbegründung, bleibt die Frage, ob es nicht doch im Riesenreich Hintermänner gegeben haben könnte. Denn vor dem Abschluss der Prozesses geben zwei Beamte der Bundespolizei einen tiefen Einblick, wie das Netzwerk der Frau Z. funktioniert hat.

Teilweise seien rund zehn Prostituierte gleichzeitig in ganz Deutschland im Einsatz gewesen. Die Ermittler sind immer noch baff über das Ausmaß: „Frau Z. hatte so etwas wie einen Fulltime-Job, das Telefon hat nie still gestanden.“ Minütlich seien Anfragen von Freiern eingegangen, die Z. in die Terminwohnungen zwischen Gifhorn und Regensburg vermittelt habe. „Z. war sehr fleißig“, bewertet einer der Fahnder die Leistung der Angeklagten. Allerdings finden die Beamten auch entlastende Fakten. So seien die Prostituierten nicht gezwungen oder ausgebeutet worden. Zudem scheint Z. die alleinige Chefin gewesen zu sein. „Hinweise auf eine größere Organisation hat es nicht gegeben“, erklärt einer der Fahnder.

Doch nicht nur am Telefon ist sie aktiv, sondern immer wieder in Deutschland unterwegs. „Ich nenne das Geldsammelfahrten“, sagt der Polizist. Jeweils die Hälfte des Dirnenlohns kassieren Z. und T. ein. So kommt es bei der örtlichen Bank zu „Bargeldeinzahlungen in ungewöhnlicher Höhe“. Allerdings nur sporadisch. Und genau das bringt die Bundespolizisten ins Grübeln. „Wir haben kein Geld gefunden, obwohl es ein enormer Betrag gewesen sein muss.“ Und sie wundern sich über ihre Beobachtungen bei der Observation. Denn Z. und ihr Freund sind immer wieder „stundenlang in Frankfurt unterwegs“.

Hanauer Richter haben Zweifel: Doch ein Teil der chinesischen Mafia?

Was sie dort gemacht haben, finden die Ermittler erst, als sie Tausende von Datensätze auf den Handys auswerten. Und so lösen sie das Geheimnis, das hinter dem chinesischen Wort „Lotuswurzel“ steckt. Denn die Frage „Hast Du eine Lotuswurzel?“, taucht mehrfach in den Chats auf. Dieses chinesische Geheimwort ist schnell geknackt. Es geht um „Geld“, das in die Volksrepublik China transferiert wird. In Sekundenschnelle, oft unter freiem Himmel. Landsleute rechnen den Wechselkurs des Euro in die chinesische Währung aus und überweisen diese Summen in Sekundenschnelle mit mobilen Zahlungs- und digitalen Brieftaschendiensten wie WeChat oder Alipay nach Fernost. So wird das Bargeld „gewaschen“.

Schleierhaft bleibt aber, wohin genau die großen Summen in China transferiert worden sind. Denn auch das sagen die Fahnder: Frau Z. habe in Niederdorfelden in einer „ganz normalen“ Wohnung zusammen mit anderen Frauen gelebt. Von Luxus keine Spur. Unterwegs gewesen ist sie allerdings mit einem teuren Wagen. Außerdem hat Z. Geld in Immobilien investiert, unter anderem bestanden Pläne, im Taunus ein Bordell zu errichten. Das passt auf den ersten Blick nicht ganz zusammen.

Das sieht alles sehr konspirativ aus und lässt eher an die „Triaden“ denken, wie die Mafia in China genannt wird, die vor allem mit Korruption, Geldwäsche und Prostitution die Schattenwirtschaft beherrscht. Und daher spricht der Vorsitzende das Thema auch in der Urteilsbegründung an: Die Kammer habe bis zum Schluss Zweifel, ob Z. nicht doch ein kleines Rad innerhalb der organisierten Kriminalität gewesen sein könnte. Zu beweisen ist dies am Ende aber nicht. (Von Thorsten Becker)

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