Nidderau

Yannis Brückner arbeitet in sozialen Brennpunkten auf Jamaika

Nidderau/Trenchtown. Jamaika, die Heimat zahlreicher Reggae-Musiker. Der Ostheimer Yannis Brückner ist Mitte November für knapp drei Monate auf die karibische Insel gereist. Musiker ohne Grenzen heißt das Netzwerk, mit dem der Abiturient den Einwohnern eines Armenviertels in Kingston Musik näher bringen will.

Von Carolin Heschek

„Mein typischer jamaikanischer Alltag beginnt meist mit Frühsport“, sagt Brückner. Anschließend kocht die Gruppe gemeinsam. Danach kümmern sie sich um die Unterrichtsplanung für den Tag. Bereits seit Mitte November ist der zukünftige Musikstudent auf Jamaika. Gereist ist er mit dem weltweiten Netzwerk Musiker ohne Grenzen. Es begründet kreative Musikprojekte, „um Menschen einander näher zu bringen und ihnen unabhängig von ihrer Lebenssituation einen Zugang zur Musik zu ermöglichen“, erklärt der Abiturient. Neben dem Projekt in Jamaika gebe es noch sechs weitere in Ghana, Ecuador und Deutschland.

Brückner arbeitet freiwillig in Trenchtown, einem Armenviertel der jamaikanischen Hauptstadt Kingston, aus dem auch der berühmte Sohn der Insel, Bob Marley, stammt. Dort unterrichtet er Musik an Schulen und gibt sowohl Saxofon- als auch Klavierunterricht. „Mein Einsatz hier in Jamaika war ziemlich kurzfristig. Eigentlich waren bereits alle Plätze in den Projekten vergeben. In letzter Minute wurde dann doch noch ein Platz für drei Monate frei“, so der Ostheimer.

Hobby zum Beruf machen„Mithilfe der Musik verbessern wir die Lebenswirklichkeit in sozialen Brennpunkten“, so die Überzeugung des jungen Manns. Die Musik biete den Menschen die Möglichkeit, den Alltag zu verarbeiten. „Durch die musikalische Arbeit bieten wir Alternativen zu einer kriminellen Karriere und dem sozialen Abseits.“ Die Arbeit von Musiker ohne Grenzen sensibilisiere alle Beteiligten stark für das Thema der sozialen Verantwortung. „In diesem Prozess werden wir selbst zu Lernenden – und unsere Schüler zu Lehrern.“

Auf das Netzwerk ist Brückner im Internet gestoßen, während er auf der Suche nach einer Organisation war, die Freiwilligendienste im Bereich Kultur und Musik im Ausland vermittelt. Bereits seit 13 Jahren Jahren spielt der Ostheimer Klavier, seit acht Jahren Saxofon. Musik habe daher schon immer einen großen Stellenwert in seinem Leben gehabt. Letztendlich sei die Musik durch Projekte und seine Schule so sehr in den Vordergrund getreten, dass er sich dazu entschloss, sein Hobby zum Beruf zu machen. Nach seiner Rückkehr möchte Brückner Musik studieren.

Eine andere WeltSein erster Eindruck nach Ankunft auf der Insel war: „Ich bin nicht nur auf der anderen Seite der Erde, sondern auch in einer anderen Welt.“

Der 20-Jährige lebt mit zwei bis vier weiteren Freiwilligen bei einer Gastfamilie in einem Projekthaus von Musiker ohne Grenzen in Trenchtown. Im „Ghetto“ der Hauptstadt Kingston; dem „Geburtsort des Reggae“.

Unterrichtet werde Montag bis Freitag morgens in insgesamt vier unterschiedlichen Schulen rund um das Viertel. Nachmittags finde dann der Instrumentalunterricht statt, bei dem jeder Interessierte kostenlosen Klavier-, Gitarren-, Saxofon-, Blockflöten- oder Trompetenunterricht bekommen könne. „Wir essen meist spät zu Abend und gehen nicht vor Mitternacht ins Bett“, sagt der Musikbegeisterte über den Ausklang des Tages.

Wunderschöne InselIn ihrer Freizeit erkunden die Freiwilligen die Insel. „Ich habe bereits sehr viele Seiten dieser wunderschönen Insel kennengelernt, wanderte in den Blue Mountains, bin am Seven Miles Beach spazieren gegangen oder badete in der paradiesischen Blue Lagoon, die bereits Schauplatz für einige Filmproduktionen war.“

Das schönste Ereignis kann Brückner jedoch nicht benennen. Es gebe viele Momente, die er noch lange in Erinnerung behalten werde. „Zum Beispiel, das von uns organisierte Fundraising-Konzert auf der Dachterrasse unseres Hauses. Dabei haben wir mit einer Band aus Lehrern und Schülern ein Programm auf die Beine gestellt, um Spenden für neue Instrumente zu sammeln.“ Doch nicht nur freudige Momente behält der junge Mann im Kopf: „Jamaika ist ein sehr armes Land. Die Kriminalitätsrate ist dementsprechend ziemlich hoch. Leider wird man öfter als einem lieb ist, daran erinnert“, bedauert er. Trotzdem genießt Brückner seine Zeit auf der Insel. Er habe sich nie viele Gedanken darüber gemacht, wie das Leben auf der anderen Seite sei. „Daher bin ich umso positiver überrascht von der Offenheit und der gelassenen Lebenseinstellung der meisten Jamaikaner.“

Ohne Erwartungen startenHeimweh habe sich nie bemerkbar gemacht. Freunde und Familie vermisse er dennoch, „besonders am Geburtstag oder an Weihnachten“. Bevor der Nidderauer in den kommenden Wochen heimkehrt, ist noch die Anschaffung eines neuen E-Pianos geplant. Zudem seien er und seine Kollegen dabei, das Projekt noch bekannter zu machen, um mehr Schüler für den Instrumentalunterricht zu finden. Eine derartige Reise würde Brückner jederzeit wieder machen. „Man sollte sich vorher nicht so viele Gedanken machen und möglichst ohne Erwartungen starten.“

Für die Zeit nach seiner Rückkehr hat der 20-Jährige bereits konkrete Pläne. „Nach meiner Ankunft zu Hause muss ich möglichst schnell wieder in meinen geregelten deutschen Alltagsrhythmus kommen, da ich mich auf die Aufnahmeprüfungen fürs Musikstudium vorbereiten werde.“ Seiner Abreise sieht er mit gemischten Gefühlen entgegen: „Ich freue mich unheimlich auf zu Hause, meine Familie und meine Freunde. Andererseits kann ich mich mit dem Gedanken an meine Abreise nicht so recht anfreunden, wo ich doch gerade erst so richtig angekommen bin.“

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