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Wettflug gegen die Zeit

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Der Hubschrauber im Einsatz. Foto: Seifert
Der Hubschrauber im Einsatz. Foto: Seifert

Region Hanau. Es herrscht eine drückende Atmosphäre am Montagnachmittag auf dem Sportplatz in Altenstadt-Höchst. Doch nicht etwa beim Team von Biologe und Schnaken-Experte Dirk Reichle, das erstmals in dieser Saison mit dem Hubschrauber angereist ist, um die Schnaken zu bekämpfen. Vielmehr liegt ein Gewitter in der Luft. Es könnte den gesamten Einsatz um den Erfolg bringen.

Von Thomas Seifert

Als Wolfgang Folger nach der ersten Überfliegung der Überschwemmungswiesen im Niddertal mit seiner UH 12 E/T über dem Sportplatz einschwebt, stehen die Helfer schon parat, um den Streubehälter unterhalb des Helikopters schnell wieder aufzufüllen. Die Zeit drängt. Noch vor dem nächsten Unwetter müssen an diesem Nachmittag insgesamt rund 200 Hektar geflutete Wiesen im Kampf gegen die Larven der Auwaldmücke beflogen werden.

Larven stehen kurz vor der Verpuppung

„Die Flächen verteilen sich zum einen auf das Naturschutzgebiet Busch‧wiesen in Höchst bis zur Bahnbrücke über die Nidder. Das sind rund 50 Hektar“, schildert Schnaken-Experte Dirk Reichle den Einsatzplan. „Dann geht es nach Eichen bis zur Grenze nach Heldenbergen, die dortige Fläche beträgt etwa 140 Hektar. Und zum Schluss ist noch das Naturschutzgebiet Buschwiesen bei Büdesheim an der Reihe, etwa elf bis zwölf Hektar.“Nicht nur das Wetter, auch das fortgeschrittene Entwicklungsstadium der Mückenlarven, die sich millionenfach in den stehenden Gewässern der Nidderauen tummeln, lassen keinen Aufschub der Bekämpfung zu. Trotz mäßiger Temperaturen in den vergangenen Tagen stehen manche Larven bereits kurz vor der Verpuppung. Dann ist es für den Einsatz des rein biologischen Eiweißwirkstoffs BTI zu spät (siehe Infokasten).„Das ist ungewöhnlich, dass die Larven bereits so weit entwickelt sind“, wundert sich Reichle. „Normalerweise wird der Schlupfreiz nach einer Überflutung erst bei höheren Temperaturen ausgelöst.“Biologe Reichle weiß, von was er spricht. Er und seine Mitarbeiter von der Kommunalen Arbeitsgemeinschaft zur Bekämpfung der Schnakenplage am Oberrhein (KABS) sind seit 1987 im Auftrag des Zweckverbands zur Bekämpfung der Schnakenplage in den Nidderauen im Einsatz. Dem Verband gehören Nidderau, Schöneck, Altenstadt und Limeshain an.Bereits am Sonntag waren die Experten 14 Stunden lang zu Fuß in den Auwiesen unterwegs. Per Hand brachten sie den BTI-Wirkstoff aus. Zugleich wurden die Flächen genau kartiert, wo die Befliegung stattfinden soll.

Mitarbeiter zu Fuß im Einsatz

Auch am Montag sind zusätzlich zum Helikopter noch KABS-Mitarbeiter zu Fuß im Einsatz, um für den Hubschrauber unzugängliche Stellen abzustreuen. Dazu gehören etwa kleinere Gräben oder Grabentaschen sowie Waldränder, wenn die Wassermassen diese erreicht haben.„Treffen die Vorhersagen des Deutschen Wetterdienstes mit weiteren Gewittern und Starkregen in den nächsten Tagen zu, dann war das nicht der letzte Einsatz“, erklärt Reichle. „Allerdings müssen wir dann vor Ort schauen, ob ein teurer Helikopter-Einsatz notwendig wird oder die hinzugekommenen Flächen per Hand abgestreut werden können.“

Derweil kehrt Wolfgang Folger erneut von seiner Runde zurück. Der erfahrene Pilot mit geschätzten 28 000 Flugstunden kennt das Gebiet ziemlich gut, ist er doch schon viele Jahre für die KABS im Einsatz. Reichle hingegen blickt immer wieder besorgt zum Himmel, denn der Deutsche Wetterdienst hat inzwischen für den Kreis eine Unwetterwarnung herausgegeben. Doch noch dräuen nur ein paar dunklere Wolken Richtung Taunus, die Befliegung kann weitergehen. 

Von Hockenheim gestartet

Folger ist am Morgen in Hockenheim, dem Standort des Hubschraubers, gestartet. Begleitet wurde der Pilot von einem Helfer, der in einem Fahrzeug einen 1000-Liter-Tank nach Höchst gebracht hat, um den Helikopter mit Treibstoff versorgen zu können. Denn Folger wird im Laufe des Einsatzes rund zehnmal den Streubehälter über den überschwemmten Wiesen entleeren. Da bei jedem Flug etwa 400 Kilogramm Wirkstoff verstreut werden, summiert sich die Menge am Ende des Tages auf vier Tonnen.

In gefrorenem Zustand transportiert

Diese Menge wurde auf einem zweiten Lkw in gefrorenem Zustand nach Höchst gekarrt, berichtet Reichle, während seine Mitarbeiter das gefrorene Granulat vom Lkw zunächst in einen Schredder schütten, um es zu zerkleinern. Danach schleppen zwei Mann die kleinen Klumpen in Plastiktrögen zum Streubehälter und wuchten sie hinein. Das geht fix, denn Folger lässt bei diesen Zwischenlandungen den Motor im Leerlauf brummen, um sofort nach Freigabe durch Dirk Reichle zum nächsten Einsatzgebiet zu fliegen und dort den Wirkstoff zu verstreuen.

Kosten liegen bei 30000 Euro

Rund 30 000 Euro kostet ein solcher Helikopter-Einsatz. Auch Drohnen hat die KABS schon einmal getestet, aber die Mengen, die von den Fluggeräten transportiert werden können, seien zu gering, sagt Reichle. „Eine Drohne, die unsere Anforderungen erfüllen würde, müsste sehr groß sein. Und wir bräuchten einen Mitarbeiter, der solch ein Fluggerät auch steuern kann. Da ist der Hubschrauber derzeit doch die bessere und erprobte Alternative.“

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