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Sie ist in die Geschichte Windeckens eingetaucht: Marlen Dannoritzer hat basierend auf ihrer Masterarbeit im Band „Mit betendem Herzen und helfender Hand“ das erste Kriegsjahr 1914/15 in den Blick genommen.

Weltkrieg im Spiegel des Lokalblatts

Marlen Dannoritzer gibt Einblicke in das Windecker Alltagsleben von 1914/15

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Die großen Ereignisse der Geschichte werden im Schulunterricht und in der medialen Berichterstattung oft an Meilensteinen auf Ebene der Staatslenker und Nationen vermittelt. Doch wie erging es den sogenannten kleinen Leuten vor Ort? Wie beeinflussten Kriege ihren Alltag?

Einen spannenden Einblick liefert Marlen Dannoritzer mit ihrer Arbeit „Mit betendem Herzen und helfender Hand – Die hessische Klein‧stadt Windecken im ersten Kriegsjahr 1914/15“. Die Seligenstädterin, die inzwischen als Journalistin in Berlin arbeitet, hat die zwischen 1908 und 1915 zweimal in der Woche ausgelieferte „Windecker Zeitung“ des Druckers und Ladeninhabers Wilhelm Scheer (1878 bis 1937) ausgewertet. 

Anhand dieser bislang kaum genutzten Quelle rekonstruiert die Autorin die Kriegserfahrungen der Windecker Bevölkerung während des ersten Kriegsjahrs. „Ihre Arbeit leistet einen wichtigen Beitrag zur Geschichte der Stadt und der umliegenden Region und bietet darüber hinaus eine exemplarische Darstellung der vielfältigen Probleme und Sorgen, mit der sich die Bewohnerinnen und Bewohner einer kleinstädtischen Landgemeinde im Krieg konfrontiert sahen“, schreibt Professor Dr. Jürgen Müller vom Historischen Seminar der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität in Frankfurt in seinem Vorwort zu dem Band. Außerdem „stellt Dannoritzer uns mit Wilhelm Scheer den Eigentümer und Herausgeber der Windecker Zeitung vor, über den bislang kaum etwas bekannt war“. 

Scheer gründete „Windecker Zeitung“ im Jahr 1908

Müller, der in Ostheim lebt und auch im Vorstand des dortigen Heimat- und Geschichtsvereins aktiv ist, fungierte als Ideengeber und Betreuer. Er beschäftigt sich mit seinen Studenten schon seit einigen Jahren mit dem Ersten Weltkrieg. Hervorgegangen ist daraus die Reihe „Erster Weltkrieg im Fokus“, die seit 2014 im LIT Verlag erscheint. Mit Dannoritzers Arbeit ist nun ein vierter Band hinzugekommen. „Die Reihe hat das Ziel, den Blick auf die lokalen und regionalen Auswirkungen des Ersten Weltkriegs zu richten: das wirtschaftliche, soziale und kulturelle Leben in den Städten und Landgemeinden; die Kriegserfahrungen der 'kleinen Leute', die als Soldaten, Angehörige und Hinterbliebene ganz elementar vom Krieg betroffen waren; die lokalen Institutionen wie Stadt- und Gemeinderäte, Vereine, Verbände, Hilfskomitees und Kriegsausschüsse, die die materiellen Kosten und humanitären Opfer des Krieges aufzufangen versuchten und speziell auch das Stadt-(Um)Land-Verhältnis, das sich in den Kriegsjahren grundlegend veränderte“, erläutert Müller. 

Wilhelm Scheer wurde in Elsthal bei Luckenwalde in Brandenburg geboren, erlernte den Beruf des Buchdruckers und kam nach Wanderschaft und Stationen in Darmstadt und Hanau zusammen mit seiner Frau und zwei Söhnen 1908 nach Windecken, wo er das Haus Marktplatz 23 anmietet und dort eine Buchdruckerei und eine „Papier- und Schreibmaterialien-Handlung“ eröffnete. Im September 1908 gründete Scheer bereits die „Windecker Zeitung“ und fungierte bis Dezember 1915, als er zum Kriegsdienst eingezogen wurde, als Herausgeber und Redakteur. Neben „allen amtlichen Bekanntmachungen“ veröffentlichte Scheer auch Berichte über „die täglichen Ereignisse und Vorfälle auf allen Gebieten und aus allen Ländern“, wobei die Zeitung auch Unterhaltung bot und von Beginn an eine Wochenendbeilage beinhaltete, wie die Autorin herausgefunden hat. Im Dezember 1918 kam Wilhelm Scheer, mit dem Eisernen Kreuz zweiter Klasse ausgezeichnet, aus dem Krieg nach Hause und zog allerdings wenig später mit seiner Familie zurück nach Luckenwalde, wo er 1937 verstarb. 

Marlen Dannoritzer beleuchtet verschiedene Aspekte

Marlen Dannoritzer hat ihr Buch in vier Kapitel mit Unterkapiteln gegliedert und auf knapp 120 Seiten ein umfassendes Bild der Zustände und Befindlichkeiten der Bevölkerung im ersten Kriegsjahr zusammengetragen. „Die Windecker Zeitung und ihr Gründer“, „Windecken als Heimatfront“, „Die wirtschaftlichen Folgen des Krieges in Windecken“ und „Das Engagement der Vereine, Lehrer und Pfarrer“ hat die Autorin die Kapitel überschrieben. 

Sie befasst sich in den Unterkapiteln zum Beispiel mit Kriegslyrik, Illustrationen und Karikaturen, der Stimmung bei Kriegsausbruch, der Berichterstattung über den Kriegsverlauf, Feindbildern, Gerüchten und Angst, öffentliche Trauer aber auch mit Feldpost oder Vergnügungsveranstaltungen und Feiern. Auch die finanziellen Folgen für Geschäftsinhaber und Privatpersonen werden beleuchtet ebenso wie die Versorgungslage und die Situation der Kriegsgefangenen in Windecken. 

Schließlich stellt Dannoritzer noch die Aktivitäten von Frauenhilfe, Obstbauverein und Kriegerverein vor und befasst sich mit der Rolle von Lehrern und Pfarrer. Neben der akribischen Auswertung der erhaltenen Exemplare der Windecker Zeitung hat Marlen Dannoritzer eine Fülle an Sekundärliteratur als Grundlage für das Buch herangezogen. So ist „Mit betendem Herzen und helfender Hand“ für heimat- und ortsgeschichtlich Interessierte ein munter sprudelnder Quell an Informationen.

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