Sie hat den schönsten Beruf der Welt – davon ist Conny Meister, die heute in dem Haus mit dem querstehenden Dachfirst am Marktplatz lebt (im Hintergrund), überzeugt. Foto: Jan-Otto Weber

Nidderau

Die "Wehmütter" vom Marktplatz

Nidderau. Mindestens einmal im Jahr kam Bürgermeister Willi Salzmann zu Besuch in das Haus Nummer 12 am Marktplatz in Windecken, um Hebamme Auguste Basse zu ihrem Geburtstag zu gratulieren. Es war ihm nicht nur offizielle Verpflichtung, sondern auch ein persönliches Anliegen.

Von Jan-Otto Weber

Denn Basse, die im Lauf der Jahre zu einer moralischen Autorität im Ort geworden war, hatte ihm im Jahr 1930 auf die Welt geholfen.

Insgesamt sollen es etwa 3000 Kinder gewesen sein, denen Auguste Basse bis zum Ende ihrer Tätigkeit 1975 in Windecken und den umliegenden Dörfern zum Leben verholfen hat. Salzmann und Helmut Weider, der in den 80er Jahren Erster Stadtrat war, gehörten zu den ersten. „Den beiden habe ich den ersten Klaps gegeben – ich bin stolz, dass aus ihnen was Anständiges geworden ist“, soll Basse oft gesagt haben, wie der Windecker Dr. Richard Bokorny in einem Aufsatz über die Hebamme erwähnt, der in der kommenden Ausgabe der Nidderauer Hefte – voraussichtlich noch Ende dieses Jahres – veröffentlicht wird.

Das etwa 300 Jahre alte Fachwerkhaus am Windecker Marktplatz, in dem Basse eine Art Geburtshaus mit fünf Betten unterhielt, hat also für Generationen von Windeckern eine besondere Stellung. Dies trifft übrigens auch auf seine Bauweise zu. Denn im Gegensatz zu den übrigen Gebäuden in der Häuserzeile steht es mit dem Dachfirst parallel zum Platz und verfügt über eine Außentreppe. Diese führt ins Hochparterre, wo Heinrich Basse eine Filiale der Stadtsparkasse und Landesleihbank Hanau leitete.

Damals wie heute ist der Treppenabsatz reich mit Blumen und Kübelpflanzen geschmückt. Doch durch das Schaufenster blickt man nicht mehr in den Bankraum, sondern direkt in die Wohnküche von Cornelia Meister und ihrer Familie. Das Schicksal wollte es, dass sie die Tradition der früheren Bewohnerin des Hauses fortsetzt. So hat Conny Meister nicht nur die zwei jüngeren Kinder der Familie im zweiten Obergeschoss – im früheren Geburtszimmer des Hauses – zur Welt gebracht, sondern ist auch selbst Hebamme von Beruf.„Es ist wirklich ein besonderer Zufall“, erklärt die Geburtshelferin, die selbst aus Leipzig stammt, lachend. „Schließlich habe ich mir damals nicht das Haus, sondern den Mann ausgesucht.“

Dieser hatte das Haus Ende der 90er Jahre von den Erben Auguste Basses gekauft. Seit deren Tod 1994 hatte das Gebäude leer gestanden. „Es ist schon ein schönes Gefühl, hier zu leben, in dem Wissen, dass es ein altes Hebammenhaus ist“, erklärt Conny Meister, die als freiberufliche Hebamme unter ihrem vorherigen Nachnamen Erdreich arbeitet. Zudem ist sie seit 24 Jahren an den Main-Kinzig-Kliniken in Gelnhausen als Hebamme im Kreißsaal angestellt.

Schwieriges Geschäftsmodell

„Ich kann mir ein Leben ohne Geburtshilfe nicht vorstellen“, erklärt Meister. Dennoch bietet sie als Freiberuflerin keine Hausgeburten an, sondern beschränkt sich auf die Vor- und Nachsorge. „Es wäre für mich einfach zu teuer“, erklärt die Hebamme. „Allein die Haftpflichtversicherung würde mehrere Tausend Euro im Jahr kosten.“ Die 40-Prozent-Anstellung im Krankenhaus hingegen deckt einen großen Teil der sozialen Absicherung. Dennoch hat der Berufsstand mit vielen Widrigkeiten zu kämpfen.

Viele kleine Krankenhäuser haben ihre Geburtsstationen geschlossen, weil es sich offenbar als Geschäftsmodell nicht lohnt, Kindern auf die Welt zu helfen. In Gelnhausen hingegen sind es etwa 1700 Geburten im Jahr, die Meister und ihre Kolleginnen betreuen. Doch die Zeit, die die Hebammen am Bett der Gebärenden verbringen, wird immer weniger. Stattdessen sitzen sie immer länger am Computer, um aufwändige Dokumentationen und Schemata für Medikamente zu verfassen. Zudem klingelt ständig das Telefon oder die Stationstür, da auch die Schwangeren-Ambulanz über den Kreißsaal läuft. „Die Ärzte und Schwestern helfen schon, wo sie können“, berichtet Meister, „aber der Stellenschlüssel wird nicht an die steigenden Anforderungen angepasst.“

Wohnung in der Glockenstraße

Unterstützung eines Arztes hatte seinerzeit auch Auguste Basse in Person von Dr. Gerd Klunker. Sie seien im Ort anerkanntermaßen ein „Superteam“ gewesen, wie Tochter Sonja Ditzel im Aufsatz von Richard Bokorny zitiert wird. Und auch um ihre soziale Stellung musste Auguste Basse in ihren Anfangsjahren in Windecken bis zu ihrer Hochzeit mit dem Bankkaufmann Heinrich Basse 1932 kämpfen.

So bekam die von der Stadt angeworbene junge Geburtshelferin zunächst eine Wohnung in der „Schlegels-Burg“, Glockenstraße 12. Der damalige Bürgermeister Wilhelm Schlegel hatte den auch heute noch stattlich dastehenden Bau, ausgestattet mit preiswerten Wohnungen, errichten lassen. „Ich bin auf dem kahlen Ast gesessen“, zitiert der HANAUER ANZEIGER die Hebamme in einem Artikel aus Anlass ihres 85. Geburtstages 1989. Da sie im ersten Winter so gefroren habe, beschwerte sie sich beim Bürgermeister. „Wenn sie mich schon nach Windecken geholt haben, müssen sie auch für mich sorgen, auch dafür, dass ich nicht erfriere.“

"Wir nehmen uns Zeit"

Bürgermeister Schlegel reagierte prompt und stellte am nächsten Tag einen Sack Briketts. „Man macht den Beruf nicht, um reich zu werden“, bestätigt Cornelia Meister auch aus heutiger Sicht. „Hebammen sind Idealisten.“ Und so legen Meister und ihr Mann, die Mitglieder beim Heimat- und Geschichtsverein sind, auch privat Wert auf sozialen Zusammenhalt. „Wir nehmen uns Zeit. Oft kommen Freunde spontan vorbei, wenn sie am Marktplatz sind. Viele alte Windecker erzählen mir ihre Geburtsgeschichte, die sie vielleicht zuvor noch nie jemandem erzählt haben. Das ist total schön.“

Und so wäre auch Auguste Basse sicher einverstanden mit den heutigen Bewohnern des besonderen Hauses am Windecker Marktplatz Nummer 12.

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