Nidderau

Waldkita: Stadt kündigt Trägerin - nur eine Anmeldung

Nidderau. Über 50 interessierte Eltern hätten angeblich ihre Kinder in eine neue Waldkita schicken wollen, am Ende blieb gerade mal eine tatsächliche Anmeldung übrig. Zu wenig für eine Gruppe.

Von Rainer Habermann

Am Dienstag zog der Jugend- und Sozialausschuss (JSA) der Stadt endgültig die Reißleine und sprach – auf Dringlichkeitsantrag der Freien Wählergemeinschaft (FWG) hin – einstimmig dem Träger der waldpädagogischen Einrichtung, der „SenseAbility Academy“ von Asha Scherbach, die Kündigung aus. Aufgrund der Kündigungsfrist hatte die Stadtverordnetenversammlung zuvor dem JSA die endgültige Entscheidung über das heikle Thema überlassen.

Grünen stimmen für Kündigung

Dass auch die Grünen, die sich bis zuletzt für eine Zusammenarbeit mit Scherbach ausgesprochen hatten, ebenfalls für die Kündigung stimmten, begründete die Fraktion mit der allgemeinen Stimmungslage in den Gremien gegen das Konzept, wodurch ein Festhalten an der Trägerin aussichtslos sei.

Das Konzept eines Waldkindergartens soll aber auf jeden Fall weiter verfolgt werden – nur eben nicht mit diesem Träger. Doch was letzten Endes genau gegen Scherbachs „SenseAbility Academy“ spricht – außer der offensichtlichen Tatsache, dass zum jetzigen Zeitpunkt keine oder kaum Eltern ihre Kinder in den Wald schicken wollen –, das blieb selbst nach Aussagen einiger Eltern in der Ausschusssitzung nebulös.

Die Begründung des FWG-Dringlichkeitsantrags erscheint hingegen klar, zumindest vordergründig: „Um weitere und zukünftige Kosten für eine noch nicht einmal zu 50 Prozent ausgelastete Kita-Gruppe einzusparen, ist eine sofortige Kündigung beziehungsweise Auflösung des Vertrags erforderlich“, heißt es in der Beschlussvorlage.

Öffentliche Meinung zum Thema

Doch was bewegt die öffentliche Meinung zu diesem Thema? Ist es der nach Aussage einer Mutter „sektenähnliche Charakter“, der sich angeblich in einigen Details des Konzepts von Scherbach offenbare? Liegt es daran, dass das Konzept der Academy angeblich nicht frei zugänglich sei, sich nur nach erfolgter Anmeldung im Internet aufrufen ließe, wie FWG-Stadtverordnete Anette Abel kritisierte?

Auch ein angebliches „Medienverbot“ für Kinder des Waldkindergartens wurde angeführt, eine Zustimmung zu „Hausbesuchen“ durch Erzieherinnen, die angeblich mit der Unterschrift unter die Anmeldung verpflichtend sei, ebenso.

Abel hatte bereits in einer vorigen Ausschusssitzung eine Mutter zitiert, die das Konzept der „SenseAbility Academy“ als eines bezeichnete, das „massiv in das Familienleben eingreift“. Es gab allerdings auch Stimmen unter den anwesenden Eltern bei der JSA-Sitzung am Dienstag, die auf wesentlich profanere Gründe für bisher nicht oder kaum vorliegende, definitive Anmeldungen schließen lassen.

"Tausend unterschiedliche Gründe"

„Tausend ganz unterschiedliche Gründe“, bestätigte Ute Isensee, die Fachdienstleiterin Familienservice und Kinderbetreuung der Stadt. Isensee hatte wie vom Ersten Stadtrat Rainer Vogel (Grüne) bei der jüngsten Stadtverordnetenversammlung angekündigt versucht, telefonisch die 50 Eltern auf der Interessentenliste zu erreichen, um Auskunft für ihren jeweiligen Rückzug zu erhalten.

Dabei hätten sich „sehr differenzierte Meinungen und Gründe“ ergeben. Beispielsweise lägen die Kita-Anfangszeiten für manche interessierte Eltern zu spät, einige wollten schlicht auch ihr Kind nicht unterjährig in eine Waldkita stecken, sondern erst im nächsten Jahr. Einige Kinder seien auch noch zu jung gewesen, für sie komme ebenfalls eine Aufnahme in die Waldkita erst später in Betracht. Explizit wegen des Konzepts habe nach ihren Informationen aus den Telefonaten nur eine Mutter abgelehnt, so Isensee.

„In Anbetracht der bereits in diesem Jahr anfallenden Personalkosten für fünf bis zehn Kinder ist das Kosten-Nutzen-Verhältnis nicht gegeben“, heißt es weiter in der einstimmig beschlossenen Vorlage. Das Ausbleiben einer Landesförderung in Höhe von 18 000 Euro, welche ebenfalls im FWG-Antrag gerügt wird, kann allerdings wohl dem Träger nicht angelastet werden, da – wie auch Isensee erklärte – eine Hauptvoraussetzung für die Förderung eine bestehende Kita-Gruppe zum Stichtag 1. März eines jeden Jahres ist.

Genehmigung zwingend erforderlich

Und außerdem das Vorliegen eines von der Aufsichtsbehörde genehmigten Konzepts. Diese Genehmigung ist für den Betrieb einer jeden Kita, natürlich auch einer Waldkita, zwingend erforderlich.

Scherbach, die bereits für die AWO (Arbeiterwohlfahrt) etliche Waldkindergärten gestaltet hat, konnte eine Genehmigung in relativ kurzer Zeit von etwa anderthalb Monaten erlangen. Eine Anforderung, die auf jeden neuen Träger, der jetzt gesucht werden muss, ebenfalls zukommt.

Dass auf die Stadt aus der jetzt auszusprechenden Kündigung des Vertrages mit Scherbach erhebliche Kosten zukommen, glaubt Stadtrat Vogel nicht. „Es hat ja kein Betrieb stattgefunden“, erklärte er gegenüber unserer Zeitung. „Aber auch bei jedem anderen Betreiber oder Träger müssen die Eltern irgendwann dann auch mal verbindlich unterschreiben, ob sie ihre Kinder hinschicken wollen. Absichtserklärungen allein reichen eben nicht, um eine Kita zu betreiben.“

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