Diese Bilder sollen bald der Vergangenheit angehören: Nur wenige Tage nach dem tödlichen Unfall am 30. Oktober stießen auf der Ortsumgehung am Abzweig Karben am Montag erneut zwei Fahrzeuge zusammen. Kreis und Stadt drängen nun beim Land auf eine Ampelanlage oder einen Kreisverkehr. Zudem hat Erste Kreisbeigeordnete Susanne Simmler (SPD) angekündigt, dass die Unfallkommission in ihrer heutigen Sitzung kurzfristige Maßnahmen beschließen will. Foto: Feuerwehr Nidderau

Nidderau

Tödlicher Unfall auf B45: Sohn des Opfers meldet sich zu Wort

Nidderau. „Ich weiß ehrlich gesagt gar nicht, wie ich richtig anfangen soll. Mich erschüttert die Situation immer noch sehr, da ich selbst betroffen bin. Mein Vater war der verunglückte Kraftradfahrer auf der B45 von letzter Woche und seitdem scheint die Zeit still zu stehen für unsere Familie.“

Von Jan-Otto Weber

Es sind erschütternde Worte, mit denen sich Benjamin Passehl an die Redaktion unserer Zeitung richtet. Gerade eine Woche ist es her, dass sein Vater auf der Nidderauer Ortsumgehung am Abzweig Karben starb. Von Altenstadt kommend fuhr er mit seinem Motorrad in einen Lieferwagen, der links in Richtung Karben abbiegen wollte. Der 65-Jährige verstarb noch an der Unfallstelle.

Am Montag dann schon wieder ein Unfall mit zwei Verletzten. Benjamin Passehl, sein Bruder und seine Mutter sitzen gerade bei einem Gespräch mit einem Redner für die Trauerfeier zusammen, als sie davon im Radio hören.

Appell zur richtigen Zeit

„Ganz kurz stockte uns der Atem dabei“, berichtet Passehl. „Wie kann das sein, und was können wir tun, dass sich die Situation an dieser Stelle verändert? Unser persönlicher Verlust und Schmerz ist groß, aber unser Vater hat uns vorgelebt, dass wir nicht viel reden, sondern die Dinge anpacken sollen. Es muss endlich etwas passieren, damit dort nicht weitere solcher Unglücke passieren! Wir wollen uns dafür einsetzen, dass unser Vater nicht umsonst gestorben ist. Das gibt uns Energie und Kraft!“

Ein bemerkenswerter Appell, der Hochachtung verdient. Er kommt zur rechten Zeit, denn am Donnerstag kommt die Unfallkommission des Main-Kinzig-Kreises zusammen, um über Maßnahmen zur Regulierung des Unfallschwerpunktes zu sprechen.

Hessen Mobil weist die Zuständigkeit zurück

Die Kritik an den Behörden ist immens. Bereits im Frühjahr hatte die Kommission getagt und der Stadt Nidderau die Errichtung eines festen Blitzers empfohlen. Die Stadt, die eine solche Maßnahme nach eigenen Aussagen rund 250 000 Euro kosten würde, hält einen Blitzer jedoch nicht für sinnvoll. Bürgermeister Gerhard Schultheiß spricht von einem „Wahrnehmungsproblem der Linksabbieger“. Die Stadt plädiert deshalb für eine Ampel oder einen Kreisverkehr.

Hessen Mobil weist die Zuständigkeit auf Anfrage unserer Zeitung von sich. „Den Verkehr nach den Maßgaben der Straßenverkehrsordnung begrenzen oder beschränken, wie beispielsweise in Formeiner Geschwindigkeitsbeschränkung oder auch die Errichtung einer Lichtsignalanlage, kann nur die zuständige Straßenverkehrsbehörde“, so das Straßen- und Verkehrsmanagement des Landes.

Politik nimmt Stellung

„Diese ist je nach Straßenkategorie und Einwohnerzahl bei der Kreisverwaltung der Landkreise beziehungsweise bei den jeweiligen Städten und Gemeinden angegliedert. Für Autobahnen und autobahnähnlich ausgebaute Bundesstraßen gelten gesonderte Regelungen. Im vorliegenden Fall der Ortsumgehung Nidderau im Zuge der B 45/B 521 sowie bei Festlegungen im Rahmen der Unfallkommission ist dies die Verkehrsbehörde des Main-Kinzig-Kreises.“

Aufgrund dieser Antwort von Hessen Mobil stellte unsere Redaktion eine Anfrage an den Main-Kinzig-Kreis. Am Mittwochnachmittag kam die Stellungnahme in Form einer Pressemitteilung, in der Erste Kreisbeigeordnete Susanne Simmler und Nidderaus Bürgermeister Gerhard Schultheiß (beide SPD) wiederum „klare Erwartungen an das Hessische Verkehrsministerium“ formulieren.

Man müsse unverzüglich reagieren

Bereits im Februar 2016 hätten sich Simmler und Schultheiß für eine durchgängige Geschwindigkeitsbegrenzung auf maximal 70 Stundenkilometer auf der neuen Umgehungsstraße eingesetzt, heißt es in der Mitteilung. „Doch dieses Anliegen wurde vom Land Hessen nicht in vollem Umfang umgesetzt. In einem Schreiben aus dem Verkehrsministerium hieß es damals, dass die Voraussetzungen für die Absenkung auf 70 Stundenkilometer nicht gegeben seien. Vor diesem Hintergrund erhöhen der Main-Kinzig-Kreis und die Stadt den Druck auf das Verkehrsministerium in Wiesbaden, um hier entsprechende bauliche Maßnahmen wie eine Signalanlage oder einen Kreisel zu prüfen.“

Zudem sagt Simmler zu, dass sich die Unfallkommission am heutigen Donnerstag „intensiv mit dem Thema befassen und kurzfristige Maßnahmen auf den Weg bringen“ werde. „Auch wenn die Unfallursachen jeweils separat zu betrachten sind, so gibt es hier eine auffällige Häufung, auf die wir unverzüglich reagieren müssen“, so die Erste Kreisbeigeordnete.

Man erwarte einen sensibleren Umgang

Angesichts der jüngsten Ereignisse zeigen sich Simmler und Schultheiß „sehr unzufrieden mit der Reaktionsgeschwindigkeit in Wiesbaden“. Bereits damals habe es zahlreiche Mitteilungen von Bürgern über die Gefährlichkeit der Auf- und Abfahrten zur Umgehung gegeben. „Schon in den ersten zwölf Monaten waren mehrere kritische Situationen sowie vereinzelte Zusammenstöße registriert worden. Hier sind trotz aller bürokratischen Vorgaben deutlich schnellere Entscheidungen im Sinne der Bürgerinnen und Bürger nötig.“

Der Main-Kinzig-Kreis und die Stadt Nidderau erwarten daher aus Wiesbaden ab sofort „eine veränderte Wahrnehmung und einen sensibleren Umgang“, so die Mitteilung weiter. Auch wenn der Bau einer Signalanlage nicht kurzfristig zu realisieren sei, fordern Kreis und Stadt zumindest eine schnellstmögliche Prüfung dieser Maßnahme. Bis dahin wolle die Unfallkommission aus Straßenverkehrsbehörde, Hessen Mobil und Polizei in eigener Verantwortung kurzfristige Lösungen auf den Weg bringen.

„Wir sind zuversichtlich“

Simmler und Schultheiß kündigen an, dass sie mit Unterstützung der Landtagsabgeordneten Max Schad (CDU) und Christoph Degen (SPD) an dem Thema dranbleiben werden. „Wir sind zuversichtlich, dass wir hier bald entsprechende Ergebnisse erzielen können.“

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