Suzi das zahme Rehkitz geht gern mit den Hunden spazieren. Foto: Privat

Nidderau

So süß! Aufgepäppeltes Rehkitz liebt seine Hundefamilie

Nidderau. Der Anruf kam von Jagdpächter und Freund Andreas Voland: „Richtung Naumburg ist ein Rehkitz angefahren worden. Könnt Ihr euch bitte mal darum kümmern?“ Vom Haus der Familie Hens am Hainberg in Erbstadt ist es nicht weit bis zur Unfallstelle.

Von Thomas Seifert

Und weil ihr Mann Markus bei der Arbeit war, zog Gitta Hens los und fand „ein mehr tot als lebendiges“ Kitz. Das war im Mai.

Heute ist aus dem Kitz „Suzi“ ein stattliches Reh geworden, das seine Pflegefamilie nicht vergessen hat. Auch beim Besuch unserer Zeitung steht das Tier im Garten und lässt sich kernlose Trauben, Haferflocken und Kälberpellets schmecken.

Kitz wehrte sich zu Beginn

„Ein Motorrad Marke Suzuki hatte das Kitz erwischt. Deshalb der Name Suzi“, erklärt Gitta Hens. „Ich habe das Tier ins Auto gepackt und bin nach Altenstadt zur Tierärztin gefahren. Doch die durfte das Kitz erst nach Rücksprache mit dem Jagdpächter behandeln, weil der in solchen Fällen entscheidet, was mit einem angefahrenen Tier passiert.“

Zwei Tage lang wurde das Jungtier in der Klinik erstversorgt, dann nahm es die vierköpfige Familie, zu der noch zwei Rhodesian Ridgebacks und eine Katze gehören, in ihr Heim auf. „Zu Beginn wollte das Kitz weder fressen noch trinken“, blickt Hens auf die schwierigen ersten Tage zurück, in denen noch nicht sicher war, ob das kleine Reh überhaupt überleben würde. „Ich musste mit einer Spritze Suzi quasi durch einen Maulwinkel mit Lämmermilch zwangsernähren. Die Milch hat ein Betrieb von den Hirzbacher Höfen extra besorgt. Beim Füttern hab ich mir einige blaue Flecken und Abschürfungen geholt, denn das Kitz hat sich zunächst heftig gewehrt.“

Mit der Zeit wurde Suzi kräftiger

Doch mit der Zeit gewöhnte sich Suzi nicht nur an sein Fläschchen, das die Ersatzmutter alle zwei Stunden verabreichte, sondern auch an die beiden Hunde, mit denen bis heute eine innige Freundschaft besteht. „Amir und Akani haben das Kitz sehr schnell unter ihre Fittiche genommen, und unsere beiden Töchter haben das kleine Reh sofort adoptiert“, berichtet Markus Hens.

Suzi beim Gessigehen mit seinen "Stiefgeschwistern". Foto: Privat

Zunächst musste das Kitz bei seinen Fressversuchen noch festgehalten werden, weil es nicht auf den Beinen stehen konnte. Doch mit der Zeit wurde es kräftiger und die Nahrung wurde auf Blätter und Kräuter, die von der Familie gesammelt wurden, umgestellt.

Suzi tobt mit den Hunden

„Besonders geschmeckt haben Suzi wilde Erdbeeren, die hat sie mit Vorliebe verputzt, normale Erdbeeren hat sie dagegen verschmäht. Aber auch Haferflocken und zuletzt Kälberpellets gehörten zum Speiseplan. Und Weintrauben – sie müssen allerdings kernlos sein – frisst sie mit wahrem Genuss.“

Als Suzi größer wurde und auch schon mit ihren vierbeinigen „Stiefgeschwistern“ das Haus erkundete, zäunte Familie Hens den Vorgarten für das Kitz ein. Allerdings bemerkten sie und der Jagdpächter, der ein ständiger Besucher des Rehs war, dass es mit der Kondition des Tieres nicht besonders gut bestellt war. Deshalb wurde auch noch der hinter dem Haus am Hainberg liegende Teil des Gartens eingezäunt, damit das Tier mehr Auslauf hatte und mit den Hunden herumtoben konnte, was das Trio auch ausgiebig tat.

Das Rehkitz trabt mit

Anschließend hielten die drei ermattet gemeinsam ein Erholungsschläfchen. „Eines nachts tobte ein heftiges Gewitter über Erbstadt und da musste sich Suzi so erschreckt haben, dass sie über den Zaun sprang und verschwunden war“, erzählt Gitta Hens. „Gut, dachten wir, sie sollte sowieso ausgewildert werden. Aber gefehlt hat sie der Familie doch.“

Der nun nicht mehr benötigte Zaun wurde abgebaut. Doch kaum eine Woche später, morgens beim Frühstück, traute die Familie ihren Augen nicht. Im Garten vor der Wohnküche stand Suzi und schaute erwartungsvoll zum Fenster herein. Zu Beginn unregelmäßig, in den vergangenen Wochen regelmäßig taucht das Reh nun morgens auf, bekommt seine Leckereien und wartet dann darauf, dass Markus oder Gitta Hens mit den beiden Hunden spazieren gehen. Suzi trabt dann mit, rennt auch mal ein Stück ins Feld, und erst wenn der Heimweg angetreten wird, geht auch das Reh seiner eigenen Wege, um am nächsten Morgen wieder im Garten zu warten.

Ein reflektierendes Halsband zum Schutz

„Wir hatten schon viele Begegnungen mit staunenden Spaziergängern, die nicht glauben konnten, dass ein Mensch, zwei Hunde und ein Reh einträchtig einen Spaziergang machen“, lacht Markus Hens und fügt hinzu: „Zugegeben, alltäglich ist das nicht.“ Er hat Suzi auch schon in Begleitung eines Bocks und einer Ricke per Fernglas beobachtet. Die Familie geht davon aus, dass die Besuche früher oder später ein Ende haben werden.

Damit Suzi als handzahmes Reh von Jägern erkannt wird, hat sie ein reflektierendes Halsband bekommen, das sich, falls sie sich im Gestrüpp damit verfangen sollte, löst. Das Halsband soll das Reh vor einem Abschuss schützen, aber auch bei Nacht Autofahrer warnen, sollte sich Suzi wieder auf eine Straße trauen.

Die Pächter der umliegenden Reviere sind zudem über das Tier informiert, dafür hat Jagdpächter Andreas Voland gesorgt. Denn ihm und natürlich Familie Hens liegt am Herzen, dass Suzi ein langes Leben vergönnt ist, nach all dem, was das Reh zu Beginn seines Lebens durchmachen musste.

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