Ein Rehbock steht am Rand des Blühstreifens an der Nidder. Die abgestorbenen Pflanzen bieten zahlreichen Vogelarten und dem Niederwild auch im Winter Nahrung und Deckung.
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Ein Rehbock steht am Rand des Blühstreifens an der Nidder. Die abgestorbenen Pflanzen bieten zahlreichen Vogelarten und dem Niederwild auch im Winter Nahrung und Deckung.

Revier Junkernwald

„Sensation“ im Wiesengrund: Blühflächen an der Nidder locken selten Tierarten

  • Jan-Otto Weber
    vonJan-Otto Weber
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Nidderau – Heinz Ross ist begeistert. Seit Jahrzehnten ist der 81-Jährige nicht nur Jäger, sondern auch passionierter Vogelschützer. Den Vogelschutzverein Großauheim hat er selbst als Schüler 1953 mitgegründet. Doch was er in den letzten Wochen in seinem Revier Junkernwald in den Nidderwiesen nahe Eichen beobachten kann, ist selbst für ihn eine „Sensation“.

„Es haben sich dort sehr seltene und vom Aussterben bedrohte Vögel eingefunden“, schwärmt Ross. „Ich sah dort Braunkehlchen, Wiedehopf und auch viele Feldsperlinge. Den letzten Wiedehopf hatte ich in meiner Kindheit vor etwa 70 Jahren gesehen. Mehrere Fasanenhennen und Hähne sind auch in diesem Biotop auf Zeit.“

Zu verdanken ist diese Vielfalt Landwirt Bernd Förter aus Ostheim, der hier entlang der Nidder mehrere Felder bewirtschaftet. Im Frühjahr hatte er vier Parzellen von insgesamt knapp 4000 Quadratmetern Fläche mit Wildblumensamen eingesät (wir berichteten). „Nun zeigt sich, wie wichtig diese Vernetzung der Biotope ist“, erklärt Ross, dessen Erwartungen an die Blühflächen noch übertroffen wurden.

Tun etwas für den Artenschutz: Jagdpächter Heinz Ross (links) und Landwirt Bernd Förter.

Zwar würden solche Flächen unter dem Motto „Main-Kinzig blüht“ inzwischen vielerorts angelegt, doch gerade in der Feldflur würden solche als „Trittsteine“ angelegten Biotope ihre Wirkung entfalten. Vor allem, wenn die abgeblühten Pflanzen über Winter stehen bleiben und nicht im Herbst gemulcht und gepflügt werden, finden Niederwild und Vögel in der ausgeräumten Landschaft weiter Deckung und Nahrung. Viele Insektenarten nutzen solche Flächen nicht nur als Nahrungsquelle zur Blütezeit, sondern überwintern auch verpuppt oder als Ei an Pflanzenstängeln.

Dieser Wiedehopf wurde im Werra-Meißner-Kreis fotografiert. Doch Jagdpächter Ross hat auch ein Exemplar in den Nidderwiesen entdeckt. Archiv

„Der Wiedehopf lebt von Großinsekten“, erklärt Ross. „Ich habe beobachtet, wie er immer wieder in die Fläche eingeflogen ist. Wahrscheinlich ist er dort tatsächlich ansässig“, freut sich der Naturfreund. Auch die Fasane würden nicht bejagt, wie er betont. Im Gegenteil: Da sie in der Region selten geworden seien, würde die Jägerschaft sie über den Winter mit Silogetreideresten der Bauern oder Eicheln füttern.

Ein Neuntöter, auch Rotrückenwürger oder Rotrückiger Würger, sitzt auf einem Grashalm in den Nidderwiesen.

Dabei wird Ross nicht müde, Landwirt Bernd Förter für dessen Kooperationswillen und die Bereitstellung seiner Flächen zu loben. Und auch das städtische Umweltamt hat sich bereits dankend an den Ostheimer Landwirt gewandt. Erweitert wird das Biotop sogar noch durch Zwischenfrüchte wie Phacelia, Alexandrinerklee und Ramtill, die Förter nach der Getreideernte auf den Feldern ausgebracht hat, um Stickstoff im Boden zu binden.

„Wir wollen hier im nächsten Frühjahr Mais säen“, erklärt der Landwirt. „Solange können die Blühflächen stehen bleiben, auch wenn es für den Blick eines Bauern gewöhnungsbedürftig ist.“

Auch dieser Hase schätzt die Abgelegenheit der Nidderwiesen.

Obwohl Förter für die Flächen keine Förderung beantragen kann, da sie ohnehin im Naturschutzgebiet liegen, denkt er sogar über eine Ausweitung nach. „Wir überlegen, den Gewässerschutzstreifen entlang der Nidder um die Ackerflächen, die bei Hochwasser regelmäßig überflutet werden, zu ergänzen und mehrjährig mit Blumen zu bepflanzen.“

Heinz Ross würde sich darüber freuen: „Die Tierwelt wird es danken.“

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