Der Windecker Ronald Bach hat mit „Vom Hinkelsche uff’s Gickelsche“ ein Buch voller Geschichten und Gedanken zum Ur-Windecker Dialekt geschrieben. Foto: Seifert

Nidderau

Ronald Bach widmet sich seit Jahren dem Windecker Dialekt

Nidderau. „Bevor niemand mehr Ur-Windecker Dialekt spricht, wollte ich eine Bestandsaufnahme machen und der Nachwelt diese sehr spezielle 'Sprache' erhalten“, beschreibt Ronald Bach seine Motivation für das Buch „Vom Hinkelsche uff’s Gickelsche“.

Von Thomas Seifert

Drei Exemplare seines Buchs hat er kürzlich an die Stadtbücherei überreicht. 2019 sollen zwei neue Geschichten mit Bezug zu Gebäuden oder Naturdenkmälern in Nidderau erscheinen.

Geschrieben hat Bach schon immer gerne und Geschichten aus Windecken gibt es reichlich. Sein „Material“ hat der gebürtige Windecker bei Gesprächen mit Verwandten, Freunden, Fußballkameraden und Parteifreunden gesammelt, „ohne dass ich mir immer gleich Notizen gemacht habe“. Viele Anekdoten rühren auch aus der Jugendzeit des Autors, dessen Vater sich bereits mit Dialekt beschäftigt hat. „Da wurde offensichtlich der Grundstein für mein Interesse an Mundart gelegt“, vermutet der Zollbeamte.

Von der Idee, ein Buch über Windecker Mundart zu schreiben, bis zum fertigen Produkt vergingen über drei Jahre. „Manchmal waren die Geschichten oder Theorieabschnitte ganz schnell fertig, manchmal hat es gedauert. Zeitdruck hatte ich keinen, das war sehr angenehm“, sagt Bach über die Schaffensphase.

Der ehemalige SPD-Kommunalpolitiker ist einer von über zehn Autoren, die Geschichten zu einem geplant 300 Seiten starken Buch zum 20. Jubiläum der Buchmesse Main-Kinzig im Jahr 2019 beisteuern wollen. „Eine Geschichte ist schon fertig, eine zweite in Arbeit. Beide haben Bezüge zu Gebäuden oder Naturdenkmalen in Nidderau“, erzählt Bach im Gespräch mit unserer Zeitung.

Sein „Vom Hinkelsche uff‘s Gickelsche“ ist vor drei Jahren erschienen. Als einen der Lektoren konnte Bach damals den ehemaligen Schönecker Bürgermeister Erwin Schmidt gewinnen, „in dessen Elternhaus nur Dialekt gesprochen worden ist“. Da sich die Wörter und deren Aussprache ähneln, konnte Schmidt dem Autor viele Tipps geben.

Ein Rätsel wusste aber auch der gebürtige Kilianstädter nicht zu lösen. Weshalb heißt ein Messer dort „Ultzi“, während es ansonsten überall „Kneipsche“ genannt wird. Ein Erklärungsversuch kam von einer Bekannten, die das französische Wort „utile“ für nützlich ins Spiel brachte, da ein Messer ja ein durchaus nützlicher Gegenstand sei.

Der Frankfurter Sprachforscher Hans Imhof, der Bachs Buch durch Zufall in die Hände bekommen und sehr gelobt hatte, brachte die lateinisch sprechenden Pfarrer ins Spiel. Denn Messer heißt „cultro“ und durch Verballhornung könnte sich so „ultzi“ gebildet haben. Solche Rätsel faszinieren Ronald Bach und auch die Windecker Mundart hat Eigenarten zu bieten, die sich nicht immer schlüssig erklären lassen.

„Ich wollte ein Buch machen, das nicht nur für Sprachforscher oder Mundartfreunde interessant ist“, so der Autor. Deshalb wechsle sich stets ein theoretischer Teil mit einer passenden Geschichte in Mundart ab. Einen wissenschaftlichen Anspruch habe das Buch nicht. „Es soll Freude beim Lesen machen und vielleicht die eine oder andere Anregung geben“, sagt Bach.

„Dialekte sterben aus und die These, dass Kinder, die Dialekt sprechen, in der Schule schlechter sind, stimmt nicht. Im Gegenteil – diese Kinder wachsen quasi zweisprachig auf, das Gespür und Verständnis für Sprache wird dadurch geschult“, sagt Bach. Deshalb war es ihm ein großes Anliegen, zumindest dem Ur-Windecker Dialekt ein Denkmal zu setzen.

Eine Schwierigkeit war die Schreibweise, denn die eigentlich korrekte Lautschrift sei nicht in Frage gekommen, „weil ich sie nicht beherrsche und nur Experten das Buch hätten lesen können“. Also versuchte er, das lautmalerisch Einzigartige des Win‧decker Dialekts in normaler Schreibweise zu fassen. Mit einem Kniff: Um die ganz spezielle ausgesprochenen Nasale A und O zu kennzeichnen, verwendete er den „accent grave“ aus dem Französischen.

„Die Geschichten im Buch sind bis auf eine authentisch und so passiert“, betont Bach. Im theoretischen Teil hat er zum Beispiel als Grund für den eigenen Dialekt der Windecker die Geschichte zu Rate gezogen. Das bereits 1288 erteilte Stadtrecht ließ eine anders strukturierte Gesellschaft mit Verbindungen weit über die engen Grenzen der Nachbarschaft hinaus entstehen. Hugenottische Glaubensflüchtlinge, der „harte Einschnitt des Dreißigjährigen Kriegs“ oder die lange Grenzlage führt Bach als weitere mögliche Ursachen für die Eigenständigkeit des Windecker Dialekts an. Er brachte Wörter wie „Apparatkrobbe“ für Einmachkochtopf hervor.

Im Buch findet sich auch ein Aufsatz des Windecker Lokalhistorikers Erhard Bus, mit dem Bach seit der Jugend verbunden ist. Bus untersucht darin, welche Gründe es geben könnte, dass der Windecker Dialekt zwar dem der umliegenden Gemeinden sehr ähnlich ist, aber trotzdem in entscheidenden Nuancen anders.

Als es an die Veröffentlichung beim Cocon-Verlag ging, wollte Bach unbedingt einige Illustrationen zur Auflockerung im Buch haben. Über verwandtschaftliche Verhältnisse zu „Raul“, Co-Autor der HA-Comic-Serie „Willy the Kid“, kam der Kontakt zu Zeichner „Rautie“ zustande. Auf der Buchmesse bot „Rautie“ Bach an, Käufer seines Buch zu ihm zu schicken – er würde dann einen vom Erwerber gewünschten Comic ins Werk zeichnen.

„Seit Kurzem kann man 'Vom Hinkelsche uff’s Gickelsche' in der Nidderauer Stadtbücherei ausleihen. Vielleicht bekommt es auch der ein oder andere Neubürger in die Hand und versteht dann ein wenig besser, weshalb es manchmal noch Animositäten zwischen Windeckern und den Bewohnern anderer Stadtteile gibt. Denn die 'Schlüsselrappler' wurden immer schon als etwas hochnäsige Stadtbewohner von Auswärtigen angesehen. Sind wir aber nicht“, versichert Ronald Bach.

"Vom Hinkelsche uff’s Gickelsche" ist im Cocon-Verlag Hanau erschienen. Weitere Informationen gibt es auf der Internetseite www.hinkelsche.de.

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