Jenseits der Böschung an der Rommelhäuser Straße, zwischen der Sackgasse Beune und dem am Ende der Straße gelegenen Aussiedlerhof, will die Stadt Sozialwohnungen errichten. Foto: Jan-Otto Weber

Nidderau

Rommelhäuser Straße: Anwohner fühlen sich überrumpelt

Nidderau. Die Anwohner der Rommelhäuser Straße in Ost‧heim fühlen sich von der Stadt überrumpelt. Durch Zufall hätten sie davon erfahren, dass in ihrer Straße Sozialwohnungen gebaut werden sollen. Von bis zu 100 Wohneinheiten sei in einem Pressebericht die Rede gewesen.

Von Jan-Otto Weber

„Bei der Größe des betreffenden Grundstücks sind uns dann erst mal Bedenken gekommen“, erklären vier der Anwohner im Gespräch, zu dem sie den HA eingeladen haben, um ihre Position zu schildern.

Denn das Bild, das durch die vergangene Stadtverordnetenversammlung entstanden sei, wollen sie so nicht stehen lassen. „Wir verwahren uns im Namen aller Anwohner in aller Deutlichkeit gegen den Vorwurf, dass wir aus der braunen Ecke kommen“, betonen die Anwohner einmütig. „Einer unserer Nachbarn ist selbst als Flüchtling nach Deutschland gekommen und betreut Menschen mit Migrationshintergrund. Wir distanzieren uns klar von Fremdenfeindlichkeit.“

80 Unterschiften in zwei Tagen

Wie berichtet, hatten die Anwohner im Vorfeld der Sitzung ein Schreiben an die Fraktionen und Bürgermeister Gerhard Schultheiß (SPD) verschickt, in dem sie ihr „Nicht-Einverständnis mit dem geplanten Bauvorhaben“ bekunden. Das dreiseitige Schreiben enthält neben zahlreichen Fragestellungen und Forderungen von Gutachten zu städtebaulichen, infrastrukturellen, ökologischen und sozialen Aspekten auch Bedenken zu Auswirkungen auf die Sicherheit der Anwohner durch etwaige Konflikte mit den neuen Bewohnern. Am Rande der Stadtverordnetensitzung verlautete aus den Reihen der Parlamentarier, dass in dem Schreiben drastische Formulierungen verwendet worden seien, die die Grenze des politisch Korrekten deutlich überschritten hätten.

Unserer Zeitung liegt das Schreiben inzwischen vor. Bei allem Nachdruck und Umfang der aufgeführten Fragen und Forderungen sind keine anstößigen oder zweifelhaften Formulierungen auszumachen. „Nachdem die Information zu dem Bauvorhaben durchgesickert war, haben wir innerhalb von zwei Tagen über 80 Unterschriften in der Rommelhäuser Straße und der Beune gesammelt“, erklären die Anwohner. „Mittlerweile sind es über 100 Nachbarn, die sich unseren Forderungen anschließen. Soll das alles mit einem Video abgetan sein?“

Keiner wolle es vor der eigenen Tür

Besagtes Video mit einer Rede von Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) zum Zusammenhalt in der Gesellschaft hatte Bürgermeister Schultheiß in der Sitzung zum Einstieg in das Thema gewählt. „Ich habe nie behauptet, dass das Schreiben der Anwohner braune Tendenzen aufweist“, stellt Schultheiß fest. „Aber ich fand, dieses Statement von Bouffier tut mal gut, da wir im Zusammenhang mit Sozialwohnungsbau immer wieder solche Diskussionen führen. Jeder weiß, dass er dringend nötig ist, aber niemand will ihn vor der eigenen Haustür.“

Eine Antwort auf das Schreiben der Anwohner sei derzeit in Arbeit, so der Bürgermeister. „Doch bei der Fülle der Themen, braucht das natürlich etwas Zeit.“ Bereits in der Stadtverordnetensitzung habe er ja zugesagt, dass die Verwaltung die Anwohner an der Rommelhäuser Straße ebenso mit einbeziehen werde, wie am Mühlberg in Windecken. „Bis zur konkreten Planung wird es aber noch dauern. Die Verhandlungen mit dem Land um den Ankauf der Fläche ziehen sich noch ein Weilchen. Zudem müssen wir schauen, welchen Partner wir als Bauträger kriegen.“

Schultheiß: Alle Vorschriften werden eingehalten

Was die Bedenken der Anwohner zur Kanalisation betreffe, sei die Kapazität von den Stadtwerken geprüft worden, so der Verwaltungschef. Ein Rückstau bei Stark‧regen sei normal. „Rückschlagklappen müssen da schon sein. Schadensmeldungen an den Hausanschlüssen sollten die Anwohner direkt an die Stadtwerke geben.“

Natürlich werde man bei einem Neubau auch die übliche Drosselung von Regenwasser vorsehen, etwa durch Zisternen. Allgemein gebe es im Baurecht keine Sonderregelungen für Kommunen. „Es werden alle Vorschriften eingehalten und Gutachten eingeholt“, so Schultheiß. Ebenso tritt er der Befürchtung entgegen, die Stadt strebe ein beschleunigtes Verfahren an, um zum Beispiel den Umweltschutz umgehen zu können.

Dass die Zahl von 100 Wohneinheiten an einem einzigen Standort aus der Luft gegriffen ist, hatte der Bürgermeister bereits im Parlament zu Protokoll gegeben. „Wir wollen die Wohnungen über die Stadt verteilen, damit Integration möglich ist“, betont Schultheiß. „Auch die Mühlweide in Ostheim ist nicht vom Tisch. Der Bedarf ist überall.“

Standorte, Bedarfe und BürgerforderungenIn einer Bauausschusssitzung Anfang Januar hat die Stadtverwaltung das Areal „Lausbügel“ an der Mühlbergstraße in Windecken, das Gelände neben den „Breite Wiesen“ an der Niddertalstraße in Eichen sowie die Erweiterung der Allee Mitte in Heldenbergen als mögliche Standorte für sozialen Wohnungsbau genannt. Auch das Grundstück neben dem Jugendzentrum Blauhaus am Kleinen Bahnhof in Windecken kommt als Standort infrage. Im rot-grünen Koalitionsvertrag wird das geplante Neubaugebiet Mühlweide in Ostheim als weiterer Standort aufgeführt, „in dem unter anderem neue Sozialwohnungen entstehen sollen“. Als jüngste Option ist nun die Rommelhäuser Straße in Ostheim im Gespräch. Wie Bürgermeister Schultheiß in der Stadtverordnetenversammlung Ende Juni ausführte, gab es zu diesem Zeitpunkt 238 Personen aus Nidderau, die sich um eine geförderte Wohnung bewarben. Davon waren 38 Prozent Flüchtlinge oder Menschen mit Migrationshintergrund. Zusätzlich gab es 55 Bewerber von außerhalb. Ähnlich wie jetzt an der Rommelhäuser Straße in Ostheim haben sich Anwohner in Windecken zur IG Mühlberg zusammengeschlossen. Mitte Mai übergaben sie eine Petition an Bürgermeister Schultheiß, der einen transparenten Prozess unter Einbindung der Bürger zusagte. jow

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