Lange Schatten geworfen: Der Zeuge (links) wird nach seiner Aussage von Zivilfahndern in Handschellen auf der Nussallee abgeführt. Foto: Thorsten Becker

Nidderau/Hanau

Prozess um Nidderauer Drogenmilieu: Opfer nach Aussage verhaftet

Nidderau/Hanau. Die beiden Herren vor Saal 215 A des Hanauer Landgerichts tragen Jeans, Turnschuhe, T-Shirt sowie Polohemd. Sind es Besucher oder sind es Zeugen des hinter der Tür laufenden Prozesses vor der 1. Schwurgerichtskammer?

Von Thorsten Becker

Auf jeden Fall sind beide Herren Rechtshänder. Denn auf der rechten Seite hängen bei ihnen Holster am Gürtel. Darin stecken Dienstwaffen, wie sie von der hessischen Polizei getragen werden. Bewaffnete Zeugen vor Gericht? Wohl kaum. Und die beiden scheinen viel Zeit mitgebracht zu haben, denn sie warten . . .

Im Saal wird die Verhandlung gegen den Nidderauer „Joe“ fortgesetzt. „Joe“ (22) hat längst ein Geständnis abgelegt, im November vergangenen Jahres einen 20-Jährigen in Windecken angefahren und verletzt zu haben (wir berichteten).

Offenbar ging es um eine Abrechnung

Allerdings nicht in Mordabsicht, wie Staatsanwalt Dr. Alexander Voigt ihm vorwirft, sondern um dem Drogenschuldner Angst zu machen. Es soll um 200 Euro aus illegalen Geschäften gegangen sein. „Joe“ steht zeitgleich vor dem Hanauer Schöffengericht, muss sich dort wegen schwunghaften Drogenhandels verantworten.

In den WhatsApp-Nachrichten, die der Vorsitzende Richter Dr. Peter Graßmück nun verliest, hört sich alles etwas anders an. In Nidderau geht es an diesem Novemberabend offenbar um eine Abrechnung im Drogenmilieu. Junge Männer, die Marihuana, Ecstasy und andere Rauschmittel „verticken“ – und sich offenbar spinnefeind sind.

„Wir nehmen ihn mit und fahren mit ihm in den Wald. . .“, lautet eine Nachricht. Gewürzt mit derben Ausdrücken und Straßengang‧Slang stacheln sich „Joe“ und sein Kumpel über Smartphone gegenseitig an, „den Hund“ und „Bastard“ fertigzumachen. „Wer damit gemeint ist, dürfte wohl klar sein“, meint der Vorsitzende zu den digitalen Beweisen.

Nach seinem Fernbleiben am ersten Verhandlungstag sagt das Opfer aus

Gemeint ist in dem Chat „Ama“, inzwischen 21 und arbeitslos. Er trägt Jeans, Turnschuhe und ein weißes T-Shirt. Er ist in diesem Fall das Opfer und soll als Zeuge aussagen. Die Schwurgerichtskammer hatte den Nidderauer bereits am ersten Verhandlungstag geladen. Doch „Ama“ ist einfach nicht gekommen. Er habe das Gericht angerufen und gesagt, dass er nicht kommen könne, weil er „in Urlaub“ sei.

Der Ärger über diese Dreistigkeit ist dem Vorsitzenden anzumerken: „Der Ladung dieses Gerichts haben Sie Folge zu leisten“, so Graßmück in scharfem Ton. „Gegen Sie wird ein Ordnungsgeld verhängt, außerdem haben Sie einen Teil der Kosten des Verfahrens zu tragen.“

Dann beginnt „Ama“ mit seiner Version, was sich am Abend des 20. November an der Bahnhofstraße abgespielt hat. Allerdings scheut er sich zunächst. Ob er vielleicht ahnt, wer vor der Tür auf ihn wartet? Oder sind es die Drohungen? „Ama“ berichtet, dass in Nidderau immer wieder versucht worden sein soll, ihn einzuschüchtern. Von mehreren Seiten sei er darauf hingewiesen worden, dass „er aufpassen soll, was er vor Gericht sagt“.

Kammer will in der kommenden Woche zu einem Urteil kommen

„Sie haben hier die Wahrheit zu sagen und nicht herumzueiern“, lautet die letzte Ermahnung durch den Vorsitzenden. Das sitzt. Und so schildert der 21-Jährige, dass er zu einer Aussprache an den Heldenberger Bahnhof wollte und sich auf dem Weg dorthin ein Auto genähert habe.

„Das Auto kam auf dem Gehweg auf mich zu.“ Reflexartig springt er auf die Motorhaube. „Wäre ich nicht auf das Auto gesprungen, wären meine Beine gebrochen, da bin ich mir sicher.“ Schließlich gibt der Fahrer des alten VW Polo Gas. „Ich habe mich an die Windschutzscheibe geklammert, dann bin ich auf die Straße gefallen. Mit dem Gesicht auf den Asphalt.“ Prellungen und Schürfwunden sind die Folgen, drei Tage muss er im Krankenhaus versorgt werden.

Das alles deckt sich mit dem Geständnis von „Joe“ sowie den anderen Zeugenaussagen. Daher will die Kammer in der kommenden Woche zu einem Urteil kommen. Prozess vertagt, „Joe“ wird in Handschellen durch den Hintereingang abgeführt und in die Untersuchungshaft zurückgebracht.

"Ama" wird nach der Verhandlung in Handschellen abgeführt

„Ama“ verlässt das Landgericht dagegen durch das imposante Hauptportal. Doch er ist nicht mehr alleine – und auch nicht auf dem Heimweg nach Nidderau.

Die beiden Polizisten in Zivil, die vor dem Verhandlungssaal gewartet haben, verkünden ihm einen Haftbefehl, legen dem jungen Nidderauer Handschellen an und begleiten ihn bis zur Nussallee. Dort wartet bereits ein getarnter Streifenwagen. Denn „Ama“ hatte neben der Ladung als Zeuge vor dem Schwurgericht auch seine eigene Hauptverhandlung „geschwänzt“. Da er als Angeklagter nicht erschienen ist, wird er nun von der Polizei vorgeführt.

„Es ist ein Verfahren in einer ganz anderen Sache, die mit dieser hier nichts zu tun hat“, erklärt der Staatsanwalt. Aber, das ist nicht besonders verwunderlich: Es geht um illegale Drogen.

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