In Handschellen vorgeführt, dann von der Untersuchungshaft verschont und jetzt ein freier Mann: Der Angeklagte Ferdinand E. ist selbst zum Opfer von Falschaussagen geworden. Archivfoto: Thorsten Becker

Nidderau/Hanau

Partygast überfahren: Verfahren um versuchten Mord eingestellt

Nidderau/Hanau. Der letzte Verhandlungstag vor der 1. Schwurgerichtskammer am Hanauer Landgericht ist ein „kurzer Prozess“. Das Verfahren gegen den 24-jährigen Ferdinand E. aus Bruchköbel hat einen ganz anderen Verlauf genommen, als erwartet.

Von Thorsten Becker

Es ist ein Paradebeispiel dafür, wie wichtig eine gewissenhaft und gründliche Justiz ist – und dass ein Mensch, der angeklagt ist, niemals vorverurteilt werden darf. Die Unschuldsvermutung ist höchstes Gut in einem Rechtsstaat.

Der ursprünglich wegen versuchten Mordes an einem Partygast in Nidderau-Heldenbergen angeklagte Ferdinand E. aus Bruchköbel verlässt den Schwurgerichtssaal als freier Mann. Das Verfahren gegen ihn soll eingestellt werden.

„Bei der Anklageerhebung sind wir von ganz anderen Zeugenaussagen ausgegangen“, erklärt Staatsanwältin Lisa Pohlmann der Kammer unter dem Vorsitz von Landgerichtspräsidentin Susanne Wetzel. Im Klartext: Es ist ein bunter Strauß von Lügen.

Angebliche Augenzeugen

Noch im Mai vergangenen Jahres hatten die angeblichen Augenzeugen übereinstimmend bei der Polizei ausgesagt, dass F. nach einem Streit auf einer Party in der Brentanostraße in Heldenbergen ins Auto gestiegen und in eine Gruppe von Leuten „gerast“ sei. Dabei sei ein Partygast absichtlich dreimal überrollt worden.

Wäre das tatsächlich so gewesen, dann wäre es aus juristischer Sicht sehr wohl ein Mordversuch gewesen. Doch in den fünf Verhandlungstagen zeigt sich schnell ein ganz anderes Bild: Die Zeugen verheddern sich ein ums andere Mal in Widersprüchen. Ja sie lügen sogar derart dreist, dass sich die Balken biegen und das Gericht ernsthafte Mahnungen verteilt. Daher haben die fünf Richter bereits am zweiten Verhandlungstag den Haftbefehl gegen E. außer Vollzug gesetzt, denn der dringende Verdacht, dass der 24-Jährige möglicherweise unschuldig seit sieben Monaten hinter Gittern in Untersuchungshaft gesessen hat (wir berichteten), drängt sich sehr schnell auf. Am Ende ist es kurioserweise die Aussage des Angeklagten, die der Wahrheit am nächsten kommt – wenn auch ein wenig „geschönt“, was dem Angeklagten jedoch zugestanden werden darf.

E. gesteht, einen der Partygäste inmitten einer Auseinandersetzung, bei der die Scheiben des Wagens zertrümmert wurden, leicht angefahren zu haben. Das bestätigen am Donnerstag die sachverständigen Gutachter. Mit maximal rund zehn Stundenkilometern sei der Geschädigte von dem Auto erfasst worden. Dann seien die Reifen über sein Bein gerollt. Von „in die Menge rasen“ kann überhaupt keine Rede sein. Aber die Gutachter liefern die Erklärung dafür, weshalb das Opfer relativ glimpflich davongekommen sind.

Stellen bei der Polizei

Zudem hat E. sich wenige Stunden nach dem Vorfall der Polizei gestellt. Dort muss er ins Röhrchen „pusten“ und sich einer Blutprobe unterziehen. Es sind in den frühen Morgenstunden nur noch 0,2 Promille Alkohol im Blut. Von einem „sturzbesoffenen Mann“, der von umsichtigen Partygästen an der Autofahrt gehindert werden soll, wie es zunächst geheißen hatte, kann also kaum noch die Rede sein.

Nun hat die Justiz einen Schlussstrich gezogen. Der Fall ist an fünf Verhandlungstagen so genau untersucht worden, dass der Verteidiger von E. der Schwurgerichtskammer vorschlägt, das Verfahren gegen seinen Mandanten einzustellen. Staatsanwältin Pohlmann und die fünf Richter stimmen zu. E. muss in Raten lediglich 600 Euro als Wiedergutmachung an das Opfer zahlen – dann ist der Fall für ihn erledigt.

Noch nicht erledigt scheinen dagegen die offenkundigen Falschaussagen mehrerer Zeugen, die offenbar wissentlich die Unwahrheit gesagt und versucht haben, E. ein schweres Verbrechen anzuhängen. Bereits während des Verfahrens hatte die Landgerichtspräsidentin einen entsprechenden Wunsch formuliert: „Ich kann nur hoffen, dass die Frau Staatsanwältin genügend Anhaltspunkte findet, um gegen die Zeugen Ermittlungsverfahren einzuleiten.“

Der Fall26. Mai 2019: An der Brentanostraße in Heldenbergen kommt es am Rande einer Ge-burtstagsparty zum Streit: Ein 21-Jähriger wird angeblich mehrfach von einem Auto überrollt. 28. Juni: Der 23-jährige Ferdinand E. wird in Esslingen bei Stuttgart festgenommen. Der Vorwurf: versuchter Mord. 14. Januar 2020: Prozessauftakt vor der 1. Schwurgerichtskammer. E. streitet den Vorwurf ab und sagt aus.24. Januar:Eine Zeugin berichtet über mögli-che Falschaussagen. Der Haftbefehl gegen E. wird von der Schwurgerichtskammer aufgehoben. 3. Februar: Das vermeintliche Opfer und der Hauptbelastungszeuge verstricken sich in Widersprüche. 14. Februar: Die beiden Partyveranstalter ti-schen weitere Versionen des Geschehens auf und widersprechen ihren Aussagen bei der Polizei. 20. Februar: Das Verfahren gegen Ferdinand E. wird eingestellt.

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