Tatort Brentanostraße: Was angeblich ein versuchter Mord an einem Partygast gewesen sein soll, entpuppt sich vor dem Landgericht immer mehr zu einem Strauß von Falschaussagen, mit dem der Angeklagte Ferdinand F. offenbar absichtlich belastet werden sollte. Foto: Jan-Otto Weber

Nidderau/Hanau.

Partygast überfahren: Falschaussagen werden immer grotesker

Nidderau/Hanau. Seinen 18. Geburtstag wird Michael B. wohl nie vergessen. Denn schließlich kam es vor seinem Elternhaus zu einem Vorfall, der die Polizei auf den Plan rief. „Danach war der Abend gelaufen“, so der junge Mann, der am 26. Mai 2019 an der Brentanostraße in Heldenbergen die Volljährigkeit feierte.

Von Thorsten BeckerDiese Aussage von B. ist an diesem Freitag, dem vierten Verhandlungstag im Prozess gegen den 23-jährigen Ferdinand E., wohl die einzige, die ihm jeder im Schwurgerichtssaal des Hanauer Landgerichts abnimmt. Den Rest nicht.

Es wird immer offensichtlicher, dass es die bisher gehörten Zeugen mit der Wahrheit nicht so genau nehmen – um es ganz vornehm auszudrücken. Angebliche Beobachtungen werden mit Hörensagen vermischt, dramatisiert.

Immer mehr drängt sich der Verdacht auf, dass eine Gruppe junger Leute E. absichtlich „reinreißen“ wollen. Denn der Bruchköbeler sitzt ursprünglich wegen des Verdachts des versuchten Mordes auf der Anklagebank. Zudem hat er sieben Monate Untersuchungshaft hinter sich.

Nach Strich und Faden belogen

Bereits nach wenigen Minuten weiß jeder im Saal, dass der 18-Jährige die Polizei nach Strich und Faden belogen hat. „Es war wohl ein Unfall, er hat es wohl nicht mit Absicht getan“, sagt Michael B. nun.

„Ist es Ihnen bewusst, dass Sie mit Ihrer Aussage dafür mitverantwortlich sind, dass dieser Mann in Untersuchungshaft gesessen hat?“, wird Landgerichtspräsidentin Susanne Wetzel deutlich. „Warum haben sie bei der Polizei diese Angaben gemacht?“

Plötzlich sagt Michael B. dann einen kryptischen Satz: „Wegen ihm . . . und seinem kleinen Bruder.“ Wetzel hakt nach, doch der 18-Jährige, der noch vor wenigen Monaten der Polizei viel und ausführlich erzählt hat, dass Ferdinand E. auf ihn und andere „zugerast“ sei – was offensichtlich nicht stimmen kann –, schweigt plötzlich. Die Namen will er nicht sagen, die Hintergründe auch nicht. „Ich habe Angst“, sagt er.

Dann kommt es ganz dicke für B., denn die Vorsitzende wird sehr drastisch: „Wissen Sie eigentlich, dass es Beugehaft gibt – für Zeugen, die uns wissentlich die Unwahrheit sagen? Möchten Sie lieber ins Gefängnis?“ Doch der junge Zeuge schweigt.

Bewacht auf dem Zeugenstuhl

Über 45 Minuten muss er nun, während der Mittagspause, auf dem Zeugenstuhl sitzen bleiben, bewacht von herbeibeorderten Justizwachtmeistern.

Danach lässt er der Schwurgerichtskammer einen Zettel übergeben. Darauf stehen die Namen der beiden Männer, vor denen er offenbar Angst hat. Einer der beiden habe ihm bedeutet, bei der Polizei „nichts Falsches“ zu sagen. Zu den Hintergründen schweigt er beharrlich, strapaziert das Gericht bis aufs Äußerste.

Nur haarscharf entgeht er an diesem Nachmittag der sofortigen Verhaftung. „Sie kommen am nächsten Verhandlungstag wieder“, ordnet die Vorsitzende an. Bereits zuvor hat Wetzel Konsequenzen öffentlich angekündigt: „Ich kann nur hoffen, dass die Staatsanwaltschaft genügend Anhaltspunkte findet, um gegen Sie und die anderen Zeugen Ermittlungsverfahren einzuleiten.“

Damit dürfte auch Mario B., der drei Jahre ältere Bruder, gemeint sein. Der 21-Jährige wird zum Richtertisch gebeten und soll Schwurgerichtskammer, Staatsanwaltschaft, Verteidigung und den Sachverständigen rekonstruieren, was sich in der Nacht zum 26. Mai an der Brentanostraße tatsächlich abgespielt hat. Mario B. ist sichtlich nervös. „Weshalb sind Sie so nervös?“, will Richterin Wetzel wissen. Die Frage beantwortet sich in den Minuten danach von alleine, denn er verwickelt sich ebenfalls mehrfach in Widersprüche.

Zahlreiche Widersprüche

Als die Landgerichtspräsidentin ihn immer wieder auf die Widersprüche hinweist und die wahrheitsgemäßen Angaben anmahnt, wird der junge Nidderauer plötzlich laut, fällt Wetzel ins Wort. „Reißen Sie sich jetzt zusammen, sonst passiert hier noch was ganz anderes“, mahnt die Vorsitzende. Selbst Staatsanwältin Lisa Pohlmann greift ein: „Beruhigen Sie sich; atmen Sie mal durch.“

Noch bei der Polizei hatte Mario B. zu Protokoll gegeben, dass der Angeklagte „mehrfach, in voller Absicht, in die Menschenmenge reingerast“ sei. Nun rudert er zurück. Die Vorsitzende wird sehr deutlich: „Das ist wirklich abenteuerlich. Merken Sie eigentlich, dass Sie hier völlig wirres Zeug erzählen?“

Mario B. weiß keine Antwort, wird immer nervöser. Bis er schließlich entlassen wird. Wetzel: „Sie bleiben unvereidigt – das dürfte Ihr Glück sein.“ Damit spielt sie darauf an, dass ein Meineid mit mindestens einem Jahr Haft bestraft wird. Doch auch für unendliche Falschaussagen drohen noch empfindliche Sanktionen.

Der Fall

26. Mai 2019:An der Brentanostraße in Heldenbergen kommt es am Rande einer Geburtstagsparty zum Streit: Ein 21-Jähriger wird angeblich mehrfach von einem Auto überrollt.

28. Juni:Der 23-jährige Ferdinand E. wird in festgenommen. Der Vorwurf: versuchter Mord. 14. Januar 2020: Prozessauftakt vor der 1. Schwurgerichtskammer. E. streitet den Vorwurf ab und sagt aus. 24. Januar:Eine Zeugin berichtet über mögliche Falschaussagen. Der Haftbefehl gegen E. wird aufgehoben. 3. Februar: Das vermeintliche Opfer und der Hauptbelastungszeuge verstricken sich in Widersprüche.14. Februar: Die beiden Partyveranstalter tischen weitere Versionen des Geschehens auf und widersprechen ihren Aussagen bei der Polizei. Der Prozess wird am Donnerstag, 20. Februar, um 9 Uhr fortgesetzt.

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