Neuer Einband für ein historisches Dokument: Im Februar 2019 überreichten Professor Jürgen Müller (Mitte) und Heinrich Pieh (rechts) vom Heimat- und Geschichtsverein die gebundene „Kriegschronik“ an Pfarrer Lukas Ohly. 
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Neuer Einband für ein historisches Dokument: Im Februar 2019 überreichten Professor Jürgen Müller (Mitte) und Heinrich Pieh (rechts) vom Heimat- und Geschichtsverein die gebundene „Kriegschronik“ an Pfarrer Lukas Ohly. ARCHIV

Ein Schatz für die Dorfgemeinschaft

„Ostheimer Kriegschronik“ des Dorfpfarrers Fink als Buch herausgegeben

  • Jan-Otto Weber
    vonJan-Otto Weber
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Es ist ein Schatz, den Professor Jürgen Müller da gehoben hat. Über Jahrzehnte lag er verborgen in einem Aktenschrank des Ostheimer Pfarrarchivs, versteckt hinter einem Aktendeckel.

Nidderau - „Die Chronik mit ihren zahlreichen ergänzenden Schriftstücken gibt einen breiten Einblick in die Folgen des Krieges für das gesellschaftliche Leben im Dorf“, hebt der Historiker die Bedeutung der 118 handgeschriebenen Seiten hervor. „Sie stellt eine seltene und bislang weitgehend unbekannte Quelle für die Kriegserfahrungen der ländlichen Bevölkerung dar“, urteilte Müller schon im Februar 2019 bei der Übergabe einer gebundenen Fassung der „Ostheimer Kriegschronik“ an die Kirchengemeinde.

Der Heimat- und Geschichtsverein (HGV) hatte damals die bedeutenden Aufzeichnungen des Ortspfarrers Friedrich Karl Fink (1860–1947) in Buchform für die Nachwelt gesichert. Am vergangenen Sonntag konnte Müller im Rahmen eines Gottesdienstes nun die „Kriegschronik der evangelischen Pfarrei Ostheim, Kreis Hanau, 1914 – 1921“ als kommentierte und mit Register versehene Ausgabe an Pfarrer Lukas Ohly und gleichsam der Öffentlichkeit übergeben. Denn das heimatgeschichtliche Werk ist nun auch käuflich zu erwerben.

Der HGV hatte bereits in den Jahren zuvor mehrfach auf das Pfarrarchiv zurückgegriffen, zum Beispiel für die Sonderausstellung „Hessische Landgemeinden im Ersten Weltkrieg 1914–1918“ in der Bertha-von-Suttner-Schule oder für die Ausstellung „’Liebe Eltern, ich will euch mitteilen, daß ich hier verwundet liege…’ – Schicksale Ostheimer Soldaten im Ersten Weltkrieg“ in der evangelischen Kirche in Ostheim.

Die Pfarrersfamilie um das Jahr 1905: Friedrich und Julie Fink mit ihren Kindern Gotthold, Johannes, Käthe und Friedrich (von rechts). Tochter Käthe wurde nach dem Ersten Weltkrieg Gemeindeschwester in Ostheim. Das

Auf 118 handgeschriebenen Seiten hat Gemeindepfarrer Fink seinerzeit festgehalten, was der Alltag im Ersten Weltkrieg für die Gemeinde an der „Heimatfront“ bedeutete – angefangen von der Mobilisierung der Soldaten im August 1914 bis zur Rückkehr der letzten Kriegsgefangenen aus Russland im Jahr 1920. Seine eigenen Notizen zu Hunger, Krieg und Leiden ergänzte Fink durch Zeitungsausschnitte, Todesanzeigen, Flugblätter und Schriften der Kirchenleitung. Im Mittelpunkt der Aufzeichnung stehen seine Aufgaben als Pfarrer, zum Beispiel die Gottesdienste für gefallene Soldaten, Kriegsgebetsstunden oder Gedächtnisfeiern. 32 Soldaten aus Ostheim fielen im Ersten Weltkrieg, darunter auch zwei Söhne der Pfarrersfamilie Fink.

Er sei, so Müller, fasziniert gewesen von den nahezu unbekannten Vorgängen im Dorf. „Pfarrer Fink wollte mit der Chronik einen Bericht geben, wie der Krieg auf die Gemeinde gewirkt hat und wie sich die Gemeinde am Krieg beteiligt hat“, erläutert der Wissenschaftler, der zugleich betont, dass Pfarrchroniken keine öffentlichen Dokumente, sondern amtliche Aufzeichnungen seien, die kirchenrechtlichen Vorschriften unterlägen. Sein Dank gilt deshalb dem Ostheimer Kirchenvorstand und Pfarrer Ohly für ihre Bereitschaft, die Chronik öffentlich zugänglich zu machen.

Neu erschienen: „Kriegs- chronik der evangelischen Pfarrei Ostheim, Kreis Hanau, 1914-1921“. Buchcover: LIT-Verlag

Zahlreiche Ostheimer werden ihre Familiennamen in den Aufzeichnungen wiederfinden. Pfarrer Fink notierte in seiner Chronik die eintreffenden Todesnachrichten, schrieb über die Hilfsmaßnahmen für die Soldaten im Feld. Die sogenannte „Kriegsfrauenhilfe“ sammelte Geld und Sachspenden, verschickte Pakete mit Tabak und Schokolade, den Liebesgaben, wie sie damals bezeichnet wurden. Im Jahr 1916 kamen dann 22 Flüchtlinge aus dem Elsass nach Ostheim; ein Jahr später nahmen 18 Familien Kinder aus dem Ruhrgebiet auf.

Fink schildert die Ereignisse aus Sicht des persönlich Betroffenen und des „glühenden Nationalisten, dem die Ziele und Absichten des eigenen Vaterlandes über alles gingen“, wie Müller in seiner Einleitung schreibt. Bei allem Enthusiasmus für die Kriegsanstrengungen nehme Fink die negativen Folgen des Krieges aber durchaus wahr: „Es ist überhaupt eine Zeit des Ersatzes“, schreibt der Dorfpfarrer, „für die fehlenden Nahrungsmittel sucht man einen Ersatz, Kaffee, Tee, Seifen, Stärke, Zucker etc. durch alle möglichen Pulver und Pülverchen, die man in den Schaufenstern liegen sieht. Die Ersatzmittel taugen meist wenig, doch dienen sie immerhin zur Beruhigung der Leute.“

Informationen zum Buch

Das Buch „Kriegschronik der evangelischen Pfarrei Ostheim, Kreis Hanau, 1914-1921“ ist als Band 5 in der Reihe „Erster Weltkrieg im Fokus“ im Lit-Verlag Berlin erschienen. Die 170-seitige Ausgabe kann für 19,90 Euro bei Kollers kleines Kaufhaus, Sepp-Herberger-Straße 3, sowie am Kiosk Hartenfeller, Eisenbahnstraße 2, in Ostheim erworben werden. Zudem ist eine Bestellung unter Telefon 06187 24394 oder per E-Mail an juergen.mueller@jm- geschichte.de möglich.

Auch andere Aspekte beschreibt Fink, etwa die Situation in der Schule. Es mangelt an Lehrern, einige wurden zur Armee eingezogen. Die Schule muss mehrfach geschlossen werden, weil Masern, Scharlach oder Grippe grassieren, oder weil nach Kriegsende heimkehrende Soldaten in den Schulräumen einquartiert werden.

Dem heutigen Leser drängen sich Parallelen zur gegenwärtigen Corona-Pandemie auf. Finks Bericht bewahre die Schicksale der Menschen von damals vor dem völligen Vergessen, so Müller. Neben dem wissenschaftlichen Gewinn ist dies wohl das Wertvollste für die Ostheimer Dorfgemeinschaft.

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