Die Klappe ist nicht nur Show: Sie hilft Georg Brodt (links) und Waldemar Förter dabei, die Ton- und Bildspuren der drei Kameras beim Video-Schnitt auf dem Computer zu synchronisieren. Foto: Jan-Otto Weber

Nidderau

Ostheimer drehen Zeitzeugeninterviews mit hohem Aufwand

Nidderau. „Vor zwei Wochen wurde das alte Pfarrhaus abgerissen“ lautet die Schlagzeile auf dem Mitteilungsblatt der Gemeinde, das sich am Bildschirm langsam auf den Zuschauer zubewegt. In der nächsten Einstellung folgt ein Foto, das schwere Baumaschinen vor einem bereits stark beschädigten Ziegelbau zeigt.

Von Jan-Otto Weber

Das Foto vibriert, als würde es von den Abrissarbeiten erschüttert – begleitet von durchdringendem Motorenlärm.Die kurze Sequenz stammt aus einem der Videos, das die beiden Ostheimer Georg Brodt und Waldemar Förter gedreht haben. Sie interviewen darin alte Dorfbewohner zu ihren Lebensläufen und zur Ortsgeschichte. Das Interesse bei der Vorführung des ersten Films über die inzwischen verstorbene Else Faber war so groß, dass die Filmemacher gemeinsam mit den Landfrauen einen zweiten Termin im Bürgerhof Ostheim anboten, um den Film zu zeigen.

„Das Interview mit Frau Faber hatten wir damals nur mit einer Kamera aufgezeichnet, so dass der Film mit der Zeit etwas langweilig anzuschauen ist“, räumt Brodt ein. Inzwischen hat er in Waldemar Förter einen versierten Techniker gefunden, der die Gespräche nicht nur mit drei Kameras aufzeichnet, sondern den Film auch am Computer im heimischen „Studio“ schneidet und nachbearbeitet. Dabei sollen die Filme nicht nur der Unterhaltung, sondern auch der Lokalforschung dienen. Sowohl der Heimat- und Geschichtsverein als auch das Stadtarchiv erhalten jeweils Exemplare.

Gearbeitet wird nur mit hoher Präzision

Förter, der als Mediengestalter in der Werbebranche gearbeitet hat, stellt an sich selbst hohe Ansprüche. „Wir sind präzisions-versaut“, sagt der 70-Jährige. „Wir werden den ganzen Tag lang von Hochglanzwerbung in Zeitschriften oder Werbespots im Fernsehen beeinflusst, so dass unsere Sehgewohnheiten an das Makellose gewöhnt sind.“

„Ich sage immer, er hört die Flöhe husten“, kommentiert Brodt lachend die Akribie seines Video-Partners. Möglicherweise spiele bei der Wahrnehmung auch der Altersunterschied eine Rolle. „Wir feilschen beispielsweise immer darum, wie lange wir die Fotos in den Filmen zeigen sollen, damit die überwiegend älteren Zuschauer auch Zeit genug haben, die Personen oder Gebäude zu erfassen“, erläutert der 80-jährige Brodt. „Meistens treffen wir uns dann in der Mitte bei sieben, acht Sekunden.“

Tipps und Tricks für gute Videos

Stunde um Stunde verbringen die beiden Filmemacher auf diese Weise vor den beiden Bildschirmen in Förters Büro. Hier kann er die drei Bildspuren mit der Tonspur der Hauptkamera verknüpfen und von einer Einstellung auf die andere schneiden. „Dabei hilft mir die Film-Klappe, die ich am Anfang der Aufnahmen schlage“, erklärt Förter. „Damit setze ich eine optische und auch akustische Markierung, damit ich später am Computer die Ton- und Bildspuren an dieser Stelle synchronisieren kann. Sonst passt der Ton nicht zu den Mundbewegungen.“

Zwischendurch werden Fotos eingespielt, die die beiden Video-Filmer nachträglich besorgen, je nachdem, was im Interview angesprochen wurde. Wenn es sich anbietet, werden die Fotos mit Effekten animiert beziehungsweise mit Musik oder Geräuschen unterlegt. So etwa bei Abbildungen des zerbombten Hanaus, wo im Hintergrund eine Sirene ertönt.

Mit passendem Taktgefühl

„Da werden bei den älteren Zuschauern natürlich Erinnerungen wach“, sagt Brodt, der die letzten Kriegsjahre selbst noch als Kind erlebt hat. Deshalb kann er sich mit einem besonderen Taktgefühl auf die Biografien der Interviewpartner einstellen und seine Fragen vorbereiten. Dabei achtet er darauf, dass das Gespräch nicht länger als eine knappe Stunde dauert. „Sonst lässt die Aufmerksamkeit nach.“

Doch bei aller Vorbereitung lernen Brodt und Förter jedesmal dazu. „Ein Interview mussten wir noch mal von vorn anfangen, weil plötzlich die Sonne durchbrach und durch das Fenster Schatten auf die beiden Protagonisten warf“, erklärt Förter. „Seitdem filmen wir nur noch mit Kunstlicht bei geschlossenen Rollläden. „Wer nachher den Film sieht, macht sich keine Vorstellung davon, wie viel Arbeit das ist.“

Besondere Erfahrungen

Georg Brodt, der in jüngeren Jahren über eine Medienagentur bei TV-Produktionen mitgewirkt hat, kann auf ganz eigene Erfahrungen zurückblicken: „Bei einem Werbespot für Haftcreme musste ich mir die Zähne bleichen lassen und dann 20-mal in einen Hähnchenschenkel beißen“, erinnert er sich lachend. „Es brauchte fast den ganzen Vormittag bis der Spot im Kasten war.“

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