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Ortsführung: Vor 50 Jahren wurde Erbstadt ein Stadtteil von Nidderau

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Vor der Friedenseiche aus dem Jahr 1871 an der Kirche machte Geschichtsvereinsvorsitzender Helmut Gockert (Zweiter von links) Station.
Vor der Friedenseiche aus dem Jahr 1871 an der Kirche machte Geschichtsvereinsvorsitzender Helmut Gockert (Zweiter von links) Station. © Jürgen W. Niehoff

Von der dörflichen Gemeinde über den Stadtteil hin zur „Schlafstadt“ – das ist kurzgefasst die Entwicklung des kleinsten Nidderauer Stadtteils Erbstadt in den vergangenen 50 Jahren. Zum Jubiläum der Eingemeindung fand nun ein historischer Dorfspaziergang statt.

Nidderau – Bei Temperaturen um die 30 Grad Celsius waren anlässlich des Jubiläums der Eingemeindung im Jahr 1972 gut zwei Dutzend Bürger der Einladung zu einem Spaziergang durch das „alte Erbstadt“ gefolgt. Unter Führung des seit 45 Jahren in Erbstadt lebenden Helmut Gockert, Vorsitzender des Vereins Heimatgeschichte Erbstadt, erfuhren die Teilnehmer, wie der kleinste Ortsteil früher ausgesehen haben soll. Wichtige Stationen waren dabei der Pfaffenhof, die alte Schmiede und die evangelische Kirche.

Ausgangspunkt war der Pfaffenhof, ein Gebäudekomplex, der im frühen 18. Jahrhundert als Wirtschaftshof des Kloster Ilbenstadt errichtet wurde. 1921 hat die Gemeinde Erbstadt übernommen, 2015 erfolgte die Weiterveräußerung der Remise und der Scheune an Privatpersonen. Der Ort diente als Verwaltungssitz der Gemeinde Erbstadt und als Wohnstätte, unter anderem für Vertriebene nach dem Zweiten Weltkrieg oder Flüchtlinge. Auch das Feuerwehrgerätehaus ist auf dem Areal ansässig.

Initiative für den Pfaffenhof

Als vor etwa 18 Jahren auch das Haupthaus an einen privaten Investor verkauft werden sollte, verhinderte dies der erhebliche Protest der Erbstädter. Daraufhin wurde das Haupthaus bis 2012 mit viel Engagement saniert und sollte den Vereinen fortan als Treffpunkt dienen. Allerdings mit mäßigen Erfolg, denn inzwischen wurde wieder eine Arbeitsgemeinschaft gegründet, die in diesen Tagen zum ersten Mal zusammenkommt. Ihr Ziel ist, nach besseren Nutzungsmöglichkeiten und mehr Belebung für den Pfaffenhof zu suchen.

Gleich am Ausgang des Pfaffenhofs machte Gockert seinen ersten Zwischenstopp, denn von der Straßenkreuzung Hauptstraße/Pfaffenhofstraße aus gesehen „hat fast jedes Haus in der Vergangenheit irgendeinen Gewerbebetrieb wie Lebensmittelgeschäft, Edelsteinschleiferei, Elektrogeschäft, Schmiede oder Bankfilialen beherbergt, egal, in welche Richtung sie auch gucken“. Die Tour führte vorbei an der alten Volksschule, die ab 1971 erst als Hort und danach als Verwaltungsstelle genutzt wurde, bis das Nidderauer Rathaus in Heldenbergen fertiggestellt war.

Kirche im Dreißigjährigen Krieg zerstört

Der zweite Halt erfolgte an der evangelischen Kirche. Die erste Kirche wurde 1635 im Dreißigjährigen Krieg weitgehend zerstört. Danach fanden Gottesdienste nur in Provisorien statt, bis 1744 die Kirche wiedererbaut wurde. Im Jahr 1998 wurde die Kirche renoviert und erhielt an der Südseite drei bunte Bleiglasfenster, die der evangelische Frauenkreis Erbstadt 1997 stiftete. Besonderheit heute: Die Kirche beherbergt Schleiereulen, mittlerweile eine Rarität in Hessen.

Vorbei an der Friedenseiche, die 1871 nach dem Sieg gegen Frankreich gepflanzt wurde, und der alten Schmiede in der Wetterauer Straße, ging es zu einem frisch sanierten Haus an der Kreuzung „In der Ecke“. „In diesem Haus befand sich früher die Gaststätte ‘Zum Adler’“, berichtete Gockert. Die Besonderheit an dieser Gaststätte war, dass sie einen größeren Saal für Vereinsfeste, Karnevalsveranstaltungen und Sportereignisse hatte. Geschätztes Fassungsvermögen: vier Tischtennisplatten oder 100 Personen.

Niddatal oder Nidderau?

„In diesem Saal ist 1971 nach heftiger Diskussion die Entscheidung darüber gefallen, dass Erbstadt sich nicht Niddatal, sondern Nidderau anschloss“, erinnerte Gockert. Sechs Gemeinderatsmitglieder, alle von der SPD, hätten für Nidderau gestimmt, einer dagegen, ebenfalls von der SPD, und zwei hätten sich enthalten. Sie gehörten der FWG an.

Nach dem historischen Spaziergang schauten sich die Teilnehmer die dazugehörige
Nach dem historischen Spaziergang schauten sich die Teilnehmer die dazugehörige Fotoausstellung im Gemeindehaus an. © Jürgen W. Niehoff

Zudem berichtete Gockert über die Schließung des Bahnhofs Kaichen/Erbstadt an der Bahnstrecke Friedberg – Hanau im Jahr 1995. In den politischen Gremien Nidderaus wurde zuletzt eine Wiedereröffnung des Haltepunkts diskutiert, was allerdings im Ermessen der Deutschen Bahn liegt. Auch von den Bemühungen, Erbstadt über Busverbindungen besser an die Stadtmitte anzuschließen, berichtete Gockert, ebenso wie von der Schließung des letzten Einzelhandelsgeschäfts namens „Christas Lädchen“.

Heute nur noch „Schlafstadt“

„Heute gibt es in ganz Erbstadt nur noch einen Lebensmittelautomaten und einen Hofladen. Ansonsten sind alle Geschäfte zu“, zog Gockert am Ende des Rundgangs ein Resümee. Danach hatten die Spaziergänger im Gemeindehaus bei Kaffee und Kuchen, organisiert vom evangelischen Frauenkreis, und einer Fotoausstellung des Heimatvereins Gelegenheit, sich über das Gesehene und Gehörte zu unterhalten. (Von Jürgen W. Niehoff)

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