Terrasse statt Tagesordnung: Nach 20 Jahren Kommunalpolitik zieht sich Gunther Reibert (SPD) aus der ersten Reihe der Stadtpolitik zurück.
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Terrasse statt Tagesordnung: Nach 20 Jahren Kommunalpolitik zieht sich Gunther Reibert (SPD) aus der ersten Reihe der Stadtpolitik zurück.

Nach 20 Jahren Kommunalpolitik

Nidderaus Stadtverordnetenvorsteher Gunther Reibert zieht sich aus dem Parlament zurück

Nach 20 Jahren Kommunalpolitik zieht sich Nidderaus „erster Bürger“ Gunter Reibert (SPD) aus der ersten Reihe der Stadtpolitik zurück. Für die neue Sitzungsperiode nach der Kommunalwahl hat der bisherige Stadtverordnetenvorsteher kein politisches Mandat mehr angestrebt.

Nidderau – „Es war eine schöne Zeit, aber auch mit den dazugehörigen Höhen und Tiefen“, räumt der 58-Jährige ein. 1998 in die SPD eingetreten, 2001 bereits in das Stadtparlament gewählt, ab 2003 Vorsitzender des Haupt- und Finanzausschusses und ab 2010 Stadtverordnetenvorsteher.

Zur Kommunalpolitik kam Reibert durch seinen damaligen Freundeskreis. Dass es dann die SPD war, in die er 1998 eintrat, daran sei die Freundin seiner Frau schuld gewesen. Der SPD näher gekommen war Reibert allerdings schon früher, und zwar bei einem Auftritt des damaligen saarländischen Ministerpräsidenten und späteren SPD-Bundesvorsitzenden Oskar Lafontaine in der Schlossberg-Halle, der heutigen Willi-Salzmann-Halle, Mitte der 80er Jahre.

Ausgleichend bei parteipolitischen Scharmützeln

Dabei kommt Reibert aus einem durch und durch konservativen Elternhaus. Und das spiegelte sich auch in der Art und Weise wieder, wie er ein Jahrzehnt lang die Sitzungen des Stadtparlaments leitete: meist ruhig und zurückhaltend, und deshalb auch eher ausgleichend bei den parteipolitischen Scharmützeln, die immer wieder aufflammten.

Eine Ausnahme gab es im letzten Jahr, das räumt Reibert unumwunden ein. „Da hat die Opposition die Dinge wirklich auf die Spitze getrieben und hat danach sogar meinen Rücktritt gefordert“, erinnert er sich an einen Vorfall im Herbst vergangenen Jahres, als – Corona-bedingt – das Stadtparlament auf seinen Wunsch nur in verringerter Besetzung tagen sollte und die Opposition im letzten Augenblick dies verhindern wollte. „Damals ging es ausschließlich um Taktik und parteipolitische Spielchen und um kein Sachthema. Das hat mich unheimlich geärgert“, erinnert sich Reibert. Er habe sich danach zwar entschuldigt, „doch in der Sitzung selber hätte ich anders reagieren müssen“.

Abschied zweier Weggefährten: In der Sitzung am 18. Februar wurde Stadtverordnetenvorsteher Gunther Reibert (rechts) von Bürgermeister Gerhard Schultheiß (SPD) mit Blumen bedacht.

Als er 2001 in das Stadtparlament gewählt wurde, hatte Reibert keine Ambitionen auf ein bestimmtes Amt. Das sei erst später gekommen, wobei er sich auch dann nicht beworben habe.

Als er dann 2010 zum Stadtverordnetenvorsteher gewählt wurde, nahm er sich vor, das Kirchturmdenken in der Bevölkerung überwinden zu wollen. „Wir sind Nidderauer und nicht erst Anwohner eines Ortsteils und dann viel später auch Einwohner von Nidderau“, so die Auffassung des zertifizierten Immobiliengutachters. Doch er habe sein Ziel nicht erreicht, und das sei eine wirkliche Enttäuschung für ihn.

In jeder mittleren und größeren Stadt sei es normal, dass man zu einer städtischen Einrichtung, einem bestimmten Geschäft oder zum Bahnhof eine gewisse Strecke zurücklegen müsse. „Nur hier in Nidderau will fast jeder alle Dienstleistungen fußläufig in seinem Ortsteil erreichen. Das geht nicht.“ Enttäuscht sei er auch, dass sich inzwischen wieder Gräben in der Bevölkerung aufgetan hätten, die er in seiner Amtszeit als Stadtverordnetenvorsteher eigentlich zuschütten wollte.

Ein lang überlegter Schritt

Trotzdem ist Reibert nicht verbittert. Der Schritt, aus der Politik auszuscheiden, sei lang überlegt. Er habe in all den Jahren viel Zeit und Herzblut in seine Arbeit als Kommunalpolitiker gesteckt, habe auch Erfolge mitfeiern können, wie beispielsweise die Eröffnung der neuen Stadtmitte, die Fertigstellung der Umgehungsstraße oder die Bewältigung der Flüchtlingssituation in der Stadt. Doch nun wolle er sich seinem Privatleben, seiner Familie und seinen Hobbys zuwenden.

„Dadurch, dass meine Frau sich auch in der Kommunalpolitik engagiert, ist es nicht so ins Gewicht gefallen, dass ich viele Abende und Wochenenden der Politik geopfert habe. Aber damit ist nun Schluss“, so Reibert. Er will auch innerhalb der SPD zurücktreten und auf keinen Fall die Jüngeren belehren, „wie es besser geht“.

Deshalb hat er sich am 18. Februar bei der letzten Sitzung des Stadtparlaments vor der Kommunalwahl mit den Worten verabschiedet, dass „die neue Stadtverordnetenversammlung die anstehenden Aufgaben gemeinsam, mit gegenseitigem Respekt und mit zielführenden Debatten zum Wohle Nidderaus angehen möge“.

(Jürgen W. Niehoff)

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