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Nidderau: Wie sich die Syrerin Souad al Rashid im Main-Kinzig-Kreis ein neues Leben aufbaut

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Ist in Deutschland angekommen und arbeitet mittlerweile wieder als Apothekerin: Souad al Rashid.
Ist in Deutschland angekommen und arbeitet mittlerweile wieder als Apothekerin: Souad al Rashid. © Georgia Lori

Sie hat ihren Kulturkreis unfreiwillig verlassen, um sich in Deutschland ein neues Leben aufzubauen. In Syrien gehörte Souad Al Rashid der gehobenen Gesellschaftsschicht an. Die heute 60-Jährige arbeitete dort als selbstständige Apothekerin. Sie und ihre Familie besaßen ein Wohnhaus und ein Ferienhaus auf dem Land. Bis der Krieg in ihrer Heimat sie zu Flüchtlingen machte.

Nidderau/Gelnhausen – Mit Beginn des Bürgerkrieges im März 2011 ändert sich das Leben der Familie dramatisch. Nach der Zerstörung des Wohnhauses 2012 durch Bomben, siedelt Al Rashid mit ihrer Familie zunächst in das 40 Kilometer von Damaskus entfernte Ferienhaus um. Doch nur zwei Jahre später wird auch dieses von Bomben zerstört. Vor den Schrecken des Krieges flieht sie mit ihren beiden Söhnen über die Türkei und Bulgarien nach Deutschland.

In der Türkei ist sie gezwungen, auf dem Bau zu arbeiten. Ihr fünfjähriges Universitätsstudium nützt ihr in diesem Moment nichts. Ihr Mann, der aus beruflichen Gründen zu diesem Zeitpunkt Syrien nicht verlassen kann, kommt mit dem Rest der Familie zwei Monate später nach. Nach vielen Strapazen und langen Fußmärschen erreicht Souad im Juli 2015 die hessische Erstaufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge in Gießen. Über Schlüchtern wird sie zunächst in Nidderau hei-misch. Beengt lebt sie in einem Nebengebäude einer Hofreite in Eichen. Die deutsche „Gastfamilie“ im Hauptgebäude leistet Unterstützung bei Behördengängen oder Einkäufen. Es sind kleine Dinge, die Souad in dieser Zeit Zuversicht geben. So lernt sie mit ihren Söhnen Fahrradfahren, „verbunden mit vielen blauen Flecken“, wie sie sich erinnert.

Weinblätter im Hof in Eichen wecken Heimweh

Im Herbst stellt sie mit Freude fest, dass es im Hof einen Rebstock gibt, an dem Weintrauben reifen. Doch diese interessieren sie weniger als die Blätter. „Ich koche sehr gerne, und die Blätter kann ich mit Reis füllen“, sagt sie. Das Ergebnis sind kleine Bündel von gewürztem Reis, umhüllt von warmen Traubenblättern, die sie mit der Hand gerollt hat. In Syrien hat sie dieses Rezept oft als Hauptspeise zubereitet. Ein Stück Heimat.

In Eichen richtet sie sich ein, bekommt von Nachbarn gelegentlich Haushaltsgegenstände und Kleider gespendet. „In meiner Heimat habe ich selbst den Armen Kleidung und Essen gespendet. Nun musste ich Kleidung annehmen“, sagt sie und senkt ihren Blick.

Geboren wurde Souad al Rashid im Juni 1961 in Aleppo, der „grauen Stadt“. Sie wächst mit drei Schwestern und drei Brüdern auf, die alle über einen Studienabschluss verfügen. Souad interessiert sich schon früh für Pflanzen und Arzneimittel. In Aleppo und an der Universität in Damaskus studiert sie Pharmazie. In Damaskus und im Jemen arbeitet die Syrerin als Apothekerin für das Gesundheitsministerium. 1986, zwei Jahre nachdem sie ihren Bachelor erworben hat, findet sie auch privat ihr Glück. Sie heiratet den Computerfachmann Ayman Archid. Aus der Ehe gehen zwei Söhne und zwei Töchter hervor.

Ein altes Handyfoto zeigt Souad al Rashid mit einem ihrer Söhne in ihrer eigenen Apotheke in Syrien.
Ein altes Handyfoto zeigt Souad al Rashid mit einem ihrer Söhne in ihrer eigenen Apotheke in Syrien. © Privat

In Deutschland kann Souad zunächst nicht in ihrem Beruf arbeiten. Die Anrechnung ihrer syrischen Studienleistungen wird zuerst geprüft. Ihre Zeugnisse liegen über Monate beim Hessischen Landesprüfungs- und Untersuchungsamt in Frankfurt. Zudem muss sie ein Praktikum in einer Apotheke und ein Aufbaustudium absolvieren. „Wenn es nicht anders gegangen wäre, wäre ich auch in eine Großstadt umgezogen, um meinen Beruf als Apothekerin ausüben zu können“, sagt sie.

Nicht nur die monatelange Wartezeit macht sie oft traurig, sondern auch die Tatsache, dass es keinen Weg zurück in die Heimat gibt. Sie behält ihre Erinnerungen an Syrien im Herzen und im Kopf. Sie gewöhnt sich an einen strukturierten Alltag in Deutschland. Doch Syrien lässt sie nicht los.

Für ein Wiedersehen mit dem Vater ist es zu spät

Auch zwei Jahre nach ihrer Flucht träumt sie noch in Arabisch. Um die deutsche Sprache besser zu lernen, macht sie eine Ausbildung als Integrationslotsin. Einfacher gestaltet sich ihr Leben zudem, als sie die Führerscheinprüfung besteht. Jahre nach ihrer Ankunft hat sie so ein Stück Unabhängigkeit zurückgewonnen. Mit Erlangung ihrer Aufenthaltserlaubnis sind schließlich auch Auslandsreisen zu ihren Eltern in die Türkei oder zu den Geschwistern nach Frankreich, Schweden und Österreich möglich.

Doch als sie im Jahr 2021, sechs Jahre nach ihrer Flucht, erneut türkischen Boden betritt, ist es für ein Wiedersehen mit ihrem Vater zu spät. Er ist zwischenzeitlich an Corona verstorben. Wieder bleibt ihr nur die Erinnerung. Sie kann ihm nicht mehr erzählen, dass der ältere Sohn Nawras geheiratet hat, und dass sein Enkel Eyas in Bruchköbel sein Abitur absolviert hat und nun an der Goethe-Universität Frankfurt Ingenieurwesen und Informatik studiert.

Im März 2021 zieht Souad mit der Familie von Nidderau nach Gelnhausen. Denn seit Juni 2020 ist sie dort wieder als approbierte Apothekerin angestellt. „Es ist viel zu tun, aber ich liebe meine Arbeit“, sagt die Frau, die sich immer neue Ziele setzt. (Von Georgia Lori)

Souad al Rashid ist eine von 13 Millionen

Am 15. März 2011 wurden Proteste in Syrien gewaltsam beendet. Über die Hälfte der damals 21 Millionen Einwohner musste nach Angaben der UNO-Flüchtlingshilfe Deutschland ihr Zuhause seit Beginn der Krise in ihrem Land verlassen. Immer noch sind elf Millionen der Menschen in Syrien auf humanitäre Hilfe angewiesen. Weltweit gibt es über sechs Millionen Flüchtlinge und Asylsuchende aus Syrien. Hauptaufnahmeländer sind die Türkei, der Libanon, Jordanien, Irak und Ägypten. Die Türkei hat die höchste Zahl syrischer Flüchtlinge weltweit aufgenommen (69 Prozent), während Libanon (16 Prozent) und Jordanien (13 Prozent) zu den Ländern mit der höchsten Flüchtlingszahl pro Einwohner gehören. „Ein Großteil der Flüchtlinge hofft, eines Tages wieder zurück nach Syrien gehen zu können“, schreibt die UNO-Flüchtlingshilfe Deutschland. „Jedoch sehen sie eine Rückkehr in naher Zukunft als unwahrscheinlich an.“ Zudem sind ungefähr 6,7 Millionen Menschen innerhalb ihres Landes auf der Flucht. „Viele Menschen wurden bereits mehrmals zur Flucht gezwungen, weil die Sicherheitslage kritisch war.“ (gia)

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