Das Kindergrabmal auf dem Hanauer Hauptfriedhof erinnert an „früh verstorbene Kinder“. Ein Tor mit Sonne, Mond und Sternen in der Mitte des Grabfeldes steht symbolisch für den Übergang in eine andere Welt. Sterne im Rasen kennzeichnen die Bestattungsorte. Foto: Jan-Otto Weber

Nidderau

In Nidderau soll ein Erinnerungsort für Sternenkinder entstehen

Nidderau. Sternenkind. Es ist ein heimeliger und trostvoller Begriff. Doch dahinter verbergen sich tragische und teils traumatische Schicksale. „Wenn man sich erstmal traut, darüber zu sprechen, dann merkt man, wie viele Frauen und Familien betroffen sind“, sagen Heike F. und Sandra O. aus Nidderau (Namen geändert).

Von Jan-Otto Weber

Die Frauen sind der Meinung, dass es Zeit wird, dass etwas getan wird. Und es soll sich etwas tun: Zurzeit befassen sich die politischen Gremien in Nidderau auf Antrag der CDU-Fraktion mit der Errichtung einer Gedenkstätte und der Möglichkeit zur Beisetzung von Sternenkindern. Ein geeigneter Platz ist auf dem Friedhof Heldenbergen. In Gelnhausen und Hanau gibt es solche Orte bereits seit langem.

Für Heike F. kam die Eröffnung des Kindergrabmals auf dem Hanauer Hauptfriedhof um die Jahrtausendwende zu spät. Noch heute steigen F. die Tränen in die Augen, wenn sie an jenen Frauenarztbesuch vor gut 20 Jahren zurückdenkt. „Wir waren glücklich über die Schwangerschaft. Ich war im sechsten Monat. Doch schon zwei Tage vor der Untersuchung hatte ich gespürt, dass etwas nicht stimmt.“

F. und ihr Mann fühlten sich machtlos

Der Verdacht bestätigt sich. Die Ultraschalluntersuchung ergibt ein diffuses Bild auf dem Monitor. Es sind keine Herztöne zu hören oder zu sehen. Das Fruchtwasser ist eingetrübt. Schwangerschaftsvergiftung. Wie sich später herausstellte, hatte das Kind einen offenen Rücken.

F. und ihr Mann werden von einer betäubenden Ohnmacht ergriffen. „Wir warteten darauf, dass die Ärzte etwas tun, aber es ging nichts. Stattdessen musste ich drei Tage hintereinander zur Untersuchung bis sicher war, dass das Kind tot ist.“

„Ich kam mir als Frau nicht funktional vor“

Die Ausschabung erlebt F. wie in einem Tunnel. Sie ist kaum ansprechbar, selbst ihr Mann kommt nicht an sie heran. Sie will es nur noch hinter sich bringen. Der Eingriff wird ambulant vorgenommen. „Ich sehe noch den Metalleimer neben dem Behandlungsstuhl“, erinnert sich F. „Da ist das Kind dann einfach hineingekommen.“

Zur seelischen Belastung kommen starke Nachblutungen. F. ist auf Wochen körperlich und psychisch am Boden zerstört. Zwei Freundinnen unterstützen sie und holen sie langsam aus ihrem Loch. Doch das Trauma hält an. „Ich kam mir als Frau nicht funktional vor und hatte das Gefühl, komisch angeschaut zu werden“, beschreibt F. „Es hätte geholfen, einen Ort zum Trauern zu haben. Mit der Möglichkeit, das Kind beisetzen zu lassen, hätte ich einen Abschluss gehabt. So endete meine Schwangerschaft in einem OP-Raum.“

In der 16. Woche schwanger

Auch bei Sandra O. sitzt der Schmerz tief. Es ist erst wenige Monate her, dass sie ihr Kind verloren hat. Doch obwohl die Trauer groß ist, erfahren O. und ihre Familie auch großen Trost.

„Ich war in der 16. Woche schwanger. Am Abend vor der Routineuntersuchung hatte ich noch ein leichtes Kribbeln gespürt. Wir dachten, es könnte schon eine erste Bewegung sein. Unsere Hebamme meinte später so süß, dass das Baby vielleicht nochmal Tschüs gesagt hat.“ Nicht nur die Windecker Hebamme Conny Meister, auch die Frauenärztin geht einfühlsam auf die Familie ein.

Kinderbücher als Hilfe für die Kleinen

„Sie hat uns ausführlich die weiteren Schritte erklärt und dann erstmal nach Hause geschickt.“ Die folgenden Tage erlebt die Familie wie unter einer Glasglocke. Morgens, wenn ihr fünfjähriger Sohn und die dreijährige Tochter in Betreuung sind, haben O. und ihr Mann Zeit, um als Paar mit ihren Gefühlen umzugehen und von dem toten Kind im Bauch Abschied zu nehmen. Verwandte und Freunde werden informiert, denn die Schwangerschaft ist im Familienumfeld bekannt.

Auch die Geschwister werden aufgeklärt. Hebamme Conny Meister empfiehlt Kinderbücher, die dabei helfen, den Kleinen die traurige Nachricht zu vermitteln. „Unser Großer hat für das Baby eine Kerze gebastelt und ihm einen Namen gegeben“, erzählt O.

Hebamme stand zur Seite

Die Entbindung findet in Gelnhausen statt, allerdings nicht im Kreißsaal, sondern auf der Gynäkologie-Station. Conny Meister, die in der Klinik arbeitet, ist zur Unterstützung des Paares dabei. „Wir waren zusammen wie bei einer normalen Geburt. Wir haben auch eine Kerze angemacht, um die Stimmung so angenehm wie möglich zu gestalten.“

Nach der Geburt ist die Hebamme ebenfalls an der Seite der Familie. Diese Unterstützung ist besonders wertvoll. Der Mutter ist es wichtig, das Kind zu sehen. Conny Meister hatte sie auf den Anblick vorbereitet. „Er war schon weit entwickelt, aber ganz zart“, beschreibt O. „Wie er da so lag, dachte ich, ich müsste ihn nur anstupsen, damit er sich bewegt. Es hat mir sehr gut getan, dass ich ihn nochmal sehen konnte.“ Mutter und Kind verbringen sogar noch die Nacht zusammen auf einem Stationszimmer.

„Es ist gut zu wissen, wo unser Sohn ist“

Die Bestattung findet im August statt. Mehrere Familien sind an diesem Tag auf den Friedhof nach Gelnhausen gekommen, um gemeinschaftlich von ihren Kindern Abschied zu nehmen. Zwei Seelsorger, eine Frau und ein Mann, halten die Ansprache.

In diesen Novembertagen kreisen die Gedanken von Sandra O. besonders um die Ereignisse des zurückliegenden Sommers. Ende des Monats wäre der Geburtstermin gewesen. „Es ist gut zu wissen, wo unser Sohn ist und wo wir hinfahren können“, sagt die Nidderauerin. „Selbst wenn sich Familien dazu entscheiden, erst Jahre später hinzugehen, weil sie zunächst keine Kraft finden, haben sie einen festen Platz.“

Ort soll Bewusstsein schaffen

Für Heike F., die heute drei gesunde Kinder hat, ist ein Erinnerungsort für Sternenkinder auch ein Schritt, um das gesellschaftliche Tabuthema sichtbar zu machen. „Ein solcher Ort auf dem Friedhof schafft in der Bevölkerung ein Bewusstsein dafür, dass es solche Schicksale gibt, und zeigt den Betroffenen eine Möglichkeit zur Trauer auf.“

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema