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Nidderau: Selbst aus dem Fußball kommt Kritik an dezentralen Kunstrasenplätzen

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Von: Jan-Otto Weber

Im Juni beschlossen die Stadtverordneten, das Sportgelände des SV Victoria Heldenbergen für mehrere Vereine auszubauen.
Im Juni beschlossen die Stadtverordneten, das Sportgelände des SV Victoria Heldenbergen für mehrere Vereine auszubauen. Inzwischen wurde der Beschluss wieder zurückgenommen. Stattdessen will die Politik Kunstrasenplätze in vier Stadtteilen errichten. In Windecken ist zusätzlich eine Leichtathletikanlage vorgesehen. Im Haushaltsentwurf sind bereits Mittel eingestellt. © Patrick Scheiber

„Und wieder einmal dominieren die Fußballer die gesamte Sportszene!“ So schrieb Roland Beck, bis letztes Jahr Mitglied im geschäftsführenden Vorstand des TV Windecken, kürzlich in einem Leserbrief. „Die Nidderauer Fußballvereine werden mit jeweils eigenen Kunstrasenplätzen dafür belohnt, dass sie sich geweigert haben, eine – wie auch immer geartete – Spiel- und Trainingsgemeinschaft einzugehen.

Nidderau –Diese Verweigerungshaltung hat letztlich dazu geführt, dass eine gemeinsam genutzte Zentrale Sportanlage in einer vernünftigen Dimension nicht zustande kommen kann.“ Der Leserbrief sorgte für Aufsehen und veranlasste auch andere Kritiker der aktuellen politischen Entwicklung dazu, sich zu melden. Beispielsweise Georg Brodt aus Ostheim. Er und seine damalige Laufgruppe beim FC Sportfreunde Ostheim hätten die „Dominanz“ der Fußballer im eigenen Verein zu spüren bekommen, als erst vor zehn Jahren der Tennenplatz in Ostheim zum Rasenplatz umgewandelt wurde. Der bis dahin von den etwa 25 aktiven Walkern genutzte „Laufstreifen“ rund um das Spielfeld fiel dabei weg – trotz der umfassenden Bemühungen der Gruppe, eine Lösung mit der Stadtverwaltung und der Vereinsführung zu finden, wie Brodt bei einem Treffen mit Roland Beck berichtet. „Die haben damals unsere Gruppe zerstört“, sagt Brodt.

Die beiden eint die Kritik: Roland Beck, Ex-Vorstandsmitglied beim TV Windecken, und Georg Brodt.
Die beiden eint die Kritik: Roland Beck, Ex-Vorstandsmitglied beim TV Windecken, und Georg Brodt. © Jan-Otto Weber

Ähnlich sei es wohl auch dem TV Windecken bereits in den 70er und 80er Jahren ergangen, wie in der Festschrift des Vereins von 2013 zumindest angedeutet wird, berichtet Roland Beck. Dort ist zu lesen, dass die Kinder- und Jugendlichen der Leichtathletikabteilung damals beim Training den Rasen nicht betreten durften. „Wir waren eben nur Gäste auf dem Platz!“ Später durften die Leichtathleten unter strengen Zugangskontrollen auf dem Gelände der Bundeswehr in Kilianstädten trainieren, das es seit 2005 bekanntlich nicht mehr gibt.

„Als die Gespräche über eine Zentrale Sportanlage mit Leichtathletikanlage für alle Nidderauer Fußballvereine und den TV Windecken begannen, geschah dies auf der klar kommunizierten Grundlage, dass die Stadt nicht jedem Fußballverein einen eigenen Kunstrasenplatz bezahlen kann“, betont Beck und verweist auf den Sportentwicklungsplan aus dem Jahr 2013, an dem viele Sportvereine mitgewirkt hätten. Dort seien die Möglichkeiten der Verbesserung der Sportmöglichkeiten in Nidderau aufgezeigt worden. „In diesem Plan wird die Optimierung der Nutzungszeiten in den Bürgerhäusern und Sporthallen ebenso angemahnt wie die Notwendigkeit der Zusammenarbeit der betroffenen Vereine.“

Forderung nach Vergleich der Aufwendungen für Fußball gegenüber anderen Sportarten

Doch obwohl auch die am Sportentwicklungsplan beteiligten Fußballvereine vor zehn Jahren zu diesem Schluss kamen, ist eine solche Kooperation zwischen den Fußballvereinen aus Windecken und Heldenbergen vor einigen Wochen gescheitert, woraufhin auch der erst im Juni beschlossene Ausbau der Sportanlage Heldenbergen zur vereinsübergreifenden Nutzung ad acta gelegt wurde. „Das Lavieren von Vereinsvorständen kann doch nicht verlässliche Grundlage dafür sein, eine langfristige Entscheidung für eine städtische Sportstätte zu treffen“, kritisiert Roland Beck und fügt hinzu: „Eine Aufstellung über die finanziellen Aufwendungen der Stadt für den Fußball gegenüber allen anderen Sportarten und Sportstätten in Nidderau wäre mal interessant.“

Doch aller Kritik zum Trotz, plädieren inzwischen sämtliche Fraktionen im Stadtparlament dafür, in allen Stadtteilen bis auf Erbstadt, Kunstrasenplätze zu errichten. In Windecken soll zusätzlich eine Anlage für Leichtathletik entstehen.

Dezentrale Kunstrasenplätze „nicht abgestimmt“

Überraschenderweise kommt nun aber auch aus den Reihen des Nidderauer Fußballs Kritik an diesen Plänen. So hatte Andreas Koffler, der scheidende Vorsitzende des SV Victoria Heldenbergen, zur Jahreshauptversammlung Ende Oktober gesagt, die aktuell politisch kommunizierte Absicht, dezentral vier Kunstrasenplätze zu realisieren, sei „nicht mit den Vereinen abgestimmt und trage der demografischen und sportlichen Entwicklung im Fußball nicht Rechnung“.

Auf Nachfrage unserer Zeitung bekräftigt Koffler seine Kritik. „Für mich sind diese Pläne populistisch. Als Steuerzahler mache ich mir Sorgen. Trotz einer Jugendspielgemeinschaft in Nidderau haben wir es dieses Jahr wieder nicht geschafft, eine A-Jugend aufzustellen. Ich weiß nicht, ob diese Kunstrasenplätze, die jetzt für viele Millionen gebaut werden sollen, in zehn bis 20 Jahren noch genutzt werden.“

Auch sanierungsbedürftige Vereinsheime Thema

Zudem zeigt sich Koffler verwundert, dass nun das Sportfeld in Windecken ausgebaut werden soll, obwohl in der Vergangenheit die Anzahl der Parkplätze und die Lage im Wohngebiet als Problem gesehen wurden. Auch die Flächenbevorratung für eine Erweiterung der Kläranlage steht im Raum.

Koffler gibt darüber hinaus zu bedenken, dass es mit Kunstrasenflächen allein nicht getan sei. Auch die Außenanlagen mit Wegen und Barrieren müssten dann erneuert werden, ganz zu schweigen von den sanierungsbedürftigen Vereinsheimen. Und auch für die Pflege der Anlagen sei es immer schwerer, ehrenamtliches Personal zu finden.

„All diese Dinge gehören für mich diskutiert, bevor man nun Haushaltsmittel beschließt“, betont Koffler. „Wenn am Ende Windecken ausgebaut wird, dann ist es auch in Ordnung. Wichtig ist nur, dass zusammen mit den Vereinen endlich eine nachhaltige Lösung gefunden wird und die Politik nicht einfach nur den Weg des geringsten Widerstands geht. Bei der Victoria gibt es weiter die Bereitschaft, miteinander zu reden. Welcher Verein gerade sportlich wie dasteht, ist dabei nur eine Momentaufnahme. Der Weg für die Fußballvereine führt mittel- oder langfristig zusammen.“

Von Jan-Otto Weber

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