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Nidderau: Pfarrer Lukas Ohly aus Ostheim hat sein 20. Buch veröffentlicht

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„Wozu braucht es noch eine Kirche, die es mit der Moral, ihrer eigentlichen Kernkompetenz, nicht mehr so genau nimmt?“ fragt Pfarrer Lukas Ohly kritisch.
„Wozu braucht es noch eine Kirche, die es mit der Moral, ihrer eigentlichen Kernkompetenz, nicht mehr so genau nimmt?“ fragt Pfarrer Lukas Ohly kritisch. © Christine Fauerbach

„Ethik in der Kirche“ ist der Titel des 20. Buches von Pfarrer Lukas Ohly aus Ostheim. In diesem beschäftigt sich der Gemeindepfarrer, der als Professor Systematische Theologie und Religionsphilosophie an der Frankfurter Goethe-Universität lehrt, mit der Rolle und dem Selbstverständnis der Kirche in unserer Gesellschaft.

Nidderau – Glauben ohne Gemeinschaft ist nicht möglich, so Ohlys Fazit. Aber: Den Kirchen laufen seit fünf Jahrzehnten die Mitglieder weg. Und dies nicht nur wegen der Missbrauchsskandale. Der Mitgliederschwund zieht sich durch alle Konfessionen. Das hat teils drastische Folgen, da sich die Gemeinden vor allem über Mitgliedsbeiträge finanzieren. Vor diesem Hintergrund zu sehen ist auch die Ankündigung der Stadtkirchengemeinde Hanau, die Kreuzkirche und das gesamte Areal an der Karl-Marx-Straße im Stadtteil Lamboy-Tümpelgarten zu verkaufen.

Seit Jahrzehnten fragen sich die Verantwortlichen, warum sich die Menschen von der Kirche abwenden und wie sie diese wieder an sich binden können. Für alle, die Interesse an diesen Themen und der Zukunft der Kirche haben, hat Pfarrer Lukas Ohly aus Ostheim in seinem neuen Buch kritische Fragen gestellt und Antworten gegeben.

Kritische Fragen zwischen Theologie und Kirchenpolitik

„Das Buch ist auf der Kante zwischen Wissenschaft und Kirchenpolitik geschrieben“, sagt der Theologe. In elf Kapiteln erörtert er Fragen wie „Wozu braucht es denn überhaupt noch eine Kirche, die es mit der Moral, ihrer eigentlichen Kernkompetenz, nicht mehr so genau nimmt?“ und „Warum ist es eigentlich schlimm für das Christentum, dass die Kirche Mitglieder verliert?“

Seiner Ansicht nach hat die Kirche bisher versäumt, die ethische Dimension der Kirchenmitgliedschaft zu verhandeln. „Bislang definiert sich Kirche über ihren evangeliumsgemäßen Auftrag und reduziert ihre Mitglieder darauf, das zu tun, was sie tut. Dabei wird übersehen, welches Verhältnis die Kirchenmitglieder zueinander haben. Doch genau darin steckt das ethische Potenzial der Kirche“, sagt Ohly. Glauben ohne Gemeinschaft könne es nicht geben. „Da wir nicht allein glauben, jeder für sich.“

Ohly: „Wir glauben nicht jeder für sich“

In der Kirche gebe es eine wechselseitige Anerkennung des Nächsten. „Die Evangelische Kirche ist eine Anerkennungsgemeinschaft, die keine Glaubensbeweise voneinander fordert. Es gibt in ihr kein Oben und Unten, alle sind in ihr gleichberechtigt. Deshalb braucht die Kirche ihre Mitglieder.“

Pfarrer Ohly betont, dass die Kirche nicht zu einem Freizeit-Anbieter mit attraktiven Produkten werden dürfe, und dass ihre Mitglieder keine Kunden sind. „Das wird dem Bild von Kirche als Anerkennungsgemeinschaft nicht gerecht. Transformation ist ein falscher Weg. Sie hat Kirchenaustritte nicht verhindert und gestoppt, sondern den Mitgliederschwund teils begünstigt. Kirche wird als Anbieter beliebig. Für mich ist Anerkennung mit Bindung verknüpft. Man muss die Haltung der Menschen, sich wechselseitig anzuerkennen, stärken.“

Kirchenmitglieder sind keine Kunden

Es sei die Aufgabe von allen Mitgliedern in der Kirche, mitzuarbeiten und sich zu engagieren. Dies werfe die Frage nach der Organisation auf. „Wie kann Kirche organisiert sein, damit alle Mitglieder wissen, dass sie mitverantwortlich sind?“, so Ohly. Wichtig sei es, dass „das Gefühl der wechselseitigen Anerkennung von unten kommt“.

In der Kirche sei latent die Gefahr vorhanden, dass Religionen entmündigen, einige wenige über viele Macht ausübten. „Es ist nicht die Aufgabe der Kirche, andere zu dominieren, auch nicht im Glauben. Kirche kann eine ethische Gemeinschaft sein, kann sie auch nicht sein.“ Dies zeigten die Beispiele sexueller Übergriffe, sexualisierter Gewalt, die auf Vertraulichkeit basierten.

Seelsorge ist anfällig für Machtmissbrauch

Vertraulichkeit sei in der Seelsorge wichtig, aber auch anfällig dafür, andere zu beherrschen. Sein Vorschlag, um diese Gefahr zu umgehen, sei die Internetseelsorge. „Ich habe mit ihr während Corona gute Erfahrungen gemacht. In diesen Gesprächen habe ich den Menschen die Möglichkeit gegeben, jederzeit aussteigen zu können.“ Wichtig seien offene Türen und die Kontrolle durch Kollegen. „Vor dem körperlichen Übergriff steht schon eine andere Herrschaftshaltung, die andere Kollegen in Beratungsgesprächen entdecken könnten.“

An den tugend- und rechtsethischen Haltungen entscheide sich viel. Professor Ohly zitiert in seinem Buch die philosophische Seite mit Axel Honneth, dessen Anerkennungstheorie er für die Kirche umsetzt, und die theologische mit Dietrich Bonhoeffer. Am Beispiel der drei Ebenen Recht, Liebe und Solidarität zeigt der Pfarrer der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck auf, dass es Situationen geben kann, in denen eine Anerkennungstheorie wichtiger als eine andere ist. Mit Dietrich Bonhoeffer argumentiert er, dass Kirche eine Rechtsgemeinschaft sein muss. „Sie ist eine Gemeinschaft, die durch die unmittelbare Beziehung der Mitglieder konstituiert wird. Sie ist kein Gut, sondern vermittelt Rechte und Pflichten. Ihr Wesen ist Anerkennung.“ (Von Christine Fauerbach)

Daten zum Buch

„Ethik der Kirche“, Lukas Ohly, 342 Seiten, 59,95 Euro, Peter Lang Verlag, Berlin, ISBN 978-3-631-86678-8

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