Eine Karte aus dem Hessischen Staatsarchiv Darmstadt zeigt das Dorf Heldenbergen (unten, damals Großherzogtum Hessen-Darmstadt) und die Stadt Windecken (Kurfürstentum Hessen-Kassel, ab 1866 zu Preußen gehörig). An der Konrad-Adenauer-Allee markiert heute ein Grenzstein die historische Landesgrenze. 
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Eine Karte aus dem Hessischen Staatsarchiv Darmstadt zeigt das Dorf Heldenbergen (unten, damals Großherzogtum Hessen-Darmstadt) und die Stadt Windecken (Kurfürstentum Hessen-Kassel, ab 1866 zu Preußen gehörig). An der Konrad-Adenauer-Allee markiert heute ein Grenzstein die historische Landesgrenze. ARCHIV

50 Jahre Nidderau

Mit „Knitteln“ gegen „Bismarckfreunde“ - Jubiläumsjahr ohne Glanz

  • Jan-Otto Weber
    vonJan-Otto Weber
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Das Jubiläumsjahr zum 50-jährigen Bestehen der Stadt Nidderau ist glanzlos zu Ende gegangen. Doch auch ohne Feierlichkeiten bewiesen die Nidderauer im Krisenjahr großen Zusammenhalt – durch zahlreiche Hilfs-Initiativen, um gemeinsam den Auswirkungen der Pandemie zu begegnen.

Nidderau - Ein Blick in die Vergangenheit zeigt, dass eine solche Solidarität nicht immer selbstverständlich war – schon gar nicht in früheren Jahrhunderten. Denn die südwetterauische Landgemeinde Heldenbergen und die benachbarten Kleinstadt Windecken, die im Zuge der kommunalen Gebietsreform am 1. Januar 1970 zur Stadt Nidderau fusionierten, waren über Jahrhunderte durch eine Landesgrenze getrennt.

Animositäten zwischen Windecken und Heldenbergen

Über die „Naumburger Fehde“, auch als „Heukrieg“ zwischen der Burggrafschaft Friedberg und der Grafschaft Hanau-Münzenberg in den Jahren 1564 bis 1569 bekannt, wurde bereits häufiger auch im HANAUER berichtet. Der Historiker Erhard Bus, der derzeit an der Chronik der Stadt Windecken arbeitet, weist zum ausklingenden Jubiläumsjahr noch auf weitere geschichtliche Animositäten zwischen Windecken und Heldenbergen hin. „Eine fachgerechte Auseinandersetzung mit der lokalen Geschichte bedingt eine gezielte Auswertung der einschlägigen Archivbestände. Dies erfordert häufig große Geduld“, erläutert Bus. „Oft jedoch entschädigen Entdeckerfreuden und Erkenntnisfortschritte für aufgewendete Mühsal. Wie eine kürzlich im Bestand Windecken des Stadtarchivs aufgespürte Begebenheit aus dem Jahr 1866 belegt.“

Erhard Bus analysiert „großen Unfug“

Damals, am 19. August, ereignete sich an der Grenze zwischen dem großherzoglich-hessischen Dorf Heldenbergen und der ab 1866 preußischen Stadt Windecken Zwischenfälle, die laut Bus als Reaktion auf den Ausgang des Deutschen Krieges zu sehen sind und die möglicherweise althergebrachte Aversionen neu belebten. Jedenfalls protokollierte der Windecker Bürgermeister Johann Peter Menger die angedeuteten Vorgänge („großer Unfug“) aufgrund der Aussagen der Beteiligten bereits am nächsten Tag. Was war passiert? Am Abend jenes Sonntages befanden sich neun junge Männer, zwischen 20 und 22 Uhr, in drei kleinen Gruppen auf Spaziergängen von Windecken aus in Richtung Heldenbergen, als „eine Masse erwachsener Männer von Heldenbergen (. . .) mit Knitteln und Lattenstücken bewaffnet, sich versammelt, und die jungen Leute aus Windecken (. . .) mit Steinen wärfend verfolgt haben“, wie Historiker Bus aus dem Windecker Archivbestand zitiert. Wie die Verfolgten aussagten, hätten sie sofort die Flucht ergriffen und „liefen eiligst nach Windecken zu“. Der in Windecken beschäftigte Schreinergeselle Heinrich Rupp aus Erbstadt wollte sogar „von Heldenbergen her“ einen Schuss gehört haben. Der 34-jährige Schneidergeselle Jean Weider bestätigte die Aussagen Rupps und sagte aus, er habe ferner die Rufe „Bismarckfreunde, Preußische Dickköpfe! und dergleichen“ gehört. Weider gab außerdem zu Protokoll, vier der Randalierer zu kennen, und glaubte auch, einen Schuss vernommen zu haben.

„Preußische Dickköpfe müssten gesteinigt werden.“

Ludwig Wiedemann, ein aus Bayern stammender Schmied „katholischer Religion“, arbeitete damals in der Glockengießerei Bach in Windecken und befand sich an diesem Abend mit Jean Weider und Carl Lotz unterwegs zur Grenze, als sie auf Heldenberger Seite etwa 25 bis 30 Randalierer erkannten, die „größtenteils mit Knitteln und Lattenstücken bewaffnet“ waren. Während seine Freunde beim Anblick der Heldenberger kehrt machten, ging Wiedemann weiter. Er traf auf die Meute und hätte fast Prügel bekommen, bis ihm ein Heldenberger zur Seite sprang und angab, dass Wiedemann an jedem Sonntagmorgen nach Heldenbergen in die katholische Kirche zum Gottesdienst ginge. Daraufhin hätten die Randalierer von dem bayerischen Schmied abgelassen und stattdessen Weider und Lotz verfolgt, die sie mit Steinen bewarfen und denen sie nachriefen: „Bismarcks Hunde, Preußische Dickköpfe.“ Kurz danach sei ein Schuss gefallen. Ein Georg Lehn aus einer anderen Gruppe von Spaziergängern wollte sogar den Ruf vernommen haben: „Die preußischen Dickköpfe müssten gesteinigt werden.“

Bürgermeister Menger leitete die protokollierten Aussagen umgehend nach Hanau an die zu diesem Zeitpunkt Kurhessische Regierung der Provinz weiter. In seinem Begleitschreiben wertete er die Vorkommnisse als „Exzesse“. Am Ende des Schreibens heißt es dann eher versöhnlich: „Windecken und Heldenberger stehen schon seit vielen Jahren in den freundschaftlichsten Beziehungen und ist unangenehm, wenn Feindlichkeiten dieses Einverständniß stören sollten.“ Die Kurhessische Regierung der Provinz Hanau teilte dem Bürgermeister in Windecken mit, man habe die Polizeidirektion Hanau am 24. August angewiesen, mit dem zuständigen großherzoglichen Kreisamt in Vilbel in Verbindung zu treten, damit sich derartige Vorfälle nicht wiederholten und die Übeltäter zur Rechenschaft gezogen würden. „Über den möglichen Fortgang der Angelegenheit weist das Stadtarchiv leider nichts Weiteres aus“, beschließt Erhard Bus seine Schilderung. Zur gleichen Zeit, als sich zwischen Windecken und Heldenbergen „großer Unfug“ abspielte, veränderte sich die politische Landkarte Mitteleuropas drastisch. Die besiegte Donaumonarchie und ihre Verbündeten sahen sich angesichts der militärischen Niederlage gezwungen, die preußischen Friedensbedingungen weitgehend zu akzeptieren. Der Prager Frieden vom 23. August 1866 beschleunigte die nun von Bismarck auf den Weg gebrachte „kleindeutsche Lösung“ und schloss das Kaisertum Österreich fortan von innerdeutschen Angelegenheiten aus. Mit der Gründung des Norddeutschen Bundes sicherte sich Preußen die Dominanz bis an den Main.

Nur fünf Jahre später, 1871, wurde diese Entwicklung mit der Gründung des Deutschen Reichs in Form der Ausrufung von König Wilhelm von Preußen zum Kaiser durch den Großherzog von Baden im Spiegelsaal von Versailles vollendet. Am 18. Januar 2021 jährt sich dieses Ereignis zum 150. Mal. Das nächste große Jubiläum steht also bereits vor der Tür. (Von Jan-Otto Weber)

Die Original-Unterschrift von Windeckens Bürgermeister Johann Peter Menger mit Amtsstempel und Siegel.

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