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Nidderau: Historiker Bus erläutert Erfolg von Luthers Kritik an der Kirche

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„Geistlicher Rauffhandel“: Dieses Flugblatt aus dem Jahr 1619 zeigt, wie Luther, Calvin und der Papst im Inneren einer Kirche gegeneinander handgreiflich werden. Im rechten Bild sieht man einen mit „Einfalt“ bezeichneten Hirten, der auf freiem Felde kniend betet, während links oben in einer Wolke Gottvater erscheint.
„Geistlicher Rauffhandel“: Dieses Flugblatt aus dem Jahr 1619 zeigt, wie Luther, Calvin und der Papst im Inneren einer Kirche gegeneinander handgreiflich werden. Im rechten Bild sieht man einen mit „Einfalt“ bezeichneten Hirten, der auf freiem Felde kniend betet, während links oben in einer Wolke Gottvater erscheint. © Privat/Erhard Bus

War der Anschlag der 95 Thesen von Martin Luther an die Porte der Schlosskirche zu Wittenberg am 31. Oktober 1517 der Auslöser der Reformation und damit der Beginn eines neuen Zeitalters, nämlich der Übergang zur Neuzeit?

Nidderau – Nach Ansicht des Nidderauer Historikers Erhard Bus, der im Vorfeld des heutigen Reformationstages bereits am Freitag einen Vortrag über „Deutschland und Europa im Zeitalter der Reformation 1517 – 1600“ im evangelischen Gemeindehaus Windecken hielt, soll die Veröffentlichung von Luthers Kritik an der katholischen Kirche nur einer von vielen Bausteinen für den Übergang in das neue Zeitalter gewesen sein. Denn Deutschland und Europa litten um 1500 unter einer Reihe von Krisen im politischen, wirtschaftlichen oder auch kirchlichen Bereich, die tiefgreifende gesellschaftliche Umwandlungsprozesse auslösten.

Wie Bus ausführte, hatte sich durch Handel in den Städten eine Bürgerschicht gebildet, die über beträchtliche Finanzkraft verfügte. Der größte Teil der Bevölkerung, annähernd 90 Prozent, lebte jedoch auf dem Lande, zumeist am Existenzminimum, und litt unter Steuern, Frondiensten, Leibeigenschaften und dazu noch extrem schlechten Wetterverhältnissen und der damals grassierenden Pest. Diese sozial und wirtschaftlich prekäre Lage führte seit dem Ende des 15. Jahrhunderts immer wieder zu Aufständen, die im Deutschen Bauernkrieg 1525 gipfelten.

Zum Vortragsabend im evangelischen Gemeindehaus begrüßten Windeckens Pfarrerin Heike Käppeler und Historiker Erhard Bus die Gäste.
Zum Vortragsabend im evangelischen Gemeindehaus begrüßten Windeckens Pfarrerin Heike Käppeler und Historiker Erhard Bus die Gäste. © Jürgen W. Niehoff

Deshalb traf Luthers Aufbegehren gegen die Missstände in der katholischen Kirche genau den Nerv der Zeit. Vor allem beanstandete er dabei die Vetternwirtschaft bei der Besetzung kirchlicher Ämter, die mangelhafte Ausbildung und den schlechten Lebenswandel vieler Kleriker, den Reliquienkult und die angebliche Käuflichkeit von göttlichen Gnadenmitteln.

Luther wandte sich zunehmend gegen die Autorität des Papstes und der Kirche. Jeder Christ und jede Christin müsse selbst glauben, die Kirche könne ihm oder ihr das nicht abnehmen. Schon gar nicht über den Ablassverkauf. Dazu müssten die Menschen aber die Bibel lesen können, in der von diesem Glauben die Rede sei. Dennoch bildeten die Lehren, Vorschriften und Vorgaben der Kirche die Achse, um die sich das Dasein der Gläubigen weitgehend drehte.

Deshalb ließ Luther seine Bibel-Übersetzung und seine Schriften in Deutsch verbreiten und bediente sich in ihnen zahlreicher Wortschöpfungen, wie „Blutgeld“, „friedfertig“, „Nächstenliebe“, „Gewissenbisse“ oder Wendungen wie „Perlen vor die Säue werfen“. Die Bibel-Übersetzung trug dann auch wesentlich zur Entstehung einer einheitlichen deutschen Hochsprache bei.

Die Diskussion über Luthers neue Denkansätze wurde deshalb nicht nur in der Kirche schnell zum Politikum. Luther, Lehrstuhlinhaber für Altes und Neues Testament in Wittenberg, löste mit seiner Kritik an den Praktiken der Kirche eine, wie man heute sagen würde, gesamtgesellschaftliche Erschütterung aus. Zumal die Verbreitung dieser Kritik dank der neuen Möglichkeiten des Buchdrucks weitgehend öffentlich und in der jeweiligen Landessprache geschah.

Weil die Obrigkeit mehr mit der verfassungsrechtlichen und politischen Situation zu tun hatte und deshalb drei Kriege in Italien zwischen 1521 und 1544 um die Vorherrschaft in Europa zwischen den Habsburgern und den Franzosen um König Franz I. führte, konnte sich die Reformation in Deutschland und Europa immer weiter ausbreiten. Damit war die Reformation nicht nur eine innerkirchlich-theologische Auseinandersetzung, sondern zugleich auch eine eminent politische, mit weitreichenden Folgen in allen gesellschaftlichen Bereichen.

Luther war zu der Zeit jedoch nicht der Einzige, der sich gegen die die Regeln der katholischen Kirche wandte. In der Schweiz handelten beispielsweise Ulrich Zwingli in Zürich und Johannes Calvin in Genf im gleichen Sinne. Bis heute unterscheiden sich die aus der Schweizer Reformation hervorgehenden evangelisch-reformierten Kirchen von den aus der Wittenberger Reformation hervorgehenden evangelisch-lutherischen Kirchen.

Zwingli und Calvin lehnten konsequent alle Traditionen ab, die nicht in der Bibel begründet sind. Daher haben die reformierten Kirchen nüchterne Gotteshäuser, die höchstens mit Bibelsprüchen dekoriert waren. In England begünstigten hingegen politische Gründe die Reformation. König Heinrich der VIII. hatte sich mit dem Papst überworfen, weil der seine Ehe mit Katharina von Aragon nicht annullieren wollte. Und in Skandinavien fand unter König Gustav Vasa die Reformation schrittweise Einzug.

Die Reformation führte durch den Druck, der durch den schnellen Abfall ganzer Regionen vom Katholizismus verursacht wurde, auch auf römisch-katholischer Seite zu Reformen. Daher spricht man hierfür auch von katholischer Reform. Außerdem wurde versucht, mit einer Gegenreformation eine Rekatholisierung der vom römisch-katholischen Glauben abgefallenen Gebiete zu erreichen. Auch wenn das Festlegen des Glaubens in der jeweiligen Region mit der Zeit immer mehr Sache des Landesfürsten wurde, so trat ein Ende dieser theologischen Auseinandersetzungen wohl erst 1648 mit dem Ende des Dreißigjährigen Krieges und der Anerkennung der Glaubensfreiheit mit Abschluss des Westfälischen Friedens ein.

Von Jürgen W. Niehoff

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