Zur Apfelernte und zum Keltern zieht es Alexander Brodt-Zabka jedes Jahr in die Heimat, nach Ostheim. Auf dem Hof der Familie an der Vorderstraße wartet an diesem Herbstabend ein Teil des Mosts auf seinen Abtransport.
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Zur Apfelernte und zum Keltern zieht es Alexander Brodt-Zabka jedes Jahr in die Heimat, nach Ostheim. Auf dem Hof der Familie an der Vorderstraße wartet an diesem Herbstabend ein Teil des Mosts auf seinen Abtransport.

Die Suche nach Gewissheiten treibt ihn an

Der Apfel führt ihn heim zum Stamm: Alexander Brodt-Zabka ist Pfarrer in Berlin und kehrt zum Keltern Heim

  • Jan-Otto Weber
    vonJan-Otto Weber
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Kaum eine andere Frucht ist so symbolträchtig wie der Apfel. In der Antike galt er unter anderem als Sinnbild für Fruchtbarkeit, Liebe und Schönheit. Da ist die Versuchung nicht weit: Im Christentum wurde der Apfel zur Sündenfrucht, deren Genuss im Paradies Adam und Eva von Gott entzweite.

Nidderau – Für Pfarrer Alexander Brodt-Zabka bedeutet der Apfel hingegen das Gegenteil: Gemeinschaft. Denn die jährliche Lese des Obstes hat für ihn Tradition; sie führt die verzweigte Familie und Nachbarn jeden Herbst auf dem Baumstück „Am Seifen“ in Ostheim zusammen.

„Es waren wieder zwei Tage Arbeit“, berichtet Brodt-Zabka am Esszimmertisch seiner Eltern Georg und Karin. Er selbst hatte in Klettermontur die Bäume bestiegen und geschüttelt. „Mir tut alles weh, und ich habe einige blaue Flecken.“

Doch der Einsatz hat auch diesmal gelohnt. Ein Teil der Ernte wartet nun gepresst und in Fässer abgefüllt auf einem Hänger auf dem stillgelegten Hof der Familie an der Vorderstraße im alten Ortskern: 300 Liter Saft von den eigenen Bäumen, vorwiegend Rheinischer Bohnapfel. Noch am Abend wollen Brodt-Zabka und sein Ehemann Jörg Richtung Berlin aufbrechen, dem Lebens- und Arbeitsmittelpunkt der beiden evangelischen Pfarrer.

Leben von Alexander Brodt-Zabka birgt Konflikte

Ostheim und Berlin. Apfelernte und Spiritualität. Religion und Homosexualität. Das Leben von Alexander Brodt-Zabka birgt Konflikte. So sei ihm das Großstadtleben in gewisser Weise nach wie vor fremd, gesteht der 51-Jährige. „Auch wenn es pathetisch klingt: Obwohl ich zwei Drittel meines Lebens in städtischem Kontext verbracht habe, bin ich eigentlich immer ein Dorfmensch geblieben. Die Stadt ist eine Fremdsprache. Meine Muttersprache ist Dorf.“

Dennoch entschied sich das Paar für Berlin. „Jörg ist durch und durch Großstadtmensch und aus tiefster Seele Gemeindepfarrer in Lichterfelde“, erklärt Brodt-Zabka, der selbst in Berlin-Mitte an der Seite des dortigen Superintendenten für übergemeindliche Projekte zuständig ist. Dass die beiden Pfarrer in der Hauptstadt mit dem Segen der Kirche als Ehepaar zusammen leben können, fiel jedoch auch in der weltoffenen Metropole nicht vom Himmel.

Kennengelernt haben sich Alexander Brodt und Jörg Zabka im Jahr 2005 im kirchlichen Internetchat „Kreuz und Queer“. Der gebürtige Ostheimer war in diesen Jahren nach seinem Theologiestudium in Frankfurt und Marburg zunächst in der Palliativseelsorge im Krankenhaus, dann als Gemeindepfarrer in der Nazarethgemeinde in Frankfurt-Eckenheim tätig.

Seit 2006 sind Alexander Brodt-Zabka und sein Mann verheiratet

Im Mai 2006 ließ das Paar in einem Berliner Standesamt seine Lebenspartnerschaft eintragen. Im Juli folgte die Segnung in der Alten Nikolaikirche auf dem Frankfurter Römerberg. Die anschließende Feier erstreckte sich über mehrere Tage auf dem Büdinger Herrnhaag.

Der Ort war bewusst gewählt. Schließlich hatte Nikolaus Ludwig Graf von Zinzendorf hier Mitte des 18. Jahrhunderts mit der „Herrnhuter Brüdergemeine“ Zuflucht gefunden. „Wir haben ein Faible für Zinzendorf“, erläutert Brodt-Zabka. „Hier lebten Menschen verschiedenster Stände und Herkunft zusammen, zum Beispiel auch damals schon dunkelhäutige Menschen.“

Doch etwa 270 Jahre später scheint die Welt noch nicht viel weiter zu sein. So konnten die beiden evangelischen Pfarrer ihre Lebenspartnerschaft erst 2018 in eine Ehe umwandeln lassen. Die hessen-nassauische Kirche erkannte die Segnung der Lebenspartnerschaft als kirchliche Trauung 2019 in Form einer nachträglichen Beurkundung an. In Berlin und Brandenburg dürfen homosexuelle Pfarrer seit 2010 gemeinsam im Pfarrhaus wohnen.

In seinem Podcast kommt Alexander Brodt-Zabka zurück zu grundsätzlichen Glaubensfragen

Kraftquelle für beide war und ist der Glaube. Sein „Erweckungserlebnis“ hatte Alexander Brodt, als er mit 14 Jahren die Bergpredigt las. „Ich wollte den Glauben durchdringen“, sagt er rückblickend. „Ich hatte immer eine Ahnung davon, dass das Materialistische nicht das Wichtigste sein kann. Die Frage nach der letzten Gewissheit hat mich fasziniert.“

30 Jahre später kommt Brodt-Zabka in seinem Podcast wieder zurück zu diesen grundsätzlichen Glaubensfragen. In einer wissenschaftlich determinierten Zeit, stellt der Theologe in seiner täglichen Arbeit eine tiefe Sehnsucht nach Orientierung und Vergewisserung fest, gerade bei jüngeren Menschen, die auch in Berlin häufig aus der Kirche austreten. Ihnen will er ein Angebot machen. „Ich will aufzeigen, dass man sich in den jahrtausendealten Geschichten aus der Bibel wiederfinden kann. Es sind eingedampfte Menschheitserfahrungen, die sich in der Figur des Jesus von Nazareth und anderen widerspiegeln.“

Dabei stellt der 51-Jährige durchaus überraschende Bezüge her. Etwa, wenn er den heutigen Begriff der Diversität auf das Alte Testament bezieht, in dem selbstverständlich von Polygamie, inzestuösen Beziehungen oder Prostitution berichtet wird. Auch Formen der Emanzipation und gleichgeschlechtlicher Liebe erkennt der Theologe in den alten Geschichten. Etwa in der von Ruth und ihrer Schwiegermutter Noomi – wenngleich es hier nicht um eine erotische Liebesbeziehung geht. Doch darauf komme es auch gar nicht an, so Brodt-Zabka. Mit den Worten „Wohin du gehst, dahin gehe auch ich, und wo du bleibst, da bleibe auch ich“ erklärt Ruth ihre Liebe zu Noomi. Die Bibelstelle ist heute einer der häufigsten Trausprüche. „Die Worte treffen direkt ins Herz“, so Brodt-Zabka.

Alexander Brodt-Zabka war immer auf der Suche nach Intensität

Doch er liefert auch harte Kost. Zum Beispiel, wenn er sich mit dem Philosophen Friedrich Nietzsche befasst, dem „Zertrümmerer alter Werte“, Autor des „Antichrist“, der an der Kirche seiner Zeit kein gutes Haar lässt. Erlöster müssten ihm die Christen erscheinen, damit er an ihren Erlöser glauben könnte, ist eine seiner berühmten Aussagen.

Doch Brodt-Zabka fühlt sich dem Philosophen nah. „Ich sehe darin eine tiefe spirituelle Sehnsucht nach dem, was hinter den Dingen steckt. Das bewegt auch mich.“

„Ich war immer auf der Suche nach Intensität“, sagt der 51-Jährige im Gespräch am Esszimmertisch seiner Eltern. „Bleibt der Erde treu.“ Auch dieser Spruch stammt von Nietzsche. „Die jährliche Apfellese, diese Erdung. Da bin ich ganz nah bei mir“, erklärt Brodt-Zabka und blickt dabei seinem Mann Jörg in die Augen.

Demnächst beziehen die beiden Männer ihr neu gebautes Heim am Rande von Berlin. Holzständerbauweise, ökologisch, im Grünen. Und sicher gibt es dort – rund 500 Kilometer von der heimischen Streuobstwiese entfernt – auch noch Platz für einen Apfelbaum.

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