Im Revisionsprozess um eine Auto-Attacke in der Nidderauer Bahnhofstraße verhängte das Landgericht Hanau eine Haftstrafe von drei Jahren und neun Monaten.
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Im Revisionsprozess um eine Auto-Attacke in der Nidderauer Bahnhofstraße verhängte das Landgericht Hanau eine Haftstrafe von drei Jahren und neun Monaten.

Urteil

Nidderau: „Deal“ in Prozess um Attacke mit Auto

  • vonNicolas Obst
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„Bislang ist das in ihrem Leben wirklich eine erschreckende Bilanz. Ich wünsche Ihnen, dass sie es schaffen, das erste Mal einen geregelten Tagesablauf zu bekommen“, sagte die Vorsitzende Richterin Dr. Katharina Jost am Ende des Gerichtsverfahrens gegen den Angeklagten „Joe“ (24) aus Nidderau. Doch bis es zu einem Leben in Freiheit kommen kann, wird noch einige Zeit vergehen.

Nidderau/Hanau - Die zweite Große Strafkammer des Landgerichts Hanau verurteilte den 24-Jährigen am Montag wegen gefährlichen Eingriffs in den Straßenverkehr sowie Körperverletzung und Fahren ohne Fahrerlaubnis zu einer Freiheitsstrafe von drei Jahren und neun Monaten. Ein Urteil, das bei einem Blick auf die Historie des Falls zunächst verwundern mag.

Am 20. November 2018 sind der Angeklagte „Joe“ und ein Freund in Windecken in einem VW Polo unterwegs. Sie befinden sich auf der Suche nach einem Bekannten. Der Bekannte „I.“ schuldet dem Freund angeblich Geld aus Rauschgiftgeschäften, deshalb soll er einen „Denkzettel“ erhalten.

Schuldner aus Drogengeschäften sollte Denkzettel erhalten

Als die Beiden den Mann in der Bahnhofsstraße schließlich entdecken, wendet „Joe“ das Auto und fährt von hinten in das Opfer. Der Mann schlägt auf die Motorhaube und fällt anschließend auf den Bürgersteig. Dabei zieht sich „I.“ Schürfwunden und Prellungen zu und verbringt mehrere Tage im Klinikum Hanau.

Bereits 2019 wurde dieser Fall von einer Kammer des Landgerichts entschieden, seinerzeit war ein wesentlicher Punkt, ob es sich bei der Handlung um versuchten Mord handelt. Letztlich wurde „Joe“ wegen gefährlicher Körperverletzung verurteilt. Das Gericht war der Auffassung, das bewusste Lenken des Pkw in eine andere Person, sei eine lebensgefährdende Behandlung. Der Mordversuch wurde mangels Vorsatzes verworfen.

Bundesgerichtshof kippt Urteil

Diese Auffassung konnte sich jedoch nicht durchsetzen. Der Bundesgerichtshof in Karlsruhe hat nach Revision der Verteidigung entschieden, dass der Vorsatz für eine solche „lebensgefährdende Behandlung“ fehle und die Beweislage insbesondere bezüglich des Zusammenstoßes von Auto und Geschädigtem zu dünn sei. Fraglich war hierbei insbesondere, wie schnell das Auto gefahren ist und ob „Joe“ das Opfer wirklich erheblich verletzten wollte. Somit wurde das Urteil vom BGH aufgehoben und an eine andere Kammer des Landgerichts verwiesen.

Doch bereits vor Beginn dieser erneuten Verhandlung sehen sich die Hanauer Rich-ter vor einer schwierigen Sachlage. Das Tatgeschehen liegt mittlerweile einige Zeit zurück und infolgedessen lässt sich kein unfallanalyti-scher Sachverständiger finden, der mit Sicherheit auf-klären könnte, mit welcher Geschwindigkeit der Angeklagte vor mehr als zwei Jahren mit dem Opfer zusammengeprallt ist.

Angeklagter legt Geständnis ab

Diese Umstände führen schließlich dazu, dass die Parteien bereits vor der neuen Hauptverhandlung einen möglichen „Deal“ ins Auge fassen, der bei allen Seiten auf Akzeptanz treffen soll. Wichtigste Voraussetzung dabei: „Joe“ müsste ein umfassendes Geständnis ablegen.

Diese Einlassung lässt er von seinem erfahrenen Anwalt Michael Euler verlesen: Danach habe „Joe“ sich bewusst dazu entschieden, dem späteren Opfer einen Denkzettel zu verpassen und ihm an jenem Abend in Windecken Angst zu machen. Je-doch wollte er „I.“ nicht schwer verletzen und schon gar nicht töten. Er habe im Gefängnis viel über seine Taten nachgedacht und möchte sich für diesen Unfug auf-richtig entschuldigen. Zu-dem stand „Joe“ nach eigenen Angaben zum Tatzeitpunkt unter Drogeneinfluss.

Auf Nachfrage der Vorsitzenden Richterin erklärt der 24-Jährige, dass er sich je-doch nie beim Opfer entschuldigt habe. Dazu sollte jedoch heute Zeit sein, denn kurz nach der Einlassung betritt „I.“ den Saal.

Geschädigter schlägt Entschuldigung aus

Dieser erklärt, dass ihn die Tat bis heute psychisch mit-nimmt und er froh sei, über-haupt noch zu leben. Nach seiner Version ist „Joe“ mit mindestens 30 Kilometern pro Stunde auf ihn zugefahren. Auf Nachfragen der Richter reagiert der junge Mann teilweise gereizt: „Ich bin das Opfer, nicht der Täter!“ Als der Angeklagte sich direkt an ihn wendet, um sich für seine Tat zu entschuldigen, entgegnet „I.“: „Das ist für mich reine Heuchelei, mir hilft keine Entschuldigung.“

Die Version des Opfers findet bei den Richtern keine umfassende Zustimmung. Im Urteil erklärt Jost, dass das Gericht nicht davon ausgeht, dass „Joe“ das Auto mit über 30 km/h gefahren habe. Bei einem Zusammenstoß mit einer solchen Geschwindigkeit müssten die Verletzungen deutlich schwerwiegender ausfallen. Die Richter vermuten, dass die Schürfwunden und Verletzungen nicht direkt durch den Zusammenstoß mit dem Auto, sondern beim anschließenden Fallen auf den Bordstein entstanden sind. Insofern lasse sich kein Vorsatz bezüglich einer gefährlichen Körperverletzung feststellen, insbesondere sei das Auto in einer solchen Konstellation auch kein „gefährliches Werkzeug“.

Drei Jahre und neun Monate Haft inklusive Drogenentzug

Aus Sicht der Richter habe „Joe“ wenig überlegt gehandelt und sei durch den Drogenkonsum „enthemmt“ gewesen. So bleiben die Richter schließlich in ihrem Urteil nur knapp unter der Forderung von vier Jahren Freiheitsstrafe seitens Staatsanwältin Nina Bolowich.

Weitere Besonderheit des Urteils und letztlich das Ergebnis der Abmachung: Eine bereits zurückliegende Verurteilung in einer anderen Strafsache wird in das jetzige Urteil einbezogen, und „Joe“ darf im Sinne der Resozialisierung in der Erziehungsanstalt bleiben, in der er aktuell einen Drogenentzug macht.

Dr. Jost erinnert den Verurteilten abschließend an seine zweijährige Tochter und appelliert an seine Vernunft: „Es ist gut, dass sie sich der Therapie stellen, ich wünsche ihnen, dass sie es schaffen.“ Nicolas Obst

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