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Neujahrsempfang: IHK-Präsident erteilt Ortsteildenken Absage

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Den Kulturförderpreis erhielten Rebecca Göppel und Melanie Heinze von der Sängervereinigung Windecken aus den Händen des Kulturbeiratsvorsitzenden Jürgen Reuling und Bürgermeister Gerhard Schultheiß (von links).Foto: Jan-Otto Weber
Den Kulturförderpreis erhielten Rebecca Göppel und Melanie Heinze von der Sängervereinigung Windecken aus den Händen des Kulturbeiratsvorsitzenden Jürgen Reuling und Bürgermeister Gerhard Schultheiß (von links).Foto: Jan-Otto Weber

Nidderau. „Es zählt nicht die Herkunft, es zählt die Haltung.“ Das Motto des Neujahrsempfangs, zu dem die Stadt Nidderau am Sonntag in die Kultur- und Sporthalle Heldenbergen eingeladen hatte, bot zahlreiche Ansatzpunkte.

Von Jan-Otto Weber

So griff Gastredner Dr. Norbert Reichhold, Präsident der Industrie- und Handelskammer Hanau-Gelnhausen-Schlüchtern, den Satz aus der Abschiedsrede des früheren Bundespräsidenten Joachim Gauck auf, um sich als „Aascher Bub, der in Windecken geboren wurde“ und nun seit Jahrzehnten in Roßdorf wohnt, gegen jegliches Ortsteildenken auszusprechen. „Denn hier ist und sollte nicht die Herkunft aus Eichen, Erbstadt, Heldenbergen, Ost‧heim, Windecken entscheidend sein, sondern die stets gemeinsame Haltung: Wir bringen Nidderau insgesamt und gemeinsam vorwärts!“

Politische Debatte um Eichen

Den meisten der etwa 400 Gäste im Saal war klar, dass Reichhold damit auf die aktuelle politische Debatte um das Mischgebiet jenseits der B521 in Eichen anspielte. Wobei er es vermied, sie beim Namen zu nennen. Stattdessen lobte er die Entwicklung im Heldenbergener Gewerbegebiet Am Lindenbäumchen, das dank der Ortsumgehung einen kräftigen Schub erhalten habe.

„Nidderaus Wirtschaft wächst, die Zahl der Einwohner wächst. Es geht aufwärts mit dieser Stadt.“ Allerdings warnte Reichhold davor, Nidderau lediglich als Schlafstadt zu verstehen. Schon jetzt pendelten täglich 2500 Bürger durch das Verkehrsnadel‧öhr in Bad Vilbel nach Frankfurt. Reichhold setzt deshalb darauf, dass der Rhein-Main-Verkehrsverbund endlich seine Machbarkeitsstudie zum Ausbau des Stockheimer Lieschens vorlegt.

Nidderau müsse die Nähe zu Frankfurt stärker nutzen. „Dank der guten wirtschaftlichen Lage gibt es im Moment kein günstig gelegenes Gewerbegebiet, das unbebaut bleibt. Und das gilt auch für neu zu entwickelnde Gewerbegebiete“, gab er einen Fingerzeig Richtung Eichen.

Lobenswerte Integrationskraft

Allgemein lobte Reichhold die Integrationskraft von Industrie und Handwerk, die mit der dualen Ausbildung in Deutschland gerade auch Migranten den Aufstieg ermöglichen könnten. Auch hier achteten die Unternehmen zunehmend auf die Haltung der Bewerber und nicht auf deren Herkunft.

Schließlich machte Reichhold einen überraschenden Vorschlag zur Steigerung der Attraktivität Nidderaus für Fachkräfte und Bewohner im Ballungsraum: den Ausbau des Tourismus. Aus dem Kulturleben und den „wunderbaren Waldgebieten“ müsse sich in Beratung mit der Spessart Tourismus und Marketing GmbH doch etwas machen lassen, so Reichhold, der sich vorstellen kann, dass Frankfurter mit Elektrorädern entlang der Radrouten zum Eisessen an die Nidder kommen.

Dieser Gedanke dürfte auch dem Kulturbeiratsvorsitzenden Jürgen Reuling gefallen haben, der in seiner vorangegangenen Rede das kulturelle Angebot der Stadt hervorgehoben hatte. „Durch die jüngste Volksabstimmung wurde die Kultur als Staatsziel in der hessischen Landesverfassung verankert“, erklärte Reuling und zog den Schluss: „Damit ist die Aussage, kulturelle Ausgaben seien freiwillige Leistungen, hinfällig.“

Kultur Grundlage der Werteentwicklung

Die Kultur müsse als Grundlage für die Werteentwicklung der Menschheit gegen Angriffe verteidigt werden, so Reuling. Auch dabei gelte, dass nicht die Herkunft der Menschen, sondern ihre Haltung entscheidend sei. So ermögliche der im vergangenen Jahr eingeführte Nidderau-Pass auch finanziell schwächer gestellten Menschen, für den ermäßigten Eintritt von fünf Euro an kulturellen Veranstaltungen teilzunehmen.

Bürgermeister Gerhard Schultheiß hatte zur Begrüßung Gauck zitiert: Die entscheidende Trennlinie in unserer Demokratie verlaufe nicht zwischen Alteingesessenen und Neubürgern, auch nicht zwischen Christen, Muslimen, Juden oder Atheisten, sondern zwischen Demokraten und Nicht-Demokraten.

Aus Anlass des Holocaust-Gedenktages am 27. Januar hatten die Anwesenden eingangs in einer Schweigeminute der Opfer des Nationalsozialismus gedacht.

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