Rund 1000 Tonnen wiegt die neue Tunnelröhre, die direkt neben dem Bahndamm passgenau aus Beton gegossen wurde. Seit Mittwoch wurde die alte Überführung zurückgebaut und die neue Stück für Stück an deren Stelle geschoben. Unser Foto zeigt den Zustand der Arbeiten am Freitagvormittag. Bereits am Montag sollen oben auf dem Bahndamm wieder die Züge entlangrauschen. Foto: Rainer Habermann

Nidderau

Neue Bahnüberführung zwischen Heldenbergen und Erbstadt

Nidderau. Eben noch klafft eine riesige Lücke im Bahndamm zwischen Kaichen und Erbstadt. Schon ab kommendem Montag sollen die Waggons wieder darüber rauschen.

Von Rainer Habermann

Möglich wird dies durch hohe Ingenieurskunst: Eine komplette Tunnelröhre ist in den zurückliegenden Tagen neben der in diesem Bereich hochliegenden Bahntrasse Friedberg–Hanau geschalt, bestahlt und gegossen worden. Es ist eine vor Ort gefertigte Maßarbeit für die landwirtschaftliche Wegunterführung zwischen dem Niddataler Stadtteil Kaichen und Nidderau-Erbstadt.

Fasziniert hatten in den vergangenen Tagen immer wieder Dorfbewohner auf der Baustelle vorbeigeschaut, um das nicht alltägliche Schauspiel zu verfolgen. Auf Hydraulikstempeln und Führungsschienen bewegten die Arbeiter die rund 1000 Tonnen schwere Konstruktion Stück für Stück seitwärts unter die Strecke. Eine Sperrzeit von lediglich 124 Stunden ist vorgesehen, bis die Bahnstrecke wieder voll befahrbar ist. Ab kommendem Montag sollen die Räder wieder über die Gleise rollen. Kann das klappen?

"Es klappt!"

„Es klappt, und wie!“, lächelt der Tages-Bauüberwacher der Zetcon Ingenieure GmbH, Diplomingenieur Arne Schubert. Die Zetcon managt hier für die DB Netz AG Regionalbereich Mitte das Projekt. Auf der Baustelle steht an schwerem Gerät so ziemlich alles parat, was ein kombiniertes Hoch- und Tiefbauprojekt ausmacht.

20-Meter-Kräne; Radlader mit übermannshohen Reifen, die den Aushub mit ihren Mammut-Schaufeln auf 40-Tonner-Kipplaster werfen; Hubsteiger, welche an der gut zehn Meter hohen Gleisböschung diesen Bereich bedienen und auch an die Oberleitungen heranreichen, die natürlich ebenfalls stromlos gemacht werden müssen für die Riesenbresche im Gleisbett.

„Wir haben hier eine sehr gute Baufirma, die auch das nötige Equipment bereit stellen kann: die Firma Adolf Lupp GmbH aus Gießen“, sagt Schubert. „Die Tunnelröhre wurde vor Ort passgenau gegossen und dann geschwind seitwärts geschoben. Geschwind heißt in diesem Zusammenhang: kaum einen Meter pro Stunde, angesichts des Gewichts“, ergänzt der Bauüberwacher. „Laut Zeitplan sollte der Versatz um 23 Uhr beginnen. Tatsächlich konnten wir bereits um 16 Uhr starten.“

Die hydraulische Bewegung schwerster Objekte erinnert etwas an Schiffswerften oder große Brückenkonstruktionen, wo derartige Stempel, Bühnen und Gleiter ebenfalls eingesetzt werden. Wäre die gesamte Betonröhre, die später sowohl die Schienen trägt als auch den Boden für die künftige Fahrbahn für den Traktor- und Fahrradverkehr zwischen der Altenstädter Straße und Erbstadt bildet, direkt unter der Bahntrasse gegossen worden, hätte der Zugverkehr für mindestens drei Wochen stillgelegen, so die Schätzung der Experten.

Aufhebung am Montag

Die Sperrung auf der Bahntrasse Friedberg–Hanau trat am vergangenen Mittwoch in Kraft, und ab Montag soll sie bereits aufgehoben sein, wie die DB Netz AG bestätigt. Allerdings ohne Gewähr: Beispielsweise zog gestern eine Gewitterfront durch Hessen. Dass ein 24-Stunden-Betrieb auf der Baustelle nötig ist, versteht sich angesichts des ehrgeizigen Zeitplans und innerhalb der Schulferien von selbst.

Diplomingenieur Alexander Germer, Oberbauleiter der Lupp-GmbH, konkretisiert: „Es sind insgesamt rund 8000 Tonnen Erdreich, die in diesen wenigen Tagen bewegt werden müssen. Zusätzlich müssen die Betonfundamente für die Schiebekonstruktion zurückgebaut werden, wir wollen ja schließlich am Ende hier wieder besten Ackerboden abliefern, wie übernommen“, meint Germer.

Oben auf der Tunnelröhre, die im Jargon der Konstrukteure eine „Eisenbahnüberführung“ (EÜ) ist, müssen die Gleise wieder angeschlossen sowie die seitlichen Lücken im Damm verfüllt und lagenweise verdichtet werden. Es handelt sich hier zwar um keines der ganz großen Projekte der Deutschen Bahn AG wie etwa „Stuttgart 21“, die Nordmainische S-Bahn oder den ICE-Trassenausbau Frankfurt-Fulda in Hessen. Aber immerhin: Auf der „kleinen“ Verbindung zwischen Friedberg und Hanau tut sich in diesen Tagen eine Menge.

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