Fingerzeig des Lebens: Albert Schlierbach lässt sich von seiner schweren Erkrankung nicht unterkriegen. Im Gegenteil: Der frühere Werbeexperte hat über das therapeutische Schreiben eine neue Ausdrucksform für sich entdeckt und eine Biografie verfasst. Foto: Jan-Otto Weber

Nidderau

Nach Schlaganfall und Herzinfarkt: Nidderauer kämpft sich zurück

Nidderau. Freiheit. Es ist dieser Begriff, der das Leben von Albert Schlierbach bis zum heutigen Tag tief geprägt hat. Ob in seiner Jugend, als es ihn aus seinem kleinen Dorf im Marburger Hinterland in die Welt zieht. Ob als Art Director bei den Filmdrehs im Wilden Westen der USA für die legendären Marlboro-Werbespots.

Von Jan-Otto Weber

Selbst als er fast tot in einem Krankenhausbett an die Decke starrt, gibt ihm die „Freiheit des Geistes“ die Kraft, um sich wieder ins Leben zurückzukämpfen. „Aufgeben ist keine Option“, sagt Albert Schlierbach im Rückblick. „Man sollte sich nie unterschätzen.“

Als Werbeprofi weltweit unterwegs für Marlboro

Der 65-Jährige sitzt aufrecht in einem ledernen Sessel am Esstisch. Er und seine Frau genießen die lichtdurchfluteten Räume ihrer Eigentumswohnung – selbst an trüben Tagen. Der Blick aus dem dritten Stock des Neubaus an der Heinrich-Heine-Straße reicht über den Stadtplatz und die Neue Mitte zum Windecker Wartbaum und sogar hinüber bis zum Taunus.

Auf dem Wohnzimmerschrank stehen ausgewählte Trophäen, die Schlierbach im Lauf seiner Karriere für außergewöhnliche Werbeideen erhalten hat. An der Wand hängt ein verglaster Rahmen. Darin ein Lasso und ein Steigbügel. „Ich war damals für die Werbeagentur Leo Burnett mit der visuellen Umsetzung der Marlboro-Kampagne in Kinos, Zeitschriften und an Verkaufsstellen betraut“, erklärt Schlierbach. „Drei- bis viermal im Jahr bin ich in die USA gereist, um mit Stern-Fotograf Dieter Blum Aufnahmen an den Originalschauplätzen in Colorado und Wyoming zu machen. Mit den Cowboys entwickelten sich echte Freundschaften.“

Sein eigener Herr sein, eigene Wege gehen, das Gefühl von Abenteuer und Freiheit – und der Belohnung nach einem harten Tag. All das verbindet Schlierbach mit der Kampagne von damals. Darüber, dass er für eine gesundheitsschädliche Sache warb, machte er sich damals keine Gedanken. „Ich war selbst starker Raucher und habe immer darauf vertraut, dass die Leute schon selbst wissen, was gut für sie ist.“

"Er ist umgefallen wie ein nasser Sack"

Und plötzlich, nach fast 40 erfolgreichen Jahren in seinem geliebten Beruf, hebt es den Werbeprofi an einem Juni-Tag 2015 aus dem Sattel. „Er ist umgefallen wie ein nasser Sack“, erinnert sich Ute Schlierbach ohne Umschweife. An einer eingerissenen Herzklappe hatte sich ein Thrombus gebildet, der anschließend ins Hirn gespült wurde und dort eine Arterie verstopfte. Schlaganfall.

„Er konnte nicht sprechen und nur mit Hilfe sitzen“, berichtet Schlierbachs Ehefrau, die lange als Intensivschwester gearbeitet hat. „Wenn er beide Augen gleichzeitig geöffnet hat, wurde ihm übel.“ Albert Schlierbach kommt zur Rehabilitation nach Bad Camberg. Er kämpft mit Alpträumen und Halluzinationen durch die Medikamente, muss mühsam wieder laufen lernen. Die Ärzte erklären ihm, dass nur zehn von hundert Menschen einen solchen Schlaganfall überleben. Und von den Überlebenden bleiben sechs ein Pflegefall. Albert Schlierbach kämpft.

Herzinfarkt und Notoperation

Nach drei Monaten darf er wieder nach Hause. Die Operation seiner eingerissenen Herzklappe steht allerdings noch aus. Doch zum angesetzten Termin kommt es nicht. „Ich war so etwa fünf Wochen zu Hause, als am 22. Oktober, des nachts, wieder der Krankenwagen mit Blaulicht vor unserem Haus stand“, beschreibt Schlierbach. Diesmal ist es ein Herzinfarkt. Die Notoperation in der Bad Nauheimer Kerckhoff-Klinik dauert sieben Stunden.

„Als ich auf der Intensivstation aufwachte, bemerkte ich, dass ich wohl ein Schnittmusterbogen gewesen war: Ich war vom Hals bis zum linken Fuß mit vernähten Schnittnarben versehen. Ich bin jetzt stolzer Besitzer eines Stents und von vier Bypässen. Eine Klappe wurde repariert und die Aorta geflickt.“ Mit diesem besonderen Humor beschreibt Schlierbach seinen Zustand in seiner Biografie, die er seit seinen beiden Infarkten auf Anraten der Ärzte verfasst hat. „Das Schreiben war wie eine Therapie“, erklärt Schlierbach. „Es hat meinen Tag strukturiert. Mir half der Gedanke, dass ich berufstätig bin: Vormittags habe ich gearbeitet, nachmittags ging ich zur Therapie.“

Feste Rituale helfen auf dem Weg zur Normalität

Um diese Kraft der Rituale, die Vertrauen ins Leben schenken, weiß auch Ute Schlierbach. „Der Mann konnte nach seinem Herzinfarkt nichts, außer auf dem Rücken liegen“, sagt sie. „Aber wir haben versucht, unsere Rituale beizubehalten. So gehen wir, seit wir uns kennen, jeden Freitagabend essen. Also habe ich während der Reha-Zeit freitags zu Hause gekocht, und wir haben in der Klinik auf dem Balkon gegessen.“

Auch das Reisen lassen sich Ute und Albert Schlierbach nicht nehmen. „Wir fliegen jedes Jahr in die USA unsere Cowboy-Freunde besuchen, das ist auch so ein Ritual. Mit einem speziellen Handikap-Service für Flug und Hotel geht das alles.“ Natürlich weiß das Paar, dass solche exklusiven Möglichkeiten nicht selbstverständlich sind. Doch für Schlierbach geht es um die innere Stärke. Zwar brauche er bei diffizilen Arbeiten wie dem Schuhebinden noch Hilfe. Und er habe nach wie vor Schmerzen, die wohl auch nie wieder ganz weggehen. „Aber es gibt immer einen Weg“, ist Schlierbach überzeugt. „Man sollte sich nie unterschätzen.“

„Born in the Hinterland“ – eine Autobiografie„Ohne den Infarkt wäre ich nicht zum Schreiben gekommen“, sagt Albert Schlierbach. Aus seinen Lebensaufzeichnungen zu Therapie-Zwecken hat der 65-jährige Nidderauer ein Buch gemacht – und gleich eine neue literarische Form erfunden, den Didaktoliber. „Ein Didaktoliber ist ein Buch, welches ein Bindeglied zwischen virtueller und analoger Welt werden soll, also etwas, das die reale Welt mit der Computerwelt verbindet“, beschreibt Schlierbach in seiner Biografie. Passend zu seinen Lebenserinnerungen lässt er Einträge aus dem Internetlexikon Wikipedia einfließen, die Hintergründe der Zeitgeschichte oder einzelne Stichwörter erklären, die Schlierbach verwendet. Inzwischen hat der Freigeist zudem einen Mittelhessenkrimi fertiggestellt. Auch ein Science-Fiction-Heimatroman und ein Kinderbuch hat er schon vor Augen. Seine Biografie „Born in the Hinterland. Aufgeben war nie eine Option – ein Didaktoliber“ ist im Niddataler Morlant Verlag erschienen und für 14,90 Euro erhältlich. ISBN 978–3–947012–03–9. jow›› morlant-verlag.de

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