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Messerattacke: Justiz lässt Verdächtigen laufen

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Der Haftbefehl gegen den mutmaßlichen Messerstecher Abdulahi wurde aufgehoben, seitdem ist er auf der Flucht. Vor dem Hanauer Landgericht ließ sich der Angeklagte auch nicht mehr blicken – schon gar nicht freiwillig. Archivfoto: Becker
Der Haftbefehl gegen den mutmaßlichen Messerstecher Abdulahi wurde aufgehoben, seitdem ist er auf der Flucht. Vor dem Hanauer Landgericht ließ sich der Angeklagte auch nicht mehr blicken – schon gar nicht freiwillig. Archivfoto: Becker

Nidderau. Er soll versucht haben eine Frau mit einem Messer zu töten: Doch die Justiz ließ den Verdächtigen laufen - und er floh. Schon zum zweiten Mal.

Von Dieter A. Graber

Abdulahi wird es wohl kaum haben fassen können: Sie ließen ihn laufen. Einfach so! Als sich die Tore der JVA Frankfurt, wo er monatelang in Untersuchungshaft gesessen hatte wegen eines versuchten Totschlags, für ihn öffneten und er wieder die Luft der Freiheit schnuppern konnte, begab er sich zum zweiten Mal auf die Flucht.

„Nix wie weg“, mag er sich gedacht haben, und irgendwie können wir ihn ja verstehen, den Mann aus Somalia, der so gern ein Eritreer wäre. Es geht um ein Messer, mit dem Abdulahi in der Nacht des 1. September nahe dem Bahnhof von Windecken versucht haben soll, Maria M. aus Pakistan zu töten. Wir berichteten darüber.Seltsames Messer Sie saß auf dem Beifahrersitz des VW Polo, neben ihrem Mann Waquas, der das Seitenfenster rechts geöffnet hatte, um mit dem vermeintlichen Anhalter ins Gespräch zu kommen. Laut Anklage fuchtelte der plötzlich mit diesem Messer herum, nach Marias Oberkörper zielend.Eine seltsame Tat, so ganz ohne einleuchtendes Motiv. Und was für ein seltsames Messer erst; vom Griff bis zur Spitze elegant in S-Form geschwungen und an einen Dolch erinnernd, ist es in deutschen Küchen eigentlich nicht heimisch. In eritreischen vielleicht?Ein Messer? Iwo! Der seinerzeit etwas bierselige Abdulahi war nämlich zuvor Gast in einer Nidderauer Unterkunft gewesen, wo zahlreiche Flüchtlinge aus dem kleinen Land im nordöstlichen Afrika eine Bleibe gefunden haben. Die Staatsanwaltschaft ermittelte dann noch ein wenig nach, aber die dortigen Kochgelegenheiten wiesen auch keine solchen Schneidewerkzeuge auf.Abdulahi sagte am ersten Verhandlungstag, er habe die Wageninsassen doch nur per Handschlag begrüßen wollen. Ein Messer? Iwo! Auch Maria erinnerte sich plötzlich nicht mehr daran, wohl aber noch an die zärtlichen Finger des Abdulahi auf ihrer Wange. Eine verrückte Geschichte. Wie kann so etwas ein Aktenzeichen (1Ks 3325 Js 14796/16) kriegen und vor einer deutschen Strafkammer landen?

Waffe erst später gefundenTatsächlich wollen Maria und Waquas die angebliche „Tatwaffe“ erst viel später im Fußraum des Autos gefunden haben. Erst da sei ihnen die Brisanz des Vorfalls klar geworden. Der Polizei hatten sie zuerst aber eine andere Version erzählt, nämlich die spektakulärere von der Messerattacke durch das geöffnete Fenster. Könnte es vielleicht sein, dass die beiden die ganze Geschichte. . .Nun, natürlich glauben wir das nicht! Aber dass der Angeklagte neben ein paar Dosen Bier, Windeln für sein Baby und Haarpflegemittel für die Ehefrau in jener Nacht auch einen Dolch in seiner Plastiktüte spazieren führte, das würden wir keinem Krimidrehbuchautor ohne weiteres abkaufen. Und weil es die 1. Große Strafkammer auch nicht tut, wurde der Haftbefehl gegen Abdulahi aufgehoben.Angeklagte kommt nichtRichter Peter Graßmück gibt dann noch mal den Hinweis, es könne sich auch um den Straftatbestand der Bedrohung, der Nötigung oder der Beleidigung handeln, aber auf sowas steht ja höchstens ein Jahr. Die U-Haft hatte schon sechs Monate gedauert.„Wir hegten die Illusion, dass er heute trotzdem kommt“, sagt der Vorsitzende, aber natürlich lässt sich der Angeklagte nicht mehr freiwillig blicken vor der deutschen Justiz. Abdulahi aus Mogadischu, Vater von angeblich sechs Kindern, der sich gern als Eritreer ausgibt, vielleicht, weil es dann leichter wäre, Asyl zu bekommen, ist untergetaucht.Alle waren umsonst daSie warten alle umsonst, das Gericht, Verteidiger Oberländer, Gutachter Klimke, Staatsanwältin Fauth. . . Richter Peter Graßmück legt ihr nahe, den Fall „auf dem Dezernatswege“ zu erledigen. Sprich: Einstellung des Verfahrens.Nachtrag: Eritrea wird als „Nordkorea Afrikas“ bezeichnet. Es gibt dort weder Meinungs- noch Versammlungs- noch Pressefreiheit. Der falschen Religion anzugehören bedeutet bereits Gefängnis. Und wer da erst mal gelandet ist. . . Abdulahi hat nun den Vorteil einer auf rechtsstaatlichen Prinzipien beruhenden Justiz kennengelernt. Auch schön, oder?

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