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Als ob es gestern gewesen wäre: Franz Seib kann sich auch an Details dieser unheilvollen Zeit erinnern. „Es ist gut, dass ihr jetzt darüber berichtet und wir nicht in Vergessenheit geraten“, sagt der 92-Jährige im Interview mit Redakteur Holger Weber-Stoppacher.

Themenschwerpunkt: Zeit zum Erinnern

Franz Seib entkam dem Bombeninferno in der Nürnberger Straße nur ganz knapp

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75 Jahre ist es her, dass der heute in Nidderau lebende Franz Seib die Bombardierung Hanaus überlebt hat. Trotzdem hat er noch deutliche Erinnerungen an den 19. März 1945.

 „Alles runter in den Keller.“ Die lauten Schreie aus dem Treppenhaus klingen Franz Seib noch im Ohr. Er hatte geschlafen „wie ein Ratz“, oben im zweiten Stock. Die ersten Bomben, die in der Stadt eingeschlagen waren, hatte er nicht bewusst mitbekommen. Erst die vertraute Stimme des Vaters riss ihn aus dem Tiefschlaf. „Ich bin wie im Flug die Treppen runtergerannt“, erinnert er sich. Kaum hatte er die schwere Eisentür des Kellers hinter sich zugeschlagen, da gab es über ihm einen gewaltigen Rumms. Volltreffer. Das Haus an der Nürnberger Straße, das einstige Wiener Café, das seine Familie in Hanau führte, war nur noch ein Haufen Schutt. Im Keller kauerten seine Eltern und die Großmutter dicht beieinander. 

„Ich war dem Tod nur um Sekunden entronnen“, sagt Seib bedächtig. Als er das erzählt, sitzt er am Esszimmertisch seiner Wohnung in Windecken, er ist jetzt in seinem 93. Lebenjahr. Von damals ist ihm nichts geblieben. Keine Kinderfotos, keine Bilder vom Café, in dem der damals 17-Jährige am Nachmittag aushalf, wenn er seine Schicht als Betriebselektriker bei Heraeus beendet hatte. „Es ist alles verbrannt“, sagt Seib. Eine Milchkanne war das einzige, was er aus den Trümmern retten konnte. Dass er an jenem 19. März, einem Montagmorgen, überhaupt zu Hause war, ist dem Umstand geschuldet, dass er am Freitag davor aus der Wehrmacht desertiert war. Einfach ausgebüchst. Zusammen mit einem Kumpel aus Steinheim. „Sein Name war Hans Stenger“, erinnert sich Seib. 

Seib war in Fulda stationiert gewesen

„Wir hatten gehört, dass die Amis schon vor Frankfurt stehen, was sollte das also alles noch?“ Seib war von der Wehrmacht bereits 1943 eingezogen worden. Da war er noch nicht einmal 16. „Die Verbrecher hatten mich in meinem Ausweis einfach drei Jahre älter gemacht“, sagt er und zieht das Dokument, einen Mitgliedsausweis der Arbeitsfront, aus einer Klarsichtfolie. Die Mutter hatte den Pass an jenem Montagmorgen, als Bomben über Hanau herniedergingen, in ihre Handtasche gesteckt, bevor sie im Kellerraum Schutz suchte. 

Vor den Flammen gerettet: Seine Mutter hatte sein Mitgliedsbuch der Deutschen Arbeitsfront in ihre Handtasche gesteckt, bevor sie in den Keller lief.

Seib war an der Flak ausgebildet worden und in Fulda stationiert gewesen. Er erinnert sich daran, wie er und sein Steinheimer Kamerad in der Nürnberger Straße ankamen. Sein Vater stand vor der Haustür. „Ja seid ihr noch zu retten?“, habe der Vater mit angsterfüllter Stimme gesagt. „In Mainz haben sie die Hitlerjungen reihenweise aufgeknüpft, weil sie geflohen sind“. Und dann mussten sie ihm an Ort und Stelle versprechen, dass sie gleich am Montag zurückfahren und sich in Fulda zum Dienst zurückmelden würden. Dazu ist es dann nicht mehr gekommen, weil die Stadt und auch der Bahnhof im Morgengrauen des besagten Montag von den britischen Bombern in Schutt und Asche gelegt wurden. Aus dem verschütteten Keller retteten sich Franz Seib, seine Eltern und die Großmutter durch einen Durchbruch in den benachbarten Keller der Metzgerei Viehmann. Die Keller waren damals alle durch einen Durchbruch verbunden. Das war Vorschrift. „Uns hat dies das Leben gerettet“. 

Schmerzhafte Erinnerungen an die Bombardierung Hanaus

Dass im gleichen Keller, durch den sie geflüchtet waren, der Metzger, seine Frau und auch der Sohn verbrannten, das sollte Seib erst vier Wochen später erfahren, als er mit seinem Vater an die Nürnberger Straße zurückkehrte, um den Zugang zum Keller freizuräumen. „Sie waren nur noch Asche und saßen dicht beieinander.“ Selbst einen Monat nach dem Angriff sei es in der Trümmerwüste, die einmal Hanau war, unerträglich heiß gewesen. Förmlich eingebrannt in seine Erinnerung haben sich die Bilder von den Toten. Im Keller eines Hauses saßen sieben Körper regungslos. „Ihnen war die Lunge geplatzt.“ 

Auch einen ihm bekannten Friseur kann er nicht aus seinen Erinnerungen löschen. „Er trug seinen toten elfjährigen Sohn durch die Straßen.“ Die Seibs schlugen sich durch zur Verwandtschaft nach Windecken. Die Eltern flüchteten über Kesselstadt und Mittelbuchen. Der 17-jährige Franz eilte zunächst ins Lamboy-Viertel, um seine Tante zu holen. Weil sie nicht mehr gut zu Fuß war, setzte er sie in einen Fahrradanhänger und schob das Vehikel bis nach Windecken. Seib hat in den Jahren nach dem Krieg viel erlebt. Er hat für eine Frankfurter Firma Schuhfabriken in der ganzen Welt gebaut, war allein elf Jahre in Libyen und Algerien. Er hat Arabisch, Französisch und Englisch gelernt. Und dennoch haben die Bomben auf Hanau sein Leben geprägt. „Es ist gut, dass ihr jetzt darüber berichtet“, sagt er. „Es ist gut, dass unsere Generation und das, was wir im Krieg erlebt haben, nicht in Vergessenheit geraten.“

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