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Lehrer Kai Erchinger von der Bertha-von-Suttner-Schule Nidderau über Corona und Sozialverhalten

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Die Bertha-von-Suttner-Schule in Nidderau-Heldenbergen.
Die Bertha-von-Suttner-Schule in Nidderau-Heldenbergen. © Archivfoto: Dagmar Gärtner

Kai Erchinger, Lehrer an der Bertha-von-Suttner-Schule, spricht über Mobbing im besonderen und die Situation an den Schulen im Allgemeinen. Er sagt, dass Mobbing ein fortschreitender Prozess ist, der sich teilweise verstärkt hat, zum einen durch Corona, der aber auch gesellschaftlich bedingt ist durch die Nutzung sozialer Medien, wo viele Konflikte immer weiter aufbrechen.

Nidderau – Schüler interessierten sich besonders für die bildnutzenden Medien wie Instagram. Dort würden auch Beleidigungen geäußert und es schaukele sich hoch, weil Vieles nicht mehr verbal kommuniziert werde. Vieles wird durch Bildchen zweideutig kommuniziert und viele Schüler wissen nicht mehr, was die Bilder tatsächlich bedeuten. Dadurch kämen Missverständnisse zustande.

Die Corona-bedingte Vereinsamung der Schüler und die gesteigerte Nutzung sozialer Medien haben aus Sicht von Kai Erchinger das Mobbing verstärkt.
Die Corona-bedingte Vereinsamung der Schüler und die gesteigerte Nutzung sozialer Medien haben aus Sicht von Kai Erchinger das Mobbing verstärkt. © Georgia Lori

Die Mediennutzung habe sehr zugenommen, gerade in Zeiten von Corona, basierend auf der Vereinsamung und Isolation der Schüler. Leider sei die Mediennutzung nicht mehr rückläufig, obwohl mittlerweile weitgehend eine gesellschaftliche Öffnung erfolgt sei. „Diese Vereinsamung spielt eine ganz große Rolle“, glaubt Erchinger. Durch Corona seien persönliche Begegnungen sehr stark unterbrochen worden. Kontakte würden über soziale Medien gepflegt.

Vereinsamung erhöht Mediennutzung

Es zeige sich eine Entwicklung, auch bei den Erwachsenen, wo jeder ein bisschen Einzelkämpfer werde. Jeder nehme sich selbst als das wichtigste Individuum wahr und stelle seine eigenen Bedürfnisse in den Vordergrund. Diese Entwicklung bedienten die neuen Medien in enormer Art. Wenn man den Computer starte oder das Smartphone anmache, gebe es sofort eine Rückmeldung. Wünsche würden ohne Wartezeiten erfüllt.

Sorge bereitet Erchinger auch die mangelnde Fürsorge der jüngeren Generation gegenüber der älteren. Dieses große Problem müsste gesamtgesellschaftlich in die Hand genommen werden, weil auch die Erwachsenenwelt inzwischen mit entsprechendem Beispiel vorangehe und auch dort diese Selbstbezogenheit sehr verbreitet sei.

Zu große Klassen, zu wenig Lehrer

Eine weitere enorme Herausforderung seien die geflüchteten ukrainischen Kinder. „Da muss seitens der Politik mehr geschehen als nur warme Worte. Die Schulen müssen in jederlei Hinsicht besser ausgestattet werden“, sagt Erchinger. Die Klassen müssten generell verkleinert werden. Aktuell könnten nicht einmal die vorhandenen Klassengrößen gestemmt werden. Zu wenig Lehrpersonal komme nach, um nur die Klassengrößen zu erhalten. Die Anzahl der Lehrer müsste fast verdoppelt werden. Im Augenblick werde versucht, die Stellen irgendwie zu besetzen, größtenteils mit Zeitverträgen. Es kranke an der Besetzungszahl und der Besetzungsqualität.

In Bezug auf das Homeschooling zu Corona-Zeiten, hätten die Kinder zudem Schwierigkeiten, Dinge aufzuholen, sowohl im fachlichen als auch sozialen Bereich. Bei fehlendem familiären Rückhalt könnten die Schulen mit ihrer derzeitigen Ausstattung kaum darauf reagieren.

Schulsozialarbeit hilft an der „Bertha“

„Viele Schüler haben zwei Jahre ihrer Kindheit zum großen Teil tatsächlich versäumt“, sagt Erchinger. Bestehende Defizite hätten sich verstärkt. Prinzipiell müsste eine Aufwertung aller erzieherischen Berufe erfolgen, da dies das Fundament der nachfolgenden Jahrzehnte sei, auch für die weitere politische Entwicklung. In den Schulen selbst fehle es an funktionierenden Heizungen, Isolationen, dichten Dächern. „Die Situation an den Schulen ist ein Desaster, beschämend“, sagt Erchinger. Es müsste eine Neubewertung der finanziellen Situation und des Einsatzes auch der materiellen Möglichkeiten erfolgen. Die Ausbildung müsste entsprechend verändert werden und die Struktur in den Klassen sowie die gesamte Schulorganisation.

An der Bertha-von-Sutter-Schule sei zum Glück die Schulsozialarbeit eingebunden. Konflikte nähmen in der Gesellschaft zu. „Wir müssten viel mehr investieren in die nachfolgenden Generationen, dass diese in der Lage sind, die Probleme, die wir zurückgelassen haben, zu lösen“, sagt Erchinger. (Von Georgia Lori)

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