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Kirche soll nicht beliebig sein

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These 82 von Luther lautet: „	Zum Beispiel: Warum räumt der Papst das Fegfeuer nicht aus um der heiligsten Liebe willen und wegen der höchsten Not der Seelen als dem berechtigtsten Grund von allen, wenn er doch unzählige Seelen loskauft wegen des unseligen Geldes zum Bau der Basilika als dem läppischsten Grund.“ Vor dem neuen Windecker Gemeindehaus steht die Interpretation des Kirchenvorstandes für die heutige Zeit. (Foto: PM/Pauly)
These 82 von Luther lautet: „ Zum Beispiel: Warum räumt der Papst das Fegfeuer nicht aus um der heiligsten Liebe willen und wegen der höchsten Not der Seelen als dem berechtigtsten Grund von allen, wenn er doch unzählige Seelen loskauft wegen des unseligen Geldes zum Bau der Basilika als dem läppischsten Grund.“ Vor dem neuen Windecker Gemeindehaus steht die Interpretation des Kirchenvorstandes für die heutige Zeit. (Foto: PM/Pauly)

Nidderau. Vor 500 Jahren hat Martin Luther mit seinen 95 Thesen die Reformation ausgelöst – eine der größten religiösen, politischen und gesellschaftlichen Umwälzungen der Menschheitsgeschichte. Doch welche Bedeutung haben Luthers Aussagen für die Christen heute?

Von Jan-Otto Weber

Mit dem Projekt „Nidderauer 95 Thesen“ haben die evangelischen Kirchengemeinden in den fünf Stadtteilen versucht, diese Frage zu beantworten.

Seit dem Reformationstag sind sie in der ganzen Stadt zu sehen: die Tafeln mit den 95 Nidderauer Thesen. Verschiedene Gruppen der evangelischen Gemeinden Nidderaus wie Kirchenvorstände, Konfirmanden, Posaunenchor oder Frauenkreis haben sich über Monate mit Luthers 500 Jahre alten Aussagen beschäftigt und sie in die heutige Zeit übertragen. Auch Christen, die an keine Gemeindegruppe angeschlossen sind, darunter auch Katholiken, haben an diesem Projekt mitgewirkt – insgesamt etwa 100 Personen.

Inhaltliche theologische Auseinandersetzung

„Wir wollten Abweichen vom Event-Jahr zum Reformationsjubiläum, in dem Luther fast schon als Pop-Figur dargestellt wird“, erklärt der Ostheimer Pfarrer Lukas Ohly. „Stattdessen haben wir eine inhaltliche theologische Auseinandersetzung gesucht. Und zwar nicht nur von uns Pfarrern als Fachleuten, sondern ganz im Sinne Luthers mit allen, die sich dafür interessieren.“

Luthers 95 Thesen waren ursprünglich als Diskussionsvorschlag für eine Podiumsdiskussion seiner Zeit gedacht. Stattdessen wurde er von der Obrigkeit verfolgt. „Luther wollte eine Disputation über die Missstände in der Kirche führen. Das holen wir jetzt nach“, so Ohly. „Dabei sind wirklich streitbare Thesen herausgekommen. Für einige war es gar nicht so einfach jemanden zu finden, der bereit war, sie an sein Haus zu hängen.“

Intensiven Sitzungen und Diskussionsrunden

Luther wollte die Befreiung der Christen von religiöser Bevormundung. In diesem Sinne waren die Pfarrer in den Gemeinden zwar für die Arbeitsgruppen ansprechbar und lieferten das Handwerkszeug zur Textanalyse und der Klärung von Begriffen wie Fegefeuer oder Buße bei Luther. Inhaltlich aber haben die Gruppen eigenständig ihre Thesen erarbeitet.

Zwei Beobachtungen hat Pfarrer Ohly in den vielen intensiven Sitzungen und Diskussionsrunden gemacht, in denen um Interpretationen und Formulierungen gerungen wurde: „Martin Luther ist uns evangelischen Christen doch fremd geworden. Er hat sich mit Themen beschäftigt, die uns fremd sind. Er hat Autoritäten bekämpft, die wir heute nicht mehr haben. Und er hat Ansichten gehabt, die wir nur unter größter Mühe überhaupt verstehen können.“

Thesen in Gottesdiensten vorgestellt

Die zweite Beobachtung hat den Theologen überrascht. „In fast allen Nidderauer Gruppen ist man sich einig gewesen, dass Luther in einem Punkt Recht hat: Menschen können nicht über die Gnade Gottes entscheiden. Und auch die Kirche, die Gemeinschaft der Christen, kann nicht im Namen Gottes verzeihen, wenn jemand schuldig geworden ist. Wir sollen demütiger sein, als dass wir freigiebig das schwere Gewicht von Schuld und Verfehlung im Namen Gottes erleichtern.“

In den Gottesdiensten zum Reformationsfest wurden die Thesen am Dienstag vorgestellt. Ab heute können sie auf Rundwegen durch jeden der fünf Stadtteile entdeckt werden. Nun sind Ohly und die Arbeitsgruppen auf die Reaktionen aus der Bevölkerung gespannt.

"Es sind keine antikatholischen Thesen dabei"

„Vielleicht werden die Thesen provozieren, verärgern, Leserbriefe nach sich ziehen oder aber auch ignoriert. Ich freue mich auf jeden Fall über Rückmeldungen. Denkbar wäre, dass wir die Reaktionen sammeln und wiederum veröffentlichen und diskutieren. Es ist ein offener Prozess.“

Eines ist für Pfarrer Ohly dabei jedoch von großer Bedeutung. „Es sind keine antikatholischen Thesen dabei. Luther selbst war katholisch und wollte auch nichts anderes sein. Er wollte aber die Kirche erneuern. Mir ist wichtig, dass der Diskurs dazu auf einer sachlichen Ebene ohne Verletzungen geführt wird.“

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