Julian (links) und Reiner Jost sehen für den Ostheimer Laden keine Perspektive mehr. Foto: J. Weber

Nidderau

Keine Zukunft: Metzgerei Jost verlässt nach 180 Jahren Ostheim

Nidderau. Es ist eine Nachricht, die zu denken gibt: Nach 180 Jahren bricht die Metzgerfamilie Jost ihre Zelte an der Sepp-Herberger-Straße in Ostheim ab. Am 15. Dezember wird der Laden zum letzten Mal öffnen.

Von Jan-Otto Weber

Der komplette Familienbetrieb samt Wohnhäusern soll verkauft werden, Juniorchef Julian Jost will sich neben der Verkaufsstelle in Heldenbergen ganz auf die Niederlassung Langenselbold konzentrieren. Hauptgrund ist der Umsatzrückgang, wie der 28-Jährige dem HANAUER ANZEIGER erklärt. Dabei erhebt er auch Vorwürfe gegen die Stadt.

„Es fing damit an, dass wir damals gern einen Laden im Nidder Forum eröffnet hätten“, erzählt Julian Jost bei einem Treffen in der Langenselbolder Niederlassung des Familienbetriebs. „Aber der Laden, den man uns angeboten hat, war mit 300 Quadratmetern Verkaufsfläche viel zu groß, zumal wir als Auflage wegen des neuen Rewe-Centers keine Wurst- oder Fleischwaren hätten verkaufen dürfen. Warum hat man bei der Vermarktung nicht mehr Rücksicht auf ortsansässige Unternehmen genommen, die hier seit Jahrzehnten ihre Gewerbesteuer zahlen?“, fragt Jost.

Umsatz ist geschrumpft

Auch die Umgehungsstraße habe dazu geführt, dass der Umsatz im Laden an der Ostheimer Sepp-Herberger-Straße geschrumpft sei. „Was gut für die Anwohner ist, war schlecht für uns“, beschreibt Jost. „Der Verkehr ging deutlich zurück. Wir haben weniger Handwerker oder Laufkunden, die oft spontan bei uns gehalten haben.“ Auch die Straßensperrung zwischen Ostheim und Windecken wegen einer Kanalsanierung beeinträchtigte das Geschäft.

Am meisten ärgert sich die Familie allerdings darüber, dass plötzlich die beiden Kitas an der Allee Süd und Allee Mitte als Kunden ausgeblieben sind. „Es gab zwar keine schriftlichen Verträge, aber wir haben die Küchen der beiden Einrichtungen über Jahre beliefert und auch Prozente gewährt“, schildert Julian Jost. Auf Vorgabe der Stadt hätten die Kitas ihre Waren dann aber überraschend von Rewe bezogen. „Mit uns hat niemand gesprochen. Da habe ich mich veräppelt gefühlt“, sagt Jost. „Das ist doch kein aufrichtiger Umgang miteinander, wenn man so lange zusammengearbeitet hat.“

Immerhin sei die Kita Allee Mitte inzwischen wieder als Kunde zu Jost zurückgekehrt, weil der Elternbeirat „auf die Barrikaden“ gegangen sei. Alles in allem sei der Umsatzrückgang jedoch zu drastisch. „Das ist ein einfaches Rechenexempel“, sagt Jost. „Nur der Tradition halber kann man das nicht durchboxen. Es ist keine Entscheidung gegen die Kunden, aber wir sehen in Ostheim keine Zukunft mehr.“

Es ist ein weiteres Kapitel im allgemeinen Strukturwandel, der Nidderau erfasst hat. Zum Jahresende wird in Erbstadt Helga Rupp ihren Dorfladen schließen. Auch hier berichtet die Familie davon, dass die Stadt schon vor Jahren einer Entwicklung des Geschäfts Steine in den Weg gelegt habe. In Eichen ist von der einst intakten Infrastruktur nicht mehr viel übrig. Nachdem in Ostheim in jüngerer Vergangenheit unter anderem ein Blumenladen und eine Drogerie zugemacht haben, wird auch der örtliche Eissalon nicht mehr öffnen, sondern konzentriert sein Geschäft auf die Niederlassung in Karben. Die Post sucht derzeit in Ostheim eine neue Zweigstelle. Und nun macht auch noch die Metzgerei Jost in der Sepp-Herberger-Straße dicht.

Konkurrenz sei kein Grund

Mit der Konkurrenz im Ort, wo es zwei weitere Metzgereien mit Ladengeschäft und einen reinen Caterer gibt, habe der Umsatzrückgang nichts zu tun, so die Einschätzung von Julian Jost. „Jeder von uns hat seine Nische und seine Kundschaft“, so der Junior-Chef. „Das hat all die Jahre prima funktioniert.“

Die Entscheidung, den Sitz in Ostheim aufzugeben, hat sich die Familie nicht leicht gemacht. „Der Betrieb besteht seit 180 Jahren, ich und auch mein Vater sind hier groß geworden“, beschreibt Jost. Das etwa 1600 Quadratmeter große Gelände reicht von der Sepp-Herberger-Straße bis zum Bauhofgelände. In den letzten Jahren hat die Familie am Standort noch einmal kräftig investiert, um diverse EU-Normen zu erfüllen. Ein Teil des Wohnhauses im Hinterhof wurde weggerissen, eine neue Andockstation für Transporter und eine Hygieneschleuse errichtet. Auch neue Geräte wurden angeschafft.

„Die Produktion wird vorerst in Ostheim weiterlaufen, bis alles verkauft ist“, beschreibt Jost das weitere Verfahren. „Der Verkauf läuft über einen Makler. Ich werde mir über der Metzgerei in Langenselbold eine Wohnung einrichten. Meine Eltern wollen etwas weiter weg neu bauen.“

Der Abschied werde sicher schmerzhaft, deshalb wolle die Familie einen kompletten Schlussstrich ziehen. „Je eine Verkaufskraft wird nach Heldenbergen und nach Langenselbold wechseln. Die zwei anderen hatten ebenfalls ein Angebot von uns, haben aber schon einen neuen Job.“ Privat will Julian Jost den Kontakt nach Ostheim halten, wo er zum Beispiel bei den Kerbburschen aktiv ist.

Was die Infrastruktur angeht, sieht Jost harte Zeiten auf die Ostheimer zukommen. „Erbstadt war ja schon immer weit weg und in Eichen ist es auch Stück für Stück weniger geworden“, so seine Einschätzung. „Und jetzt ist auch noch Ostheim dran.“

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