Haben seit 15 Jahren Erfahrung mit sogenannten Listenhunden: die stellvertretende CDU-Fraktionsvorsitzende Ulrike Hübner und ihr Mann Ralf Pradella mit ihrem Hund Romeo, einem American Staffordshire Terrier Mix. Foto: Jan-Otto Weber

Nidderau

Halterin eines Listenhundes wehrt sich gegen Abgabe von 1200 Euro

Erhöhung der Steuersätze“erschien als reine Formalität. Die Stadtverordneten sollten in jener Sitzung am 28. November unter anderem darüber abstimmen, die Jahressteuer für die als gefährlich geltenden Listenhunde von 990 auf 1200 Euro anzuheben. Doch dann trat die CDU-Stadtverordnete Ulrike Hübner ans Rednerpult.

Von Jan-Otto Weber

„Ich oute mich mal: Mein Mann und ich sind Halter eines sogenannten Listenhundes“, eröffnete sie mit bebender Stimme. „Er heißt Romeo, saß sieben Jahre lang im Tierheim und in seinem Ausweis steht als Rasse 'American Staffordshire-Terrier-Mix'. Und ich verrate Ihnen noch etwas: Wir haben zwei Kinder! Sind wir denn komplett wahnsinnig? Nein, das sind wir nicht. Wir machen die Gefährlichkeit eines Hundes nicht an der Rasse fest, sondern am einzelnen Hund.“Mit einem Mal herrschte Spannung bei den Parlamentariern und den vielen Zuschauern, die an diesem Abend in die Kultur- und Sporthalle Heldenbergen gekommen waren.„Ich hatte fest damit gerechnet, dass mein Änderungsantrag in Bausch und Bogen abgeschmettert wird“, sagt Hübner einige Tage später, als sie sich gemeinsam mit ihrem Mann Ralf Pradella zum Gespräch mit unserer Zeitung trifft. Doch ihr emotionaler und sehr persönlicher Appell hinterließ Eindruck bei ihren Parlamentskollegen. Um es vorweg zu nehmen: Die Hundesteuersatzung soll im Haupt- und Finanzausschuss noch einmal beraten werden.

Jeder Hund kann auffällig werden

„Ich hatte mich im Nachhinein über meine zitternde Stimme geärgert“, gesteht die 49-Jährige. Denn auch wenn es ihr eine Herzensangelegenheit ist: Überzeugen möchte sie vor allem mit Argumenten.Ursprünglich seien einige der Rassen, die als Listenhunde geführt werden, tatsächlich einmal für Hundekämpfe gezüchtet worden, erklärt Hübner. „Da findet man also schon mal eine erhöhte Aggressionsbereitschaft gegenüber Artgenossen“, räumt sie ein. „Gegenüber Menschen aber eher im Gegenteil. Denn Tiere, die sich bei solchen Kämpfen gegen Halter, Zuschauer oder den Schiedsrichter wendeten, wurden umgehend getötet.“Grundsätzlich könne jeder Hund auffällig oder gefährlich werden, ist Hübner überzeugt. Und ihr Mann bestätigt: „Man muss als Halter seinen Hund verstehen und eben 'halten'. Dabei ist es für mich zum Beispiel mittlerweile einfacher, einen Hund wie unseren Romeo zu lesen, als etwa einen Schäferhund.“Hübner selbst wurde in ihrem Leben schon zweimal gebissen. „Beide Male als Kind von unserem Familienhund Wurzel“, lacht sie. „Es war ein Langhaardackel, und wir haben uns heiß und innig geliebt.“ Auch Pradella ist mit Hunden groß geworden. Und so achtet das Paar darauf, dass es seinen beiden Kindern im Alter von acht und zwölf Jahren den richtigen Umgang mit den Tieren beibringt.

„Es gibt einfach ein paar Regeln, die jeder Hundehalter beachten muss“, erklärt Pradella. „Allem voran, dass der Hund kein Spielzeug ist, man ihn nicht ärgern oder beim Fressen stören soll, oder ihn in Ruhe lässt, wenn er sich zurückzieht. Aber das trifft auf alle Hunde zu, egal welche Rasse.“Dennoch gelten für Listenhunde besondere rechtliche Verordnungen. Als Halter mussten Pradella, Hübner und alle anderen Bezugspersonen, die mit Romeo Gassi gehen, eine Sachkundeprüfung ablegen. Weitere Voraussetzungen für die Halter sind unter anderem ein einwandfreies polizeiliches Führungszeugnis, der Nachweis einer Haftpflichtversicherung und für den Hund selbst ein wiederkehrender Wesenstest.Doch trotz dieser klaren Regelungen müssen sich Halter von Listenhunden bis heute in der Gesellschaft rechtfertigen. Dabei zeigt die Statistik, dass 2016 und 2017 nur etwa jeder zehnte Beißvorfall in Hessen von Listenhunden verursacht wurde. Dagegen werden viel häufiger Schäferhunde auffällig.

Misstrauen gründet aus schrecklichen Vorfällen

Doch natürlich ist jeder Fall einer zu viel. Und das Misstrauen gegen Rassen wie Pitbull-Terrier oder American Bulldog gründet in schrecklichen Vorfällen. So hat ein Pitbull im Jahr 2000 in Hamburg-Wilhelmsburg einen sechsjährigen Jungen angefallen. Der Tod des kleinen Volkan schockte die ganze Nation und entfachte eine heftige Debatte um den Umgang mit sogenannten Kampfhunden.Tatsächlich wurde jener Pitbull namens Zeus von seinem Herrchen „trainiert“ und scharf gemacht. Sein Besitzer, Mitglied der kriminellen Szene, setzte ihn bei Hundekämpfen ein. Nach geltendem Recht hätte er den Hund also nie halten dürfen.Auch Hübner und Pradella hatten auf ihren Gassi-Runden durch Heldenbergen lange mit Vorbehalten zu kämpfen. Doch mittlerweile habe sich die Aufregung gelegt und auch die Medien würden differenzierter berichten.

Als sie sich vor 15 Jahren dazu entschieden, einen Hund aus dem Tierheim zu sich zu holen, hatten sie es nicht explizit auf einen Listenhund abgesehen. „Wir wollten den Hund mit den schlechtesten Vermittlungschancen“, erklärt Hübner. Und beim Anblick von Tim, einem American Staffordshire-Terrier, habe es „gefunkt“. Nach dem Tod von Tim kam Mogli, ein American Pitbull-Terrier, in die Familie. Und ihm folgte vor nun knapp drei Jahren Romeo, ebenfalls aus dem Tierheim.„Mit der Sondersteuer für korrekt angemeldete Listenhunde werden die falschen gestraft“, sind Hübner und Pradella, die beide in der IT-Branche tätig sind, überzeugt. „Denn es ist kein Problem, einen solchen Hund auch im Internet zu bestellen und auf einem Autobahnparkplatz in Empfang zu nehmen.“Auch in Nidderau gebe es etliche mehr als die vier offiziell angemeldeten Listenhunde, wie das Ehepaar von Spaziergängen weiß. „Manche Halter sind mit ihrem Hund nur in der Dunkelheit unterwegs“, meint Pradella. „Die laufen unter dem Radar der Behörden. Wenn man die Steuer immer weiter anhebt, bestärkt man diesen Trend nur.“

Nidderau an der Spitze

Nach Pradellas Recherche steht Nidderau in der Rhein-Main-Region mit 990 Euro Jahressteuer für Listenhunde auch ohne Erhöhung jetzt schon an der Spitze. Offenbach beispielsweise unterscheide nicht zwischen Listen- und „Normal“-Hund. Dort zahlen Hundebesitzer nur 90 Euro pro Jahr. Andere Kommunen wie Hanau hätten Härtefallregelungen.Deshalb fordert Hübner auch für Nidderau eine Satzung, die es Haltern von Hunden, die den sogenannten gefährlichen Rassen angehören, ermöglicht, von der erhöhten Steuer auf die normale Hundesteuer herabgestuft zu werden, etwa wenn sie eine Begleithundeprüfung ablegen, einen Hund aus dem Tierheim holen oder einen gültigen Wesenstest vorlegen.„Eine mit uns befreundete Polizistin, die sich seit vielen Jahren mit einem renommierten Tierschutzverein um Listenhunde kümmert, meinte: 'Schade, dass trotz der Verhaltensforschung im Jahr 2018 die Politik teilweise auf dem Stand von 2000 stehen geblieben ist.'“

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