+
Rassegeflügelzüchter und erfahrener Funktionär: Heinrich Menzel füttert den Hühnernachwuchs im auf 37 Grad erwärmten Käfig in seiner Zuchtanlage in Nidderau-Ostheim.

Gefahr, dass Züchter aufgeben: Rassegeflügelzüchter erwarten wegen der Pandemie „herbe Rückschläge“

  • vonThomas Seifert
    schließen

Mit einer Pandemie kennen sie sich aus, denn Anfang der 2000er-Jahre traf die Rassegeflügelzüchter die Vogelgrippe hart und erschütterte die Szene bis ins Mark.

Damals waren die Tiere die Notleidenden und wurden wochenlang in ihren Ställen eingesperrt, nun sind die Züchter diejenigen, denen Kontaktverbot, fehlende Fachgespräche, abgesagte Tierschauen und Ausstellungen gewaltig zusetzen. Für viele ein Grund, über die Fortführung des Hobbys ernsthaft nachzudenken. „In diesem Jahr haben wir bereits etwa 40 Prozent weniger Anforderungen von Registrierungsringen in Hessen. Das ist ein alarmierendes Signal und bedeutet, dass viele Kollegen ihre Züchtung zurückgeschraubt oder ausgesetzt haben“, untermauert Heinrich Menzel seine Sorgen, die Rassegeflügelzucht werde durch Corona einen herben Rückschlag erleben, mit Zahlen. 

Der Ostheimer weiß, wovon er spricht, denn er ist nicht nur erfolgreicher Züchter von verschiedenen Hühner- und Taubenrassen, sondern seit 40 Jahren als Funktionär aktiv. Er war 20 Jahre lang Vorsitzender des Landesverbands der Rassegeflügelzüchter Hessen-Nassau, ist dessen Ehrenvorsitzender und amtierender Vorsitzender des Bundeszuchtausschusses des Bunds Deutscher Rassegeflügelzüchter und zudem seit Jahrzehnten auch international als Preisrichter unterwegs. 

Menzel: Es gibt viele Kollegen, denen die Zucht sehr viel bedeutet

„Die Vogelgrippe war eine schlimme Pandemie mit Aufstallpflicht, Keulungen und vielen Restriktionen. Dabei gibt es bei den Rassegeflügelzüchtern strenge Vorschriften zur Registrierung der Tiere, Impfpflicht, Buchführung über Bestände, Gesundheits‧checks vor Ausstellungen und vieles mehr“, erinnert sich der 62-Jährige nicht gerne an ein dunkles Kapitel für die Rassegeflügelzucht. Damals hätten einige Züchter die Konsequenzen gezogen und ihrem Hobby den Rücken gekehrt, sprich ihre Tiere verkauft und die Zucht aufgelöst. 

„Für viele vor allem ältere Mitglieder in den Vereinen ist die Rassegeflügelzucht aber mehr als ein Hobby, sie ist eine sinnvolle Beschäftigung aus Freude an den Tieren, deren Aufzucht und Pflege. Es gibt viele Kollegen, denen die Zucht sehr viel bedeutet und einen wichtigen Platz im täglichen Leben einnimmt“, betont Menzel. 

Zuchtsaison dauert von Januar bis April beziehungsweise Mai

Wie in anderen Vereinen ruht bei den Rassegeflügelzüchtern aber derzeit das Vereinsleben, gibt es keine Monatsversammlungen mehr, ist fachlicher Austausch nur noch über Telefon möglich, können die Zuchtanlagen nur unter strengen Vorkehrungen und möglichst einzeln besucht werden, um nach den Tieren zu schauen, sie zu füttern und zu tränken oder mögliche Krankheiten festzustellen und zu behandeln. „Die Vorschrift fünf Quadratmeter pro Person und die Abstandsregel haben bereits jetzt zur Absage von vielen Veranstaltungen wie Jahreshauptversammlungen, Kreisversammlungen oder dem Landesverbandstag geführt“, berichtet der Züchter, der darauf hinweist, dass erschwerend hinzukommt, dass viele der Kollegen wegen der Altersstruktur zur Risikogruppe gehören. 

Die Zuchtsaison dauert bei den Rassegeflügelzüchtern von Januar bis April/Mai, kurz darauf beginnt der Reigen der ersten Jungtierschauen, die in diesem Jahr bereits abgesagt werden mussten. „Es gibt aber Vereine, die brauchen die Einnahmen aus solchen Schauen, um zu überleben. Teilnahmegebühren und die Verpflegung von Züchtern und Besuchern machen einen Großteil der Einnahmen aus, um die Unterhaltungskosten der Zuchtanlagen finanziell stemmen zu können. Auch viele Vereinsheime, die teilweise als zeitlich begrenzte Gastronomie geführt werden, sichern das finanzielle Überleben“, rechnet Menzel vor. 

Hühner und Tauben könnten das Corona-Virus nicht übertragen

Erschwerend komme hinzu, dass viele der Vereine wegen ihrer geringen Mitgliederzahl und der bürokratischen Hürden auf die Beantragung der Gemeinnützigkeit verzichtet haben, nun durch das Zuschussraster fallen und kein Geld vom Land oder Bund bekommen. 

„Das Friedrich-Löffler-Institut hat eindeutig festgestellt, dass Hühner oder Tauben das Virus nicht übertragen, wenigstens sind wir hier auf der sicheren Seite“, sieht der Züchter einen Silberstreif am Horizont. Allerdings nutze diese Feststellung nichts, wenn die jetzt anstehenden großen Schauen auf Lokal-, Kreis, Landes- und Bundesebene mit bis zu 100 000 Tieren nicht durchgeführt werden können. „Die Abstandsregeln lassen sich kaum realisieren, für die Landesschau müssten wir zum Beispiel eine Halle der Größenordnung der Frankfurter Messe anmieten – illusorisch. 

Nicht nur die Rassgeflügelzüchter seien von Absagen betroffen

Auch das gesellschaftliche Miteinander, der fachliche Austausch und der Kauf und Verkauf von Tieren auf solchen Schauen wären Stand heute nicht darstellbar“. betont Heinrich Menzel. Er sieht die reale Gefahr, dass Züchter aufgeben. „Wir brauchen dringend ein Signal von der Politik oder den zuständigen Veterinärämtern, dass solche Schauen in absehbarer Zeit mit umsetzbaren Vorschriften wieder möglich werden. Den Züchtern muss eine Perspektive gegeben werden, damit sie weitermachen. Denn die Kollegen stecken neben viel Zeit auch erhebliche finanzielle Mittel in ihre Zuchten“, stellt Menzel fest. 

In Richtung Verantwortlichen in den Vereinen richtet der erfahrene Funktionär den Appell, trotz der unklaren Situation weiter an der finanziell vertretbaren Planung von Schauen festzuhalten. „Absagen kann man immer noch kurzfristig. Aber eine frühzeitig abgesagt Veranstaltung doch noch stattfinden zu lassen, das geht in der Regel nicht“, weiß der 62-Jährige. Und es treffe ja nicht nur die Rassegeflügelzüchter, auch die anderen Kleintierzuchtvereine stünden von denselben Problemen, fügte Heinrich Menzel hinzu.

Das könnte Sie auch interessieren