Staatsmännisch: Bernd Reuter beim Besuch unseres Reporters, eine Woche vor seinem 80. Geburtstag. Zu seinem heutigen Ehrentag hat er jegliche Feierlichkeiten und Besuche aufgrund der Corona-Pandemie abgesagt. „Ich werde mit meiner Frau ein Glas Sekt trinken“, nimmt es Reuter gelassen. Vielleicht kocht sie ihm auch seine Leibspeise: „Worschtsupp, aber mit Mehlribbel.“
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Staatsmännisch: Bernd Reuter beim Besuch unseres Reporters, eine Woche vor seinem 80. Geburtstag. Zu seinem heutigen Ehrentag hat er jegliche Feierlichkeiten und Besuche aufgrund der Corona-Pandemie abgesagt. „Ich werde mit meiner Frau ein Glas Sekt trinken“, nimmt es Reuter gelassen. Vielleicht kocht sie ihm auch seine Leibspeise: „Worschtsupp, aber mit Mehlribbel.“

Politik im Großen und Kleinen gemacht

Ex-Bundestagsabgeordneter Bernd Reuter wird 80: „Ich war immer verliebt ins Gelingen“

  • Jan-Otto Weber
    vonJan-Otto Weber
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80 Jahre Bernd Reuter. 50 Jahre Nidderau. Zwei Jubiläen, die eng miteinander verbunden sind. Schließlich war es Reuter, der seinerzeit als junger Bürgermeister von Heldenbergen die Initiative zur Fusion mit Windecken zur Stadt Nidderau ergriff. Anlässlich seines 80. Geburtstages am 9. November blicken wir zurück auf eine Lebensspanne, die die jüngere deutsche Geschichte umfasst.

Nidderau - Die Ereignisse der letzten Kriegsjahre zählt Reuter zu seinen frühesten Erinnerungen. Zumindest die Ereignisse, die sich in der Burggasse in Heldenbergen abspielten, wo die Familie in kleinen Verhältnissen lebte. Der Vater war Maler, zeitweise arbeitslos. Noch zu NS-Zeiten wurde er Polizist, nach dem Krieg arbeitete er im Fernmeldewesen. Die Mutter war Verkäuferin beim „Konsum“. Die Oma hielt alles zusammen. Eine Großtante lebte mit im Haus. Die Familie hielt ein, zwei Schweine und ein bisschen Kleinvieh.

„An meinem vierten Geburtstag war das ganze Dorf geschmückt, mit Girlanden und Hakenkreuzfahnen“, erinnert sich Reuter. „Der 9. November war Nazi-Heldengedenktag. Aber meine Oma hat immer erzählt, der ganze Schmuck sei nur für mich. Das hat mir gefallen.“

Großvater war nach dem Zweiten Weltkrieg Bürgermeister von Heldenbergen

Reuters Großvater Adam Böhm, Polier beim Frankfurter Baukonzern Philipp Holzmann, war nach dem Krieg von den Amerikanern als Bürgermeister von Heldenbergen eingesetzt worden. „Wenn die Amis zum Essen bei uns waren, mussten mein kleiner Bruder Manfred und ich zur Sicherheit immer vorkosten“, erzählt Reuter amüsiert.

Aus Sicht späterer Generationen wirken solche Erzählungen weit weg – fast ein wenig skurril. Bernd Reuter ist für seine Anekdoten bekannt. An diesem Novembervormittag, bei Kaffee und Plätzchen im komfortablen Wohnzimmer seines selbst geplanten Hauses in Heldenbergen, sprudelt der frühere Bundestagsabgeordnete nur so über vor Lebenserinnerungen – im Großen wie im Kleinen.

Politische Laufbahn eigentlich nicht geplant

Dass er seinem Großvater beruflich und politisch nachfolgte, war nicht geplant, aber wohl auch nicht ganz zufällig. Reuter wollte gern Bauingenieur werden, hatte aber nur die Volksschule in der Mittelburg in Heldenbergen besucht. Also lernte er zunächst Betonbauer bei der Holzmann AG und machte dann die Aufnahmeprüfung für die Staatsbauschule in Frankfurt, die er mit gerade 21 Jahren mit dem Examen als Bauingenieur abschloss.

Schon in der Lehrzeit war er der Arbeiterwohlfahrt und der IG Bau-Steine-Erden beigetreten. Später vertrat er im Betriebsrat als Bauingenieur die Interessen der Arbeitnehmer. „Die damalige Kampagne ‘Samstags gehört Vati mir’ mit Einführung der Fünftagewoche und das 312-Mark-Gesetz zur Vermögensbildung von Arbeitnehmern fand ich gut. Ich dachte damals: ‘Den Leuten in der Gewerkschaft, denen muss man helfen.’“

Erstes Amt als Gemeindeschriftführer

Zu Hause in Heldenbergen ging indessen das Leben seinen Gang. Reuter engagierte sich bei zahlreichen Vereinen und pflegte die Geselligkeit. Um einem Bekannten einen Gefallen zu tun, übernahm der junge Bauingenieur Anfang der 60er Jahre auch das Amt des Gemeindeschriftführers, der für die Protokolle von Sitzungen und offiziellen Anlässen zuständig zeichnete.

So hielt er auch eine emotionale Auseinandersetzung zwischen SPD- und CDU-Vertretern bei einer Sitzung fest, zu der nicht alle Gemeindevertreter nüchtern erschienen waren. Als er in der folgenden Sitzung das Protokoll verlas, war die Empörung groß. „Sie wollten den kompletten Disput gestrichen haben“, so Reuter. „Natürlich habe ich diese Forderung auch wieder protokolliert.“

Am 15. Mai 1970 gratuliert Stadtverordnetenvorsteher Heinz Schön (links) dem ersten Nidderauer Bürgermeister Willi Salzmann (rechts) zu dessen Einführung. Bernd Reuter, bislang Bürgermeister von Heldenbergen, wurde mit 30 Jahren Erster Stadtrat.

Schließlich fügte sich der junge Gemeindeschriftführer aber der Forderung, die Seite aus dem Protokoll zu entfernen. „Ich habe sie dann später wieder hinten eingeklebt“, so Reuter. „Da ist die Seite heute noch im Archiv.“

Bürgermeister mit gerade einmal 25 Jahren

Dank seines beruflichen Sachverstands und seiner Schlitzohrigkeit im Umgang mit Behörden wurde Reuter zum Ratgeber für Bürgermeister Josef Appel und Strippenzieher der Gemeinde. So initiierte er die Aufstellung einer Abwassersatzung und brachte die Verwaltung auf Vordermann.

Und so kam es auch, dass die SPD ihn 1966 zum Bürgermeisterkandidaten machte. Im September, mit gerade 25 Jahren, gewann er die Wahl gegen einen Bruder seiner Schwiegermutter, der für die CDU angetreten war.

Gegen Karl Eyerkaufer als Bundestagskandidat durchgesetzt

Der Familienfrieden litt nicht nachhaltig. So wie Reuter auch später immer auf einen fairen und respektvollen Wettbewerb bedacht war. Etwa, als er Ende der 70er Jahre die parteiinterne Nominierung zum Bundestagskandidaten gegen Karl Eyerkaufer gewann und 1980 ins Bonner Parlament gewählt wurde.

„Dadurch erhielt der Main-Kinzig-Kreis später einen hervorragenden Landrat“, so Reuter. „Ich bin Charly auch sehr dankbar, dass er auf meine Bitte hin vor zwei Jahren den Vorsitz des Fördervereins der Maintaler DRK-Kleeblatt-Pflegeheime übernommen hat.“

An Fusion zur Stadt Nidderau entscheidend beteiligt

Ebenso hatte Reuter vor 50 Jahren bei der Fusion von Heldenbergen und Windecken zur Stadt Nidderau diplomatisches Geschick und Menschenkenntnis bewiesen. „Vor allem die Gemeinde Heldenbergen hatte damals kein Geld und das Land lockte im Fall einer Fusion mit Schlüsselzuweisungen. Also bin ich auf Willi Salzmann zugegangen.“

Sein Vorschlag: Salzmann als exzellenter Verwaltungsfachmann und der Ältere von beiden sollte Bürgermeister werden. Er selbst wollte wieder als Bauingenieur bei Holzmann anfangen. Schließlich wurde er von 1970 bis zu seiner Wahl in den Bundestag 1980 Erster Stadtrat von Nidderau.

Humor und Menschlichkeit zeichnen Reuter aus

Das kongeniale Duo – der Verwalter und der Kumpeltyp – brachte nicht nur die Entwicklung der jungen Stadt und die Eingemeindung von Erbstadt, Eichen und Ostheim voran, sondern erheiterte die Bürger auch in der Fassenacht als Plisch und Plum, in Anlehnung an den damaligen Finanzminister Franz Josef Strauß (CSU) und Wirtschaftsminister Karl Schiller (SPD) im Kabinett Kiesinger.

Ja, mir san mim Radl do: Reuter, der Mitglied beim Rad- und Kraftfahrerbund Solidarität war, gab anlässlich eines Sängerfestes eine Einlage.

Doch auch als er selbst Teil des Bonner Politikbetriebs wurde, bewahrte er sich seinen Humor und seine Menschlichkeit. Von einem Kuba-Besuch bei Fidel Castro berichtet Reuter: „Ich habe mich beeindruckt von seinem Palast gezeigt. Diese Art von sozialem Wohnungsbau hätte ich im Sozialismus gar nicht erwartet. Fidel reagierte gereizt und antwortete, den Palast hätte Diktator Batista gebaut, er wäre ja nur eingezogen.“

Heute unterstützt Reuter den SPD-Kandidaten Andreas Bär bei Babbelabenden mit seinen Anekdoten. Und er mahnt immer noch zur Fairness. „Man muss auch gute Ideen des politischen Gegners anerkennen“, sagt er. „Ich war immer verliebt ins Gelingen, wie man anderen helfen kann, damit etwas funktioniert.“ Ganz im Sinne Nidderaus.

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