Tatsächlich würde sich der Acker im Hintergrund für eine Erdaufschüttung anbieten, wie Thomas Bauer (Dritter von links) einräumt. Doch mit ihm und seiner Familie (von links: Schwiegersohn Kevin und Tochter Stefanie, Thomas Bauer mit Ehefrau Katja sowie Sohn Christian mit Ehefrau Jasmin und Töchterchen) hat bislang niemand gesprochen.
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Tatsächlich würde sich der Acker im Hintergrund für eine Erdaufschüttung anbieten, wie Thomas Bauer (Dritter von links) einräumt. Doch mit ihm und seiner Familie (von links: Schwiegersohn Kevin und Tochter Stefanie, Thomas Bauer mit Ehefrau Katja sowie Sohn Christian mit Ehefrau Jasmin und Töchterchen) hat bislang niemand gesprochen.

Lokalpolitik

„Erddeponie“: SPD-Politiker fürchten Belastungen – Familie Bauer sieht Neiddebatte und Wahlkampftaktik

  • Jan-Otto Weber
    vonJan-Otto Weber
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200 000 Lkw-Fahrten durch die enge Ortslage von Ostheim. Mit „Schwerlasttransportern“. Das ist das Szenario, das Ostheims Ortsvorsteher Klaus Mehrling (SPD) und SPD-Bürgermeisterkandidat und Fraktionsvorsitzender Andreas Bär Mitte letzter Woche per Pressemitteilung und via Internet verbreiteten. Sogar eine Online-Petition hat Bär bereits ins Leben gerufen.

Nidderau – Grund für diese enorme Zahl an Lkw-Fahrten (es wären theoretisch 548 täglich auf ein Jahr gerechnet) ist der angebliche Plan des Landwirts und Lohnunternehmers Thomas Bauer, der auch die Biogasanlage in Ostheim betreibt, auf einem Acker an der Landesstraße nach Marköbel – unweit seines Aussiedlerhofes – auf einer Fläche von zehn Hektar eine „Erddeponie“ anzulegen, wie Bär und Mehrling behaupten.

Die beiden SPD-Politiker berufen sich bei der Anzahl der Fahrten auf Schätzungen von nicht näher benannten Fachleuten. „Dies stellt eine unzumutbare Belastung für die Anwohner dar, die garantiert auch Straßenschäden zur Folge hätte. Die Erddeponie würde weitere zehn Hektar fruchtbaren Ackerboden zunichtemachen“, erklären Bär und Mehrling, der selbst einer von noch sieben Vollerwerbslandwirten in Ostheim ist. Außerdem drohe die Gefahr, dass die aufgefüllte Erde den Pfingstgrundgraben, der an die Fläche angrenzt, bei Starkregenereignissen zuschwemmen könnte.

Mittlerweile seien aufgrund der großen Bautätigkeiten in Deutschland Deponien zur Ablagerung der ausgehobenen Erde Mangelware, so Bär und Mehrling weiter. Wie das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ im Januar berichtet habe, könne allein der Abtransport des Erdaushubs eines Einfamilienhauses über 40 000 Euro kosten. Aus diesem Grund sei die Einrichtung einer solchen Deponie durchaus lukrativ.

„Obwohl die konkreten Pläne noch nicht in der Öffentlichkeit sind, finden wir es wichtig, schon jetzt auf das Thema aufmerksam zu machen“, so Bär, der vermutet, dass bereits erste Schritte eingeleitet wurden. „Die Entscheidung über die Einrichtung liegt nämlich nicht bei der Stadt und den politischen Gremien, sondern beim Regierungspräsidium Darmstadt. Die Stadt wird nur angehört, darf aber nicht mitentscheiden. Wir bitten daher die Bürgerschaft und die politischen Mitstreiter, sich unserem Anliegen anzuschließen und deutlich zu machen, dass wir keine solche Deponie in Ostheim wollen.“

Für Thomas Bauer grenzen diese Vorwürfe an Verleumdung. „Wir haben nirgendwo irgendeinen Antrag gestellt“, erklärt der 54-Jährige am Montag auf dem Pfingstweidenhof, wo er mit seiner Familie am Küchentisch zusammensitzt. „Bis vor fünf Tagen diese Behauptungen aufgekommen sind, hatten wir nicht einmal an eine Erddeponie gedacht. Die haben uns ja erst auf die Idee gebracht.“

Für die Bauers handelt es sich um eine reine Neiddebatte von Berufskollegen, die von SPD-Kandidat Bär zu Wahlkampfzwecken missbraucht wird. „Es ist eine Frechheit, so etwas bei Facebook zu veröffentlichen, ohne überhaupt mit uns zu sprechen“, kritisiert Sohn Christian Bauer. „Herr Bär hätte ja mal fragen können, bevor er sich so vor den Karren spannen lässt.“

Man habe den Acker seit 15 Jahren von einem Verwandten gepachtet, erklärt Thomas Bauer. Im November sei er ihnen dann zum Kauf angeboten worden. „Die Stadt hat von ihrem Vorkaufsrecht keinen Gebrauch gemacht“, so Bauer. „Dafür ist wenige Tage später der exakte Kaufpreis durch den Ort gegangen. Das kann nur aus der Magistratsrunde herausgetreten sein.“ Die ebenfalls kolportierte Summe von 600 000 Euro sei es allerdings bei Weitem nicht. Dennoch habe sich der Familienbetrieb für die Finanzierung „strecken“ müssen. „Natürlich wollten wir den Acker direkt vor unserer Haustür erwerben, um unsere Flächen rund um den Hof weiter zu arrondieren“, erklärt Bauer.

Auch die übrigen Vorwürfe kann Bauer nicht nachvollziehen. „In den 15 Jahren, die wir die Biogasanlage betreiben, sind vielleicht 20 Lkw von uns durch Ostheim gefahren. Damals hatten wir die gleichen Diskussionen. Wir weisen unsere Fahrer immer an, rücksichtsvoll zu fahren und Ortschaften zu meiden.“ So könnten Lkw von der B45 aus an Issigheim und Hirzbach vorbei an seinen Hof gelangen, ohne durch Ostheim fahren zu müssen. Zumal es sich nicht um Schwerlasttransporte handele, sondern um normal zugelassene 40-Tonnen-Lkw.

Sie wollen eine Erddeponie verhindern: SPD-Bürgermeisterkandidat Andreas Bär (rechts) und Ostheims Ortsvorsteher Klaus Mehrling (SPD).

„Davon abgesehen, wäre es sogar klimafreundlicher die Erde dort zu deponieren, wo sie ausgehoben wird“, argumentieren die Bauers. „Wo soll denn zum Beispiel der Aushub vom geplanten Baugebiet Mühlweide Richtung Windecken hin?“ Erde von Arbeiten am Frankfurter Flughafen würde teilweise bis Polen gefahren, berichten die Lohnunternehmer. Erde vom Stadtumbau in Bruchköbel würde nach Gießen gebracht.

Auch der Verlust von Ackerland sei so nicht richtig. Wenn etwas in Frage käme, dann wäre das eine Erdaufschüttung mit einwandfreiem untersuchtem Boden und keine Deponie, damit kein fruchtbarer Boden verloren ginge. „Dann würden wir den vorher abgetragenen Mutterboden am Ende wieder aufziehen, um die Fläche weiter bewirtschaften zu können“, beschreibt Thomas Bauer. „Das ist schließlich unser Kapital.“ Die Bodenerosion habe man durch bestimmte Anbaumethoden im Griff, so Bauer. Schließlich sei der Pfingstweidenhof auch „Leitbetrieb Schnittstelle Boden“ zur Weiterentwicklung im Boden und Gewässerschutz. „In den letzten 40 Jahren kann ich mich nur an ein Hochwasser erinnern, wo auch der Pfingstgrundgraben übergelaufen ist – wegen einem verstopften Einlass am Ortseingang.“

Alles in allem also eine schlüssige Gegenargumentation zu den Vorwürfen von Bär und Mehrling. „Wir haben uns eben in den letzten Tagen viele Gedanken gemacht“, so Bauer. Und käme denn nun eine Erdaufschüttung auf dem betreffenden Acker in Frage? „Wir hatten es nicht geplant“, versichert Bauer. „Aber ja, wir denken inzwischen darüber nach.“

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