Jörg Höhne ist seit dem Start des Förderkurses für junge Geflüchtete Ende 2015 dabei und sucht nun dringend weitere Mitstreiter. Foto: Thomas Seifert

Nidderau

Ehrenamtliche stehen jungen Geflüchteten mit Tipps zur Seite

Nidderau. Seit Ende 2015 kümmern sich engagierte Ehrenamtliche in einem Raum in der Bertha-von-Suttner-Schule um junge Geflüchtete. Sie helfen ihnen viermal die Woche über reine Nachhilfe hinaus, sich zu integrieren und in Deutschland zurecht zu finden.

Von Thomas Seifert

Die Arbeit der Ehrenamtlichen wird nicht weniger, sondern mehr und deshalb benötigen sie weitere Mitstreiter. Gerade erst haben einige der Schützlinge des Förderkurses die „Bertha“ in Richtung weiterführender Schulen zwecks Abitur verlassen. Nicht allen ist dieser Schritt – trotz guter Leistungen – leicht gefallen, denn die neuen Herausforderungen schreckten doch einige der jungen Menschen.

„Viele von ihnen waren jahrelang in Lagern und kannten Unterricht nicht einmal vom Hörensagen. Und trotzdem haben sie sehr schnell Deutsch gelernt und sich mit Feuereifer auf die Bildungsangebote gestürzt. Denn sie haben begriffen, dass man in Deutschland ohne eine gute Ausbildung nicht vorankommt“, berichtet Jörg Höhne, ein Mann der ersten Stunde.

Der gelernte Physiker betont im Gespräch mit dem HA, dass man für den Förderkurs keine pädagogische Ausbildung braucht, sondern die Fähigkeit, sich den jungen Menschen zu öffnen und Vertrauen zu ihnen aufzubauen. Von Beginn an gab und gibt es eine sehr enge Kooperation mit der Nidderauer Flüchtlingshilfe und wenn Probleme auftreten, für die die Ehrenamtlichen keine Lösung parat haben, stehen Experten bereit, um zu helfen.

Zunächst geht es aber beim Förderkurs, der von Schülern aller Altersstufen besucht wird, von Montag bis Donnerstag von 13 bis 15 Uhr vorrangig um schulische Aufgaben. „Es ist eine Mischung aus Nachhilfe und Erklärungen, wie die deutsche Gesellschaft funktioniert“, sagt Höhne. „Wird zum Beispiel im Unterricht von Organspendeausweisen gesprochen, haben die Kinder und Jugendlichen aus Afghanistan, Pakistan, Syrien oder Eritrea in ihrem Leben von solch einem Dokument noch nie etwas gehört.“ Man dürfe nie vergessen, dass sie aus einem völlig anderen Kulturkreis mit eigenem Sitten und Gebräuchen kämen, „die sich fundamental von denen in Europa unterscheiden. Das muss man dann erst mal erklären“, sagt Höhne.

Grundlagen erklären

Ein anderes Beispiel: Ein in Mathematik sehr gutes Mädchen sollte im Test die Neigung einer an eine Wand gelehnte Feuerwehrleiter berechnen. Sie war ratlos und löste die Aufgabe nicht, denn sie nahm das Wort „Feuerwehrleiter“ wörtlich und interpretierte es als Chef der Feuerwehr. „Wenn im Unterricht über Napoleon oder die Weimarer Republik gesprochen wird, verstehen die jungen Geflüchteten oft nur Bahnhof, denn in ihren Herkunftsländern hat man vom französischen Kaiser oder dem ersten demokratischen Deutschland noch nie etwas gehört. Da erklären wir dann Grundlagen, die den Schülern helfen, die Zusammenhänge einigermaßen zu verstehen“, sagt Höhne.

„Die jungen Menschen sprechen zwar fließend deutsch, aber eine Gedichtinterpretation in Hochsprache stellt sie dann vor eine schier unlösbare Aufgabe“, weiß Jörg Höhne. „Wir geben auch unsere Lebenserfahrung weiter, helfen mit Tipps und Ratschlägen, denn viele der Jugendlichen stammen aus bildungsfernen Familien, denen oft die Notwendigkeit einer soliden Ausbildung aufgrund der gesellschaftlichen Verhältnisse in ihren Herkunftsländern nicht bewusst ist“, verweist der Ehrenamtliche auf ein großes Problem bei der Integration.

Vermittlung von Schulstoff allein reicht nicht

Annette Gonschor ist Lehrerin an der Bertha-von-Suttner-Schule und unter anderem dort für Berufsorientierung zuständig, verweist im Gespräch aber ausdrücklich darauf, dass die ehrenamtliche Tätigkeit im Förderkurs nicht wegen ihrer pädagogischen Arbeit begründet ist. Sie, und eine weitere Lehrerin, die an einer Schule außerhalb von Nidderau unterrichtet, haben erkannt, dass allein die Vermittlung von Schulstoff oft nicht ausreicht, um die jungen Geflüchteten auf das Leben in Deutschland vorzubereiten.

Betreut werden die Kursteilnehmer entweder in kleinen Gruppen oder einzeln. „Die Jugendlichen kommen teilweise auf mich zu: Herr Höhne, können wir nicht auch am Freitag kommen – da kann man dann schlecht nein sagen“, stellt Höhne fest, der im Gegenzug auch schon viel von seinen „Schützlingen“ gelernt hat.

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