Tatort Bahnhofstraße: Im November hat ein 22-Jähriger zwischen Heldenbergen und Windecken einen angeblichen "Schuldner" mit dem Auto angefahren. Nun muss er sich vor dem Schwurgericht verantworten. Foto: Thorsten Becker

Nidderau

Drogenschuldner angefahren: "Joe" legt Geständnis ab

Nidderau/Hanau. Am ersten Verhandlungstag haben sich die Indizien verdichtet. Ein Leugnen scheint zwecklos. Bleibt „Joe“ (22) nur noch die Flucht nach vorn. Den guten Rat von Rechtsanwalt Michel Euler nimmt der Angeklagte an. Euler ist ein erfahrener Strafverteidiger.

Von Jasmin Jakob und Thorsten Becker

„Joe“ gesteht vor der 1. Schwurgerichtskammer am Hanauer Landgericht, im November 2018 Jahres einen 18-Jährigen in Windecken angefahren und verletzt zu haben.

Vor dem Haftrichter hatte sich das noch ganz anders angehört: „Ich habe damit nichts zu tun.“ Alle Vorwürfe verwies er ins Reich der Märchen, die Hauptbelastungszeugin, seine Ex-Freundin, wolle ihn „reinreißen.“

Doch „Joe“ ist nun wegen versuchten Mordes angeklagt. Zu Beginn des zweiten Prozesstags wendet sich das Blatt: Der Angeklagte lässt durch seinen Verteidiger ein Geständnis verlesen und schildert der Kammer unter dem Vorsitzenden Richter Dr. Peter Graßmück seine Version.

Eine Tötungsabsicht weist er vehement zurück: „Mein Plan war, dass er wegrennt.“ „Joe“ und sein Freund H. hätten dem 18-Jährigen einen „Denkzettel“ verpassen wollen. „Wir wollten ihm nur Angst einjagen“, relativiert er das Geschehen.

Schulden beim Freund

War der Hintergrund der Tat selbst für Staatsanwalt Dr. Alexander Voigt zunächst „reine Spekulation“, lichtet sich auch dort der Nebel: „I. hatte Schulden bei meinem Freund, so rund 200 Euro“, erklärt „Joe“.

Und es erhärtet sich der Verdacht, dass es sich dabei um illegale Drogengeschäfte gehandelt hat. Auf die Nachfrage von Graßmück antwortet der Angeklagte mit einem Grinsen: „Bücher waren das sicher nicht.“

Bereits zuvor habe sein Kumpel H. mehrfach versucht, die Schulden einzutreiben. Vergeblich. Daher sei an diesem dunklen Novemberabend ein Treffen mit I. am Heldenberger Bahnhof verabredet worden. „Wir wollten uns nicht schlagen, wir wollten nur das Geld.“

Als sie I. dann an der Bahnhofstraße zwischen Ostheimer Straße und dem Burgstück entdeckten, sei er selbst auf die Idee gekommen, dem „Schuldner“ einen Schrecken einzujagen. Von hinten hätten sie sich im „Schritttempo“ genähert, dann „den Motor aufheulen lassen“.

Erschrocken und ausgewichen

„Er hat versucht, über die Mauer neben dem Gehweg zu springen, hat es nicht geschafft und ist mir dann auf die Motorhaube gesprungen.“ Daraufhin habe sich der Angeklagte erschrocken und sei auf die Straße ausgewichen. I. sei dabei auf die Straße gefallen.

„Joe“ bedauert nun, die Tat begangen zu haben und entschuldigt sie mit seiner derzeitigen Situation: „Ohne Drogen und mit fester Arbeit hätte ich diese Tat niemals begangen. Mir ist bewusst, dass eine Haftstrafe ohne Bewährung unausweichlich ist. Wichtig ist mir nur, dass ich im Gefängnis von den Drogen wegkomme.“

Die fünf Richter hören sich das Geständnis an, fragen aber nach. Richter Dr. Niels Höra scheint Zweifel zu haben: „Ich vermisse in Ihrer Einlassung, dass Sie gebremst haben. Bremsen ist doch eine super Sache, wenn man niemanden verletzen will.“ Daraufhin erklärt „Joe“: „Hätte ich ihn töten wollen, wäre ich doch schneller oder noch mal über ihn drübergefahren.“

Dass „Joe“ kein unbeschriebenes Blatt ist, bestätigt eine Nachbarin als Zeugin. So soll der Nidderauer sogar in schwunghafte Hehlerei mit gestohlenem Leergut verwickelt sein.

Lebensbeichte des Angeklagten

Dann hören sich die Worte des 22-Jährigen wie eine Lebensbeichte an: „In den vergangenen Jahren habe ich viel Unfug angestellt“, erklärt er den Richtern.

Mit Blick auf das Vorstrafenregister ist das nett umschrieben, denn er hat bereits zehn Einträge im Bundeszentralregister. Bereits mit 14 Jahren ist er mit dem Gesetz in Konflikt geraten. Diebstähle, Fahren ohne Führerschein und gefährliche Körperverletzung. Das alles wird schließlich mit einer Jugendstrafe von einem Jahr und drei Monaten geahndet, die er bis zum Schluss absitzen muss.

Beeindruckt hat das „Joe“ offenbar nicht. Zwei Jahre und vier Monate hinter Gittern folgen kurz darauf, weil er an einem bewaffneten Raubüberfall beteiligt war. Aus dieser Freiheitsstrafe sind noch sieben Monate „offen“. Als er im November in Windecken hinter dem Steuer sitzt, steht er immer noch unter Bewährung.

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