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Die Nidderauer versuchen sich gegenseitig zu unterstützen, indem sie beispielsweise Einkaufen.

Corona-Krise

Bürger versorgen Bedürftige: Privatleute und Gewerbetreibende organisieren kostenlose Lebensmittel

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Tafeln und Essensbänke verrichten in unserer Gesellschaft einen wichtigen Dienst. So versorgt die Essensbank der Evangelischen Brückengemeinde in Heldenbergen rund 300 Menschen, die am Existenzminimum leben, nach einem Unfall berufsunfähig geworden sind, Rentner, Alleinerziehende oder Asylbewerber.

Unter diesen Menschen sind auch viele Familien, etwa 100 Kinder sind betroffen. Doch aufgrund der Corona-Krise hat die Essensbank in Heldenbergen ihren freiwilligen Dienst bis auf Weiteres eingestellt. „Man darf nicht vergessen, dass auch wir rein ehrenamtlich aufgestellt sind“, betont Pfarrer Markus Heider. „Viele unserer Helfer gehören aufgrund ihres Alters zur Gruppe der besonders gefährdeten Personen. Wir denken darüber nach, ob wir statt der persönlichen Essensausgabe ein Gutscheinsystem anbieten können, um die Menschen zu unterstützen.“ 

Glücklicherweise haben sich inzwischen auch in Nidderau Privatleute und Gewerbetreibende über soziale Netzwerke organisiert, um bedürftigen Mitmenschen unbürokratische Hilfe zukommen zu lassen. Das Besondere: Die Hilfe geht über den inzwischen vielerorts üblichen Einkaufsservice hinaus. Denn die Gruppe sammelt und verteilt ähnlich der Essensbank kostenlose Lebensmittel. Zudem spenden Privatpersonen und Geschäfte Dinge wie Windeln, Zahnbürsten oder Spielzeug. 

400 Mitglieder in der Facebook-Gruppe

„Wir sind in unserer Facebook-Gruppe inzwischen über 400 Mitglieder“, berichtet Sonja Nollau. Die 29-Jährige hat die Initiative gemeinsam mit zwei weiteren Frauen vor einer Woche gestartet. „Die Hilfsbereitschaft ist riesig. Der Baumarkt Hack hat Hundefutter, Pferdefutter und Blumen fürs Altenheim gespendet, die Bäckereien Brückner und Philippi geben Brot und andere Backwaren. Das Eiscafé Treviso hat über 200 Liter Milch abgegeben.“ Alle drei Frauen seien mehrfache Mamas, erläutert Nollau. Dennoch koordinieren sie derzeit neben ihrem Alltag die Hilfsangebote und -gesuche, die über Facebook, Whatsapp und per Telefon eingehen. 

Die Lebensmittel werden von den Frauen an ihren Wohnhäusern in Heldenbergen, Win-decken und Ostheim verteilt. Dafür, dass die Essensbank ihren Dienst bis auf Weiteres eingestellt hat, haben die Organisatorinnen Verständnis. Auf Facebook schreiben sie: „Wir können natürlich die Tafel/Essensbank nicht ersetzen, da wir auch gar nicht die Kapazitäten dazu haben. Wir haben keine Lieferwagen, kein Lager und auch keine Kühlung. Zudem wurde (die Essensbank) geschlossen, um Menschenansammlungen zu verhindern und um die ehrenamtlichen Mitarbeiter zu schützen, die ja auch meist älter sind. Somit ist meiner Meinung nach ein Ersatz in vollem Umfang auch nicht ratsam. Wir werden aber im Rahmen unserer Möglichkeiten, so gut es geht helfen.“ 

Geschäftsführer Omid Maroufi: Man dürfe die Menschen nicht fallenlassen

„Wir fahren auch mal eine Tour, wenn die Leute keine Möglichkeit haben, die Sachen selbst abzuholen“, sagt Sonja Nollau. „Außerdem nehmen wir auch anonyme Anfragen entgegen. Die Leute sollen sich nur nicht schämen, zu sagen, dass sie was brauchen.“ Dazu gibt es seit Mittwoch ein weiteres Hilfsangebot in der Stadt. Das Restaurant Djangos bietet jeden Abend zwischen 19 und 20 Uhr eine kostenlose warme Mahlzeit für Bedürftige. Zudem beliefern die Mitarbeiter seit Freitagabend die Bewohner der Flüchtlingsunterkunft in der Liebigstraße.

„Ich habe gehört, dass die Essensbank ausfällt“, erklärt Geschäftsführer Omid Maroufi, der das Lokal neben dem Kino seit Juni 2017 betreibt. „Da habe ich mich entschieden, abends die Essensausgabe anzubieten, bis wir wieder einen normalen Betrieb aufnehmen können.“ Von den verordneten Restaurantschließungen ist Maroufis Essensausgabe nicht betroffen. Auch der Mitnahmeservice des Lokals läuft weiter – natürlich unter Erfüllung aller geforderten Hygieneauflagen. Zwar müsse auch er derzeit riesige Umsatzeinbußen verkraften, sagt der 33-jährige Maintaler. Aber er versuche, seine Angestellten so lange wie möglich weiter zu beschäftigen. „Ich versuche, durchzuhalten. Wir dürfen die Menschen nicht fallen lassen. Mein Vater hat mir beigebracht: 'Wenn Du glaubst, es geht Dir schlecht, dann schau unter Dich. Da gibt es Leute, die schlechter dran sind.'“


Wer das Angebot der Nachbarschaftshilfe Nidderau in Anspruch nehmen möchte oder die Initiative unterstützen will, kann sich per E-Mail an die Adresse anni.dem@aol.de wenden oder die Gruppe auf Facebook besuchen.

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