Über die Vorschläge „Blaue Bank“ und „Sozialkaufhaus“ von Pfarrer Lukas Ohly hat der Seniorenbeirat diskutiert, während der Ideengeber schon mal eine Bank in Ostheim ausprobiert hat. Foto: Seifert

Nidderau

"Blaue Bank" statt Daumen raus: Projekt zur Mobilität in Nidderau

Nidderau. Auf einem Neujahrsempfang hatte Pfarrer Lukas Ohly bereits zwei Projekte vorgeschlagen. Die „Blaue Bank“ sowie ein „Sozialkaufhaus“ sollen den Bürgern zugute kommen. Der Seniorenbeirat der Stadt hat sich damit beschäftigt und wird beide Themen auch bei seinem nächsten Arbeitstreffen diskutieren.

Von Thomas Seifert

„Ich bin positiv überrascht, dass der Seniorenbeirat so schnell reagiert und über die beiden Vorschläge sprechen will“, stellte Pfarrer Ohly im Gespräch mit dieser Zeitung fest. Von dem Projekt „Blaue Bank“ zur Lösung von Mobilitätsproblemen hatte er von verschiedenen Seiten gehört und gelesen.

Unter anderem habe Erster Stadtrat Rainer Vogel auf Facebook diese Idee gepostet, allerdings sei die Resonanz bescheiden gewesen. Da er die Idee dahinter aber charmant und zielführend finde, habe er das Forum Neujahrsempfang genutzt, um darauf hinzuweisen, so Ohly.

Sammelpunkt für BürgerDie „Blaue Bank“ – nach ihrer Farbe benannt – soll ein Sammelpunkt für Bürger sein, die nicht mobil sind und in Stadtteilen wohnen, in denen die Busverbindungen nicht optimal sind. In der näheren Umgebung wurde schon vor Monaten in Dietzenbach das Projekt „Blaue Bank“ umgesetzt und erfreut sich steigender Beliebtheit. Wer von A nach B kommen will, setzt sich dort auf eines von inzwischen mehreren Exemplaren, die über das gesamte Stadtgebiet verteilt sind. Autofahrer, die bereit sind, Wartende mitzunehmen, halten an und fragen nach dem Ziel.

Wenn es passt, dann können Wartende mitgenommen werden. „Im Prinzip ist das wie per Anhalter fahren, nur dass man sich nicht an die Straße stellen und den Daumen raushalten muss“, beschreibt Ohly das Prinzip. In Dietzenbach wurde das System laut Presseberichten perfektioniert, Wartende können dort per herausklappbaren Schildern an den Bänken ihr Fahrziel kundtun. Autofahrer brauchen dann gar nicht anhalten, wenn sie sehen, dass sich das Wunschziel nicht mit dem eigenen Fahrziel deckt.

Auch an Rückfahrt denkenOhly sieht als Zielgruppe vor allem ältere Menschen ohne Auto, aber auch Flüchtlinge, die zum Beispiel in Erbstadt untergebracht sind, wo der Weg mit dem Fahrrad, falls ein solches überhaupt vorhanden ist, nach Heldenbergen oder Windecken doch sehr mühsam sei.

„Natürlich muss auch sichergestellt sein, dass es für die Benutzer der „Blauen Bank“ auch eine Möglichkeit der Rückfahrt gibt. Das heißt, auch an den Zielpunkten sollten solche Bänke aufgestellt werden“, gibt Ohly zu bedenken. Zudem müssten Wartende und Autofahrer ein gewisses Vertrauensverhältnis aufbauen, damit das System funktionieren kann.

Dietzenbacher ModellIn einer Stadt wie Nidderau sieht der Pfarrer das aber nicht als Hindernis an, wo sich viele Bürger kennen würden und so etwas wie eine „Ortsfamilie“ bestehe. Kein Hindernis sollte nach Ansicht von Ohly die Beschaffung oder Finanzierung solcher „Blauen Bänke“ sein: „Ein Ostheimer Verein hat sich bereit erklärt, eine Bank in diesem Stadtteil zu spenden.“

Bis zur möglichen Umsetzung müsste sich aber auch die Politik erklären, ob ein Projekt „Blaue Bank“ in Nidderau gewollt ist und wie es organisiert werden soll. Sprich, wo die Bänke im Stadtgebiet am sinnvollsten aufgestellt werden können und welche Ausstattung sie bekommen könnten – siehe das Dietzenbacher Modell, fügte Ohly hinzu.

SozialkaufhausFür die Umsetzung eines „Sozialkaufhauses“ in der Stadt sieht der Ostheimer Pfarrer das Raumproblem an vorderster Stelle. „Allerdings gibt es auch in Nidderau genügend Menschen, die mit jedem Cent rechnen müssen und dort sozialverträglich einkaufen könnten. Jede Woche erreichen das Pfarrbüro Anrufe von Bürgern, die Gegenstände des täglichen Gebrauchs oder Kleider übrighaben“, berichtet Lukas Ohly.

„Die Hilfsbereitschaft war 2015, als die Flüchtlinge kamen, sehr groß. Jetzt sollten wir an die Bedürftigen denken, da wäre es ein integrativer und inklusiver Ansatz, ein Sozialkaufhaus zu etablieren“, betonte der Pfarrer.

Win-win-SituationEin richtiger Laden hätte den Vorteil, dass die Bedürftigen dort nicht als Bittsteller erscheinen oder einen Nachweis ihrer Bedürftigkeit wie bei den Essentafeln liefern müssten. Lukas Ohly ist auch sicher, dass es genügend Menschen gebe, die sich für solch ein Projekt engagieren würden. „Anfangen würde ich mit Kleidern, um zu sehen, wie groß der Bedarf ist, um dann Zug um Zug das Angebot auszuweiten“, schlägt der Seelsorger vor.

Aber, betont er, das Projekt „Sozialkaufhaus“ stehe und falle mit geeigneten Räumlichkeiten, die man zunächst finden müsse, ehe man weiter planen und dafür werben könne. „Für Bedürftige und Bürger, die Überzähliges einem guten Zweck zukommen lassen wollen, wäre das eine absolute Win-win-Situation“, ist Ohly von dieser Idee überzeugt.

Arbeitssitzung Mitte MärzDa Pfarrer Ohly in der Sitzung des Seniorenbeirats nicht persönlich anwesend sein konnte, um seine Ideen vorzustellen, war geplant, dass seine Frau diesen Part übernehmen sollte. „Wir haben lange auf Frau Ohly gewartet“, berichtete Beiratsvorsitzender Reiner Benthaus, „aber sie hat es zeitlich nicht geschafft. Deshalb werden wir in einer Arbeitssitzung Mitte März beide Punkte diskutieren.“

Während Benthaus glaubt, die „Blaue Bank“ könne man schnell realisieren, ist er beim Thema „Sozialkaufhaus“ skeptischer und erwartet größere Organisationshürden. „Aber ich will der Diskussion im Seniorenbeirat nicht vorgreifen, das ist meine private Meinung“, betonte Benthaus im Gespräch mit dem Hanauer Anzeiger.

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