Noteinsatz für Nummer 17: Kristin Herbig will die Fällung „ihrer“ Linde an der Beethovenallee, die mit Absperrbaken umstellt ist, unbedingt verhindern. Der Grund für die mögliche Fällung sind die Gasleitungen. Fotos: Jan-Otto Weber

Nidderau

Anwohner der Beethovenallee wollen Baumfällungen verhindern

Nidderau, Kristin Herbig ist „außer Rand und Band“, wie sie sagt. Seit vier Tagen ist die Heldenbergenerin von morgens bis abends am Telefon, korrespondiert mit der Stadtverwaltung, postet Artikel und Fotos bei Facebook und sammelt Unterschriften in der Nachbarschaft.

Von Jan-Otto Weber

Der Grund: In der Beethovenallee, wo die Naturliebhaberin seit 22 Jahren lebt, sollen Linden gefällt werden. „Das nimmt mich total mit.“

Es ist nicht das erste Mal, dass an der Straße Bäume weichen müssen. „Die Stadt fällt mittlerweile bereits über einen Zeitraum von mindestens 15 Jahren immer mal wieder hier, dann da, dann dort eine Linde“, erklärt Herbig bei einem Besuch unserer Zeitung. „Die Stadt sagt zwar, sie würde die Fällungen auf ein Minimum beschränken. Aber ich befürchte, dass irgendwann gar kein Baum mehr hier steht. Von einer Allee kann dann keine Rede mehr sein.“

Fällung zum Schutz der Versorgungsleitungen

Aufmerksam wurde Herbig, als sie am Montagmorgen das Haus verließ und sah, dass der Lindenbaum, der direkt vor ihrem Haus steht, mit Absperrbaken umstellt war. Ein Arbeiter erklärte ihr, dass der Baum und vier weitere im hinteren Bereich der Straße weg sollen.

Statt auf die Arbeit fuhr Herbig direkt ins Rathaus, um sich zu informieren. Tatsächlich hatte die Stadt ebenfalls am Montag folgende Pressemitteilung verschickt: „Bei Aufgrabungsarbeiten wurde festgestellt, dass Baumwurzeln bereits bis an Versorgungsleitungen heranreichen. Zum Schutz der Versorgungsleitungen werden nun fünf Bäume gefällt.“

Herbig wisse, wovon sie spreche

Noch am gleichen Tag sammelt Herbig rund 30 Unterschriften in der Nachbarschaft und verschickt per „Eilantrag“ ein Begnadigungsgesuch an den Magistrat. „Auch wenn wir unter Umständen nicht alle noch übergebliebenen Linden der Beethovenallee werden retten können, so wäre es hoffentlich möglich, die zehn Bäume im Einfahrbereich in die Allee zu verschonen“, schreibt sie in einem mehrseitigen Appell, in dem sie auch zahlreiche Fotos von Vögeln und Insekten aufführt, die in den Linden ihren Lebensraum haben.

Kristin Herbig weiß, wovon sie spricht. Die Krone der zur Fällung vorgesehenen Linde „Nummer 17“ reicht direkt bis vor ihr Schlafzimmerfenster im dritten Stock, wo sie mit ihrem 21-jährigen Sohn wohnt. Herbig, deren Eltern das Haus in den 90er Jahren erbauten, hat auf ihrem Balkon ein kleines Insekten- und Vogelparadies erschaffen und kümmert sich auch sonst um Flora und Fauna rund ums Haus.

​​​Fauna bräuchte die Linden

Natur- und Artenschutz, Erhaltung des Mikroklimas, Lebensqualität und Lebensraum – das sind Themen, die die Kommunikationsdesignerin umtreiben, die seit mehr als zehn Jahren für das Amt 70 Umwelt, Naturschutz und Ländlicher Raum des Main-Kinzig-Kreises Flyer und Konzepte erstellt.

„Die Natur, die Vogelwelt, aber auch nicht zuletzt unsere Bienen, Hummeln und Schmetterlinge brauchen diese Linden“, stellt Herbig fest. „Es kann doch nicht sein, dass überall Blühfelder propagiert werden und man dann diese Bäume fällt.“

Stadtrat kann die Beweggründe nachvollziehen

Ein Baum in der Größenordnung speichere etwa 3500 Kilogramm CO2 im Jahr, produziere 4600 Kilogramm Sauerstoff und filtere 36 000 Kubikmeter Luft am Tag. „Trotz Umgehungsstraße hat der Verkehr hier zugenommen“, untermauert Herbig die Bedeutung der Bäume im wachsenden Nidderau. „Die Einwohnerzahl genau an diesem Standort ist exorbitant in die Höhe geschnellt. Genau hier in unmittelbarer Nähe leben demnächst Tausende neue Menschen, die atmen, sich fortbewegen und so weiter. Wir wollen das bisschen Natur, was noch da ist, erhalten.“

Erster Stadtrat Rainer Vogel kann die Beweggründe der Anwohner nachvollziehen. „Die Linde ist ein toller Baum mit hohem ökologischen Nutzen“, bestätigt der Grünen-Politiker. Fakt ist aber auch, dass in den 80er Jahren Planungsfehler gemacht wurden. Die Bäume hätten dort nie stehen dürfen.“

„Die Wasserversorgung und der Kanal sind nicht das Problem“

Bereits in einem Schreiben von 2015 habe der Energieversorger Main-Kinzig-Gas darauf hingewiesen, dass die Richtlinie, die einen Abstand von 2,50 Meter zwischen Gasleitung und Stammachse eines Baumes empfiehlt, in der Beethovenalle nicht eingehalten werde. 2016 seien dann Gutachten erstellt worden. Auf deren Grundlage werde der städtische Bauhof in der kommenden Woche mit den Baumfällungen beginnen.

Linden in sattem Grün: Auto- und Grundstücksbesitzer sind nicht gut auf Baumpollen und Laub zu sprechen. Für Vögel und Insekten sind die Bäume an der Beethovenallee jedoch ein wertvoller Lebensraum – und ein Klimafaktor für die Anwohner. Archivfoto: Privat

„Die Wasserversorgung und der Kanal sind nicht das Problem“, so Vogel. „Auch eine kaputte Telekom-Leitung könnte man zur Not reparieren. Aber wenn eine Gasleitung durch Wurzeln beschädigt wird, kann es gefährlich werden. Das kann niemand riskieren.“

Baum könne vorerst stehen bleiben

Insgesamt seien im aktuellen Haushaltsplan 420 000 Euro für den Rückbau von Bäumen in der Allee Mitte vorgesehen, so Vogel. Ähnlich wie in der Bahnhofstraße sollen in Absprache mit den Anwohnern aber auch wieder Bäume gepflanzt werden, wo es möglich ist, „eventuell auch in Kübeln, um den Allee-Charakter zu erhalten“, so Vogel.

Was den Baum Nummer 17 vor Kristin Herbigs Haus betrifft, kann der Umweltdezernent immerhin ein wenig Hoffnung machen. „So wie es aussieht, kann der Baum wohl vorerst stehen bleiben.“

Hilfe für LindenUnterschriftenlisten zum Erhalt der Linden an der Beethovenallee liegen vor Ort im Eiscafé Cancian aus.

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