Nicht der letzte Auftritt vor Gericht: Der 22-jährige "Joe" ist am Montag zu fünf Jahren Freiheitsstrafe verurteilt worden. Er hatte eine "Schuldner" in Nidderau angefahren. Foto: Thorsten Becker

Nidderau

Abrechnung im Drogenmilieu: 5 Jahre Haft für Nidderauer

Nidderau/Hanau. Am Ende prasseln die Warnungen auf „Joe“ herab: „Gehen Sie, aber kommen Sie nicht wieder hierher! Jedenfalls nicht in dieser Rolle“, mahnt ihn der Vorsitzende Richter Dr. Peter Graßmück. Und „Joe“ (22, aus Nidderau) wird jetzt recht viel Zeit haben, über diese Worte nachzudenken.

Von Thorsten Becker

Fünf Jahre Freiheitsstrafe, so lautet am Montagnachmittag das Urteil gegen den jungen Mann, der gemeint hat, in der „Szene“ seiner kleinen Stadt eine „große Nummer“ zu sein, der Angst und Schrecken verbreiten kann, wie es ihm in den Kram passt. Er hatte im November vergangenen Jahres an der Bahnhofstraße zwischen Windecken und Heldenbergen einen 21-Jährigen hinterrücks angefahren.

Dass das Opfer nur leichte Verletzungen davongetragen hat, sei keineswegs das „Verdienst“ des Angeklagten, so der Vorsitzende. Zwar hat die 1. Schwurgerichtskammer am Hanauer Landgericht den zuvor angeklagten Vorwurf des versuchten Mordes fallen gelassen, weil „Joe“ kein Tötungsvorsatz nachzuweisen war, aber eine deftige Strafe ist es trotzdem. Denn die Kammer erkennt auf einen schweren gefährlichen Eingriff in den Straßenverkehr sowie gefährliche Körperverletzung.

Einiges auf dem Kerbholz

Dass die Strafe in dieser Größenordnung ausfällt, hat mit dem Vorstrafenregister von „Joe“ zu tun. Mit nur 22 Jahren hat er bereits zwei Jugendstrafen abgesessen und insgesamt neun Urteile auf dem Kerbholz. Jetzt ist das zehnte dazugekommen.

„Wir sind überzeugt davon, dass mit dieser Aktion Drogenschulden eingetrieben werden sollten“, stellt Graßmück fest. Es sei eine Abrechnung im Nidderauer Drogenmilieu gewesen. Das Opfer, das jüngst selbst nach seiner Zeugenaussage verhaftet worden war (wir berichteten), scheint wohl kein Unschuldslamm gewesen zu sein. Immerhin schuldete er wohl rund 200 Euro aus illegalen Geschäften und war an diesem Novemberabend zu einer „Aussprache“ an den Heldenberger Bahnhof bestellt worden.

Verurteilung unumgänglich

Auf dem Weg dorthin fährt „Joe“ den Kontrahenten von hinten an. Lässt den Motor aufheulen, will dem Schuldner Angst einjagen. Der hüpft im letzten Moment auf die Motorhaube, klammert sich fest und fällt schließlich vom Auto – mit dem Gesicht zuerst. Glücklicherweise erleidet er nur Schürfwunden und Prellungen.

„Sie hatten nicht in der Hand, was passiert ist“, stellt Graßmück fest und verweist darauf, dass es in ähnlichen Fällen bereits Todesopfer gegeben hatte. Daher ist eine Verurteilung unumgänglich. Das weiß „Joe“, sein Verteidiger hat ihn bereits darauf vorbereitet, dass er den Gerichtssaal nicht ohne Handschellen verlassen wird. Der Angeklagte scheint froh zu sein, dass er am Ende nicht wegen versuchten Mordes verurteilt worden ist.

Tat während der Bewährungszeit

Was diesen Prozess so unheimlich macht, ist die kriminelle Karriere, die der junge Nidderauer bereits hinter sich hat. Eine abgeschlossene Ausbildung hat er nicht. „Ich habe eine Ausbildung als Koch angefangen“, sagt er den Richtern. Allerdings war der Beginn der Lehre in „Rocky Hill“ – so wird der Jugendknast Rockenberg genannt. In Freiheit hat er versucht, als Koch weiter zu lernen – sogar die Zwischenprüfung geschafft –, doch dann kam die nächste Verhaftung dazwischen.

Aus der jüngsten Jugendhaft hat er sogar noch sieben Monate „offen“, das jetzt abgeurteilte Verbrechen hat er während laufender Bewährung begangen – die nun widerrufen wird.

Weiteres Verfahren offen

Doch das ist noch lange nicht alles: Jüngst hatte vor dem Hanauer Schöffengericht ein weiteres Verfahren begonnen: Dort wird „Joe“ vorgeworfen, mit Marihuana und Ecstasy schwunghaften Handel getrieben zu haben – Ausgang offen. Könnte sein, dass der Aufenthalt hinter Gittern noch etwas verlängert wird.

Mit ihrem Urteil bleibt die Kammer nur unwesentlich unter der Forderung von Staatsanwalt Dr. Alexander Voigt, der fünfeinhalb Jahre Haft fordert. Verteidiger Michael Euler sieht einen „minderschweren Fall“ und beantragt nur zweieinhalb Jahre.

Dringende Mahnung des Staatsanwalts

Auch Voigt rückt vom Vorwurf des versuchten Mordes ab, bleibt aber dabei, dass das Opfer „mit Absicht von hinten angefahren“ wurde. Zusätzlich ist „Joe“ noch wegen Fahrens ohne Führerschein verurteilt worden – was kaum ins Gewicht fällt. Das scheint bei dem jungen Mann schon zur Routine geworden zu sein, mehrfach ist er deshalb vorbestraft.

Daher hat auch der Staatsanwalt eine dringende Mahnung zum Ende seines Plädoyers: „Wenn Sie irgendwann wieder draußen sind . . .  machen Sie bitte einen Führerschein. Dann würden wir uns weniger sehen – das wäre mir auch ganz Recht.“

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